FDP-Mann fordert: Jedes Jahr zum Gratis-Check beim Arzt
Aktualisiert

FDP-Mann fordertJedes Jahr zum Gratis-Check beim Arzt

FDP-Regierungsrat Christian Rathgeb will die Bürger auf Herz und Nieren prüfen lassen – kostenlos. Gesundheitspolitiker von links bis rechts und die Krankenkassen finden das keine gute Idee.

von
Simon Hehli
Der freisinnige Bündner Gesundheitsdirektor Christian Rathgeb kommt mit seiner Idee bei den nationalen Gesundheitsexperten nicht an.

Der freisinnige Bündner Gesundheitsdirektor Christian Rathgeb kommt mit seiner Idee bei den nationalen Gesundheitsexperten nicht an.

Statt über Wilhelm Tell und das Rütli sprach der Bündner Gesundheitsdirektor Christian Rathgeb am 1. August über das physische Wohlergehen des Volkes, das er durch Alkohol, Rauchen, falsche Ernährung und mangelnde Bewegung gefährdet sieht. Und er tischte auch ein Rezept auf: «Mit einem jährlichen Gesundheitscheck bei einem Hausarzt könnte viel bewirkt werden.» Der Check soll gratis sein, findet der FDP-Magistrat – berappen müssten ihn die Krankenkassen.

CVP-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel signalisiert gegenüber 20 Minuten grundsätzlich Sympathie für die Idee aus Graubünden. Regelmässige Gesundheitschecks stärkten das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung: «Jeder weiss zwar, wie viele PS sein Auto hat – aber wer kennt schon seine Cholesterin- oder Blutdruckwerte?» Nicht einig geht die Aargauerin mit Rathgeb, was die Finanzierung betrifft. Sie möchte angesichts des bereits bestehenden Prämiendrucks die Kosten nicht den Krankenkassen aufbürden. Stattdessen sollen die Kantone bezahlen. «Gesundheitsvorsorge gehört zum Service public des Staates.»

Die Tücke einer Fehldiagnose

Mit ihren Plädoyers für den jährlichen Gratisgesundheitscheck stehen Rathgeb und Humbel aber allein auf weiter Flur. Gesundheitsökonom Heinz Locher verweist auf die internationale Fachliteratur, die zeige, dass sich der grosse Aufwand finanziell nicht lohne. Weil die Tests nicht zu 100 Prozent verlässlich seien, bestehe zudem die Gefahr von Falschdiagnosen, etwa bei Prostatakrebs.

«Ein Fehlalarm ist psychologisch belastend und führt zu unnötigen weiteren Test. Umgekehrt kann eine Entwarnung einen eigentlich Kranken in falscher Sicherheit wiegen.» Locher findet deshalb, nur bei Personen mit erhöhten Risikofaktoren – etwa hoher Blutdruck oder eine familiäre Vorgeschichte – seien regelmässige Checks angebracht.

Am Schluss zahlen doch die Prämienzahler

Als «völlig absurd» kanzelt SVP-Gesundheitspolitiker Toni Bortoluzzi Rathgebs Forderung ab. Generelle Gesundheitschecks seien absolut nutzlos und trieben nur die Kosten in die Höhe. «Wer gesundheitlich ein Problem hat, spürt das.» Alles andere sei Lotto und bloss eine falsche Beruhigungspille: Eine Frau könne im Januar und August zum Frauenarzt gehen – und der Brustkrebs breche dann im September aus. Zudem fänden die Ärzte immer irgend etwas: «Sie sagen dann dem Patienten, was dieser wollen muss.»

Auch die Krankenkassen selber lehnen Rathgebs Vorschlag ab. Anne Durrer, Mediensprecherin des Branchenverbandes Santésuisse, sagte gegenüber der «Südostschweiz», Rathgebs Aussage sei «etwas komisch». Es seien ja die Kassenmitglieder, welche die Krankenkassen finanzierten. Von kostenlosen Gesundheitschecks zu sprechen, sei denn auch reichlich wagemutig. «Je grösser das Angebot der Kasse, desto mehr bezahlen die Prämienzahler, so beisst sich die Katze in den Schwanz.»

Geld besser in Gesundheit investieren

Selbst Bea Heim von der generell präventionsfreudigen SP zeigt sich skeptisch. «Alljährliche Gesundheitschecks kosten viel und machen die Menschen noch nicht gesünder.» Mehr bewirken würde ihrer Meinung nach eine Strategie zur Früherkennung von begründeten Gesundheitsrisiken und eine gezielte Gesundheitsförderung. «Es würde den Krankenkassen gut anstehen, vermehrt solche Programme für ihre älteren Versicherten anzubieten.» Sie denke an Fitness- Kraft- und Lauftraining, um die Muskeln und Knochen zu stärken, die Beweglichkeit und Autonomie zu erhalten und Schlaganfällen vorzubeugen.

In jungen Jahren brauche es ohnehin keine Gesundheitschecks, betont Heim. «Viel besser wäre es in den Sport- und Schwimmunterricht zu investieren, statt, wie von bürgerlicher Seite oft beantragt, ausgerechnet bei dieser Investition in die Gesundheit die Mittel zu kappen.»

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