Impfszenen im TV - «Jedes Mal wird im wahrsten Sinne des Wortes zugestochen»
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Impfszenen im TV«Jedes Mal wird im wahrsten Sinne des Wortes zugestochen»

Ein Infektiologe kritisiert, dass das Fernsehen zu oft zeigt, wie Menschen geimpft werden. Das könne abschreckend wirken. Selbst die Impfkommission hält das Pflaster als Sujet für klüger.

von
Bettina Zanni
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Infektiologe Andreas Widmer sagt, es gebe keinen Fernsehbeitrag über das Thema Corona-Impfung, der ohne Szenen mit einer Spritze auskomme.

Infektiologe Andreas Widmer sagt, es gebe keinen Fernsehbeitrag über das Thema Corona-Impfung, der ohne Szenen mit einer Spritze auskomme.

20min/Simon Glauser
«Jedes Mal wird im wahrsten Sinne des Wortes zugestochen», sagt Widmer.

«Jedes Mal wird im wahrsten Sinne des Wortes zugestochen», sagt Widmer.

Screenshot/SRF
Widmer stellt fest, dass sich diese Szenen negativ auf die Impfbereitschaft auswirken.

Widmer stellt fest, dass sich diese Szenen negativ auf die Impfbereitschaft auswirken.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Mit der Impfkampagne häufen sich im Fernsehen Szenen mit Nadeln, die in Arme stechen.

  • Laut Infektiologe Andreas Widmer wirken sich diese negativ auf die Impfbereitschaft aus.

  • Impf-Chef Christoph Berger teilt die Bedenken und hält das Pflaster als Sujet für klüger.

  • Das SRF bemüht sich, weniger solcher Szenen zu zeigen.

Impfzentren geht die Arbeit mangels Nachfrage bereits aus – in TV-Beiträgen dagegen wird die Nadel so oft angesetzt wie noch nie. Infektiologe Andreas Widmer hält das für problematisch. «Jedes Mal wird im wahrsten Sinne des Wortes zugestochen», sagt er. Es gebe keinen Fernsehbeitrag über das Thema Corona-Impfung, der ohne Szenen mit einer Spritze auskomme.

Widmer stellt fest, dass sich dies negativ auf die Impfbereitschaft auswirkt. «Ich habe Rückmeldungen von Leuten erhalten, die klagen, dass ihnen wegen dieser Pikserei fast schlecht werde, sodass sie sich lieber nicht impfen lassen wollen.» Manche hätten auch berichtet, sie fürchteten, beim Impftermin in Ohnmacht zu fallen. «Weil sie angeblich all diese Bilder des Stichs vor Augen haben.»

Zu einem ähnlichen Schluss kam kürzlich eine Angestellte in einem Basler Impfzentrum. Gerade junge Menschen reagierten sensibel auf die TV-Illustrationen, sodass diese sie von der Impfung abschreckten, sagte sie. Die Bilderwahl löst bei Andreas Widmer Kopfschütteln aus. «Das ist, als würde man bei einem Fussballspiel nicht das Tor, sondern die verletzten Beine der Spieler zeigen.»

«Das Pflaster ist ein klügeres Sujet»

Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) teilt die Bedenken. «Für Leute, die mit der Vorstellung eines Stichs Schwierigkeiten haben, können Impf-Szenen am Fernsehen unangenehm sein», sagt Präsident Christoph Berger. Diese Szenen brauche es gar nicht. «Die BAG-Kampagne zum Beispiel arbeitete mit einem Pflaster. Das ist ein klügeres Sujet.»

Es sei schade, wenn die Beiträge des Impfvorgangs Menschen von der Corona-Impfung abschreckten. Grundsätzlich betrachtet Berger den Stich zur Impfung jedoch als reine Einstellungssache. «Von Bildern sollte man sich nicht beirren lassen, sondern sich positiv auf die Impfung vorbereiten. Der Stich und die Impfung sind nichts Schlimmes.»

SRF bemüht sich um andere Szenen

Dem Schweizer Radio und Fernsehen SRF ist die Kritik bekannt. «Bei unserem Kundendienst gehen derzeit in sehr unregelmässigen Abständen einzelne wenige Feedbacks von Zuschauenden ein, die Mühe mit den beschriebenen Szenen haben», sagt Sabrina Hübner, Newsroom-Verantwortliche bei der Chefredaktion Video. Stärker bewegt habe das Thema in einer ersten Phase von Ende November 2020 bis zirka März.

Laut Hübner liegt es in der Natur der Sache, dass es beim Impfen auch um Spritzen und um den eigentlichen Einstich geht. SRF sei sich bewusst, dass es Personen gebe, denen der Anblick einer Injektion mit einer Spritze Mühe bereite.

«Aus diesem Grund bemühen wir uns seit längerer Zeit – sowohl im TV als auch in unseren Webvideos – weniger solcher Impfszenen zu zeigen», sagt Hübner. Als Alternative würden vermehrt neutrale Bewegtbilder aus Impfpraxen gezeigt, die den eigentlichen Einstich nicht zeigten. Ein ähnliches Vorgehen schlägt Medienpsychologe Daniel Süss vor (siehe unten). Ein Vorwurf dürfe den Medien jedoch nicht gemacht werden.

«Medien sind nicht Teil der Impfkampagne»

Herr Süss*, sollen in TV-Beiträgen Szenen vom Stich in den Oberarm zurückhaltender gezeigt werden?
Mir fällt auf, dass viele Fernsehbeiträge zum Thema Corona-Impfung mit konkreten Impf-Szenen illustriert werden. Bereits zu Beginn der Impfkampagne fragte ich mich, wie gut diese Bilder des körperlichen Eingriffs beim Publikum ankommen. Eine Nadel, die in die Haut gestochen wird, ist ein Bild, das bei vielen Menschen eher Angst auslöst.

Sollte das Fernsehen diesen Vorgang zensieren?
Wegen dieser Szenen den Medien einen Vorwurf zu machen, ist falsch. Sie sind nicht Teil der Impfkampagne, sondern haben den Auftrag, transparent zu informieren. Solange die Impf-Szene keinen informativen Mehrwert bietet, rate ich aber davon ab, diese zu zeigen.

Wie sollte das Thema Impfen stattdessen illustriert werden?
Sinnvoller ist, es verschieden zu präsentieren. Anstatt des Piks ist es besser zu zeigen, wie das Pflaster aufgeklebt wird. Das Anbringen eines Pflasters ist ein positiv besetztes Bild. Viele Menschen verbinden es mit der Kindheit, als sie nach einem Sturz ein Pflaster erhielten und dann «alles wieder gut» war. Um manchen Zuschauerinnen und Zuschauern den Schrecken vor der Impfung zu nehmen, könnten Beiträge auch mit Szenen aus dem Gespräch vor oder nach der Impfung illustriert werden.

*Daniel Süss ist Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

*Daniel Süss ist Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

zhaw.ch

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