Suizid mit Schusswaffen: Jeder Zweite erschiesst sich mit Armeewaffe

Aktualisiert

Suizid mit SchusswaffenJeder Zweite erschiesst sich mit Armeewaffe

Nicht bei neun, sondern bei 49 Prozent der Schusswaffensuizide ist die Tatwaffe eine Armeewaffe. Eine Untersuchung des BAG zeigt eine völlig neue Datenlage.

von
Ronny Nicolussi

Das umfassend abgestützte Faktenblatt «Suizid mit Schusswaffen» aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) widerlegt die bisherigen Informationen des Bundes und zeigt: Wenn sich Menschen mit einer Schusswaffe selbst töten, benutzen sie in 49 Prozent der Fälle eine Armeewaffe. Bisher sprach das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) immer von neun Prozent. Das Departement berief sich dabei auf die Kriminalstatistik 2009. Weil die Kantone ihre Daten jedoch uneinheitlich erheben, dürfte diese Statistik nicht die Realität abbilden.

Thomas Reisch, Leiter Schwerpunkt Psychotherapie der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie Bern und Verfasser des BAG-Faktenblatts, stützt sich bei seiner Auswertung auf vier Studien aus den Jahren 2006 bis 2010. Diese untersuchten den Zusammenhang von Armeewaffe und Schusswaffensuizid. Der Anteil der Armeewaffen schwankte dabei zwischen 41,7 und 68 Prozent, sodass Reisch auf ein gewichtetes Mittel von 49 Prozent kommt.

Das BAG-Faktenblatt zeigt auf, dass Waffen besonders bei Suiziden von Männern eine grosse Rolle spielen. Über 95 Prozent aller Schusswaffensuizide betreffen Männer. Insgesamt ist seit 1995 bei rund einem Viertel aller Suizide eine Schusswaffe eingesetzt worden. Etwa gleich häufig haben Lebensmüde Erhängen als Methode gewählt, gefolgt von Medikamenten (20,4 Prozent) und dem Sprung in die Tiefe (10,9 Prozent). In 6,5 Prozent der Fälle haben sich Selbstmörderinnen und Selbstmörder vor fahrende Gegenstände gelegt – zumeist vor Züge.

20- bis 29-Jährige greifen am häufigsten zur Waffe

Bei den 20- bis 29-Jährigen – also den dienstpflichtigen Jahrgängen – ist Erschiessen mit über 35 Prozent der Fälle deutlich die häufigste Suizidmethode. Je nach Lebensalter werden unterschiedliche Suizidformen gewählt. Während sich 40- bis 59-jährige Lebensmüde am häufigsten erhängen, wählen Menschen im hohen Alter zunehmend Medikamente zur Selbsttötung. Insgesamt sterben in der Schweiz jährlich etwa 1300 Menschen durch Suizid.

Eine erfreuliche Tendenz stellt der Studienverfasser seit 2003 fest: Die Anzahl Schusswaffensuizide hat signifikant abgenommen. Die sprungartige Abnahme wird mit der Einführung der Armee XXI in Zusammenhang gebracht. Die Armeereform hatte zu einer deutlichen Reduktion des Armeebestandes und damit gleichzeitig auch zu einer Reduktion der Anzahl verfügbarer Armeewaffen geführt.

Zusammenhang zwischen Armeewaffenbestand und Schusswaffensuiziden

Gemäss Studienverfasser lässt die Korrelation zwischen Schusswaffensuiziden und dem Effektivbestand der Armeewaffen auf einen aussergewöhnlich starken Zusammenhang schliessen. Während von 1995 bis 2002 bei einem Armeewaffenbestand von gut 400 000 jährlich rund 350 Schusswaffensuizide registriert wurden, waren es in den Jahren 2004 bis 2008 bei gut 200 000 Armeewaffen noch rund 250 Schusswaffensuizide.

Die Suizidrate ging bei sämtlichen Alterskategorien unter 60 Jahren zurück, am stärksten bei den 30- bis 39-Jährigen. Reisch führt das darauf zurück, dass unter 50-Jährige durch die Reduktion des Armeebestandes weniger Kontakt zur Armeewaffe hatten als die Generation vor ihnen.

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