Umfrage: Jeder zweite Schweizer ist unzufrieden mit den Politikern in Bern

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UmfrageJeder zweite Schweizer ist unzufrieden mit den Politikern in Bern

Jeder zweite Schweizer ist der Ansicht, dass in Bundesbern nicht genügend im Interesse des Volkes politisiert wird. Politiker zeigen sich selbstkritisch und überrascht.

von
Marino Walser
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Eine Studie im Auftrag von Philip Morris zeigt: 52 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass in Bundesbern zu wenig im Interesse des Volkes politisiert werde.

Eine Studie im Auftrag von Philip Morris zeigt: 52 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass in Bundesbern zu wenig im Interesse des Volkes politisiert werde.

20min/Matthias Spicher
Die höchste Schweizerin, Nationalratspräsidentin Irène Kälin, zeigt sich aufgrund des Resultats der Studie selbstkritisch. «Gerade nach der Pandemie halte ich es für möglich, dass man der Meinung ist, die Politik habe am Volk vorbei politisiert», sagt Kälin.

Die höchste Schweizerin, Nationalratspräsidentin Irène Kälin, zeigt sich aufgrund des Resultats der Studie selbstkritisch. «Gerade nach der Pandemie halte ich es für möglich, dass man der Meinung ist, die Politik habe am Volk vorbei politisiert», sagt Kälin.

20min/Simon Glauser
Gelassener über das Resultat zeigt sich der Präsident des Ständerats, Thomas Hefti. «Würde das Volk denken, die Politik begehe Verfassungs- und Gesetzesbrüche, wäre ich beunruhigt.» Auch er sagt jedoch: «Es liegt in der Hand jedes Einzelnen.»

Gelassener über das Resultat zeigt sich der Präsident des Ständerats, Thomas Hefti. «Würde das Volk denken, die Politik begehe Verfassungs- und Gesetzesbrüche, wäre ich beunruhigt.» Auch er sagt jedoch: «Es liegt in der Hand jedes Einzelnen.»

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Eine Studie im Auftrag von Philip Morris zeigt, dass mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer der Ansicht sind, dass im Bundeshaus ihre Interessen nicht vertreten werden. 

  • Das Volk wünscht sich laut der Studie mehr Kompromissbereitschaft zwischen den Politikern und Politikerinnen.

  • Die höchste Schweizerin zeigt sich selbstkritisch, legt jedoch den Gang an die Urne nahe. 

  • Ein Politologe stützt Teile der Studie, sagt jedoch, dass sich die Politik dem Volk eher annähere. 

Als die Benzinpreise explodierten, forderten einige von der Politik eine Preissenkung. Diese scheiterte im Parlament. Wegen der drohenden Energieknappheit rät Elcom-Chef Werner Luginbühl bereits, Kerzen zu kaufen – die politischen Parteien schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Auch die Teuerung beschäftigt die Schweiz, die Gewerkschaften fordern generelle Lohnerhöhungen von drei bis fünf Prozent.

Die Werkzeuge, um diese Probleme zu lösen, hat die Politik in der Hand. Nun zeigt eine Studie im Auftrag von Philip Morris (siehe unten): 52 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass in Bundesbern zu wenig im Interesse des Volkes politisiert werde. Knapp ein Drittel denkt, dass die Parteien sich in den Diskussionen um die grossen politischen Fragen zu sehr darauf fokussierten, die eigene Extremlösung durchzusetzen. Und 77 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Kompromissbereitschaft.

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Die höchste Schweizerin, Nationalratspräsidentin Irène Kälin, zeigt sich aufgrund des Resultats der Studie selbstkritisch. «Gerade nach der Pandemie halte ich es für möglich, dass man der Meinung ist, die Politik habe am Volk vorbei politisiert», sagt Kälin.

Gleichzeitig hebt die Politikerin die Vorteile des Schweizer Systems hervor. Ist die Bevölkerung mit der jetzigen Situation unzufrieden, habe sie die Möglichkeit, dies im nächsten Jahr zu ändern. «Wir haben ein ausgezeichnetes System, um Änderungen schnell und radikal herbeizuführen. Es braucht nur den Gang an die Urne», sagt Kälin.

«Kompromisse müssen uns wieder gelingen»

Kälin stellt aber auch die Kompromissbereitschaft der Bevölkerung in Frage. Ihrer Ansicht nach hat sich die Politik schon einige Male auf einen Kompromiss geeinigt. «Bei der Abstimmung über das CO2-Gesetz beispielsweise. Die Kompromissbereitschaft im Parlament wurde dann aber vom Volk nicht mitgetragen.»

Kälin ist fest überzeugt, dass die Kompromissbereitschaft eine Stärke unseres Landes sei. «Dies muss uns wieder vermehrt gelingen. In der Politik wie auch beim Volk. Darum kann ich dem Resultat der Studie ein gewisses Verständnis entgegenbringen und teile die Sorgen der Mitbürgerinnen und Mitbürger», sagt Kälin.

Glaubst du, die Politisierenden vertreten in Bern die Ansichten und Meinungen des Volks?

Überrascht über Resultat

Gelassener über das Resultat zeigt sich der Präsident des Ständerats, Thomas Hefti. «Würde das Volk denken, die Politik begehe Verfassungs- und Gesetzesbrüche, wäre ich beunruhigt.» Auch er sagt jedoch: «Es liegt in der Hand jedes Einzelnen.» Laut Hefti wäre es interessant, wie viele von den Befragten bei den letzten Wahlen zur Urne gingen. «Die Schweizerinnen und Schweizer können nächstes Jahr an der Urne die gewünschte Änderung herbeiführen.»

Überrascht ist Hefti darüber, wie die Befragten in der Studie über die Kompromissbereitschaft denken. «Die Schweiz ist ein Land, das sehr auf Kompromiss und Konsens bedacht ist. Der Vorwurf, die Politik mache zu häufig Kompromisse, ist mir öfter begegnet», so Hefti.

Annäherung zwischen Stimmvolk und Parlament

Politologe Sandro Lüscher erklärt sich das Resultat der Studie damit, dass das Volk von Bundesbern erwarte, Unsicherheiten abzufedern. «Sie wissen, dass sich die Schweiz globalen Entwicklungen nicht entziehen kann. Gleichwohl erwarten sie von der Politik, dass die Bevölkerung die negativen Auswirkungen wie drohende Energieknappheit, Teuerung oder steigende Benzinpreise im Alltag möglichst nicht zu spüren bekommt», so Lüscher.

Auch die bemängelte Polarisierung stützt Lüscher: «In gewissen Politikfeldern und in spezifischen Themenbereichen findet diese tatsächlich statt. So ist es etwa bei der AHV-Reform zu einem Reformstau gekommen, weil verschiedene Vorschläge von den politischen Gegnern blockiert werden.» Dabei handle es sich aber um Ausnahmefälle. «Bei den allermeisten Sachgeschäften werden einvernehmliche Lösungen gefunden.»

Eine Entfremdung zwischen Politisierenden und dem Volk verneint Lüschen hingegen: «Mit Blick auf das Abstimmungsverhalten zeigt sich sogar eine Annäherung zwischen dem Stimmvolk und dem Parlament.»

Studie im Auftrag von Philip Morris:

Das Forschungsinstitut Povaddo hat im Mai eine Erhebung im Auftrag von Philip Morris durchgeführt. Diese wurde in insgesamt 23 Ländern vorgenommen. Bei der Studie ging es darum, der Bevölkerung hinsichtlich ihrer Erwartungen gegenüber der Politik auf den Zahn zu fühlen. In der Schweiz wurden dazu 2000 Personen befragt.

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