Tattoos: Kann man danach süchtig werden?

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35 Tattoos «Jedes meiner Tattoos erzählt eine Geschichte aus meiner Vergangenheit»

Die 27-Jährige Ally* aus Lenzburg kann nicht aufhören, sich Tattoos stechen zu lassen. Hat die Aargauerin eine Tattoo-Sucht? Ein Experte klärt auf.

von
Deborah Gonzalez
Gabriela Graber
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Ally (27) hat über 30 Tattoos, die meisten sieht man aber nicht im Alltag.

Ally (27) hat über 30 Tattoos, die meisten sieht man aber nicht im Alltag.

Privat
Das ist eines der letzten Tattoos, das sich Ally hat stechen lassen. Hier ist es frisch gestochen.

Das ist eines der letzten Tattoos, das sich Ally hat stechen lassen. Hier ist es frisch gestochen.

Privat

Darum gehts

  • Ally (27) aus Lenzburg hat schon über 30 Tattoos – und will sich mindestens noch 25 weitere machen lassen. 

  • Das erste Tattoo liess sie sich im Alter von 19 Jahren stechen – ganz zum Unmut ihrer Eltern.

  • «Jedes meiner Tattoos hat eine Bedeutung», so Ally. 

  • Hat sie eine Tattoo-Sucht? Tattoo-Experte Wolfgang Bäumler ordnet ein.

«Ich mag das Geräusch der Nadel, wie sie mir Farbe unter die Haut sticht», erzählt Ally* aus Lenzburg. Damit ist sie nicht alleine, denn laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik ist jede vierte Person in der Schweiz tätowiert. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist es sogar jede zweite Person.

«Jedes Mal, wenn ich ein neues Tattoo habe, fliege ich vor Glück und kann es kaum erwarten, mir das nächste stechen zu lassen», so Ally weiter. Die 27-Jährige hat über 30 Tattoos: Zeichen, Schriften und Symbole. Durch ihre Körperverzierungen fühle sie sich schöner und attraktiver, wie sie sagt. Doch nicht nur das: «Jedes meiner Tattoos erzählt eine bedeutsame Geschichte aus meiner Vergangenheit.»

Erstes Tattoo am Hals 

Ihr erstes Tattoo hat sich Ally mit 19 stechen lassen. «Eigentlich wollte ich schon viel früher eins haben – ich hatte mit 18 sogar schon einen Termin beim Tätowierer. Doch meine Eltern meinten, sie würden mir verbieten, damit nach Hause zu kommen», erinnert sie sich. Ein Jahr später habe Ally sich trotzdem getraut – danach hätten ihre Eltern zwei Wochen lang fast nicht mehr mit ihr geredet. «Es war mir egal. Ich war so glücklich und stolz, als ich nach so langem Warten endlich mein erstes Tattoo hatte.» Versteckt habe sie es nicht, sie entschied sich für den Hals. Schmerzen habe sie beim Stechen kaum gespürt – sie nahm den Prozess eher als angenehmes Kitzeln wahr. Das Gefühl habe sie noch oft spüren wollen: «Das erste Tattoo war für mich wie eine Einstiegsdroge. Ich wollte mehr davon.»

Hast du Tattoos?

Seitdem hat sich Ally zirka einmal pro Jahr eine weitere Hautbemalung machen lassen: Freundschaftstattoos, Erinnerungen, ihre Lieblingsdinge und -Sätze. «Ich liebe es, mir Motive unter die Haut zu stechen, die eine Bedeutung für mich haben und mich an einen ganz bestimmten Moment in meinem Leben erinnern.» Ich habe beispielsweise einige Tattoos für meine Katzen stechen lassen und ich liebe sie.

Pro Monat drei neue Tattoos 

Vor einem Jahr hat sich Ally dazu entschieden, ihren ganzen Rücken vollzutätowieren. Seitdem lege sie sich pro Monat rund dreimal unter die Nadel. «Konkret geplant habe ich im Moment noch 25 weitere Tattoos – grösstenteils am Rücken, aber auch an den Seiten und vereinzelt noch an anderen Stellen.» Nie tätowieren lassen würde sie ihr Gesicht, vorne am Hals, Arme und ihre Beine: «Das würde mir überhaupt nicht stehen.» 
Dass ihre Körperbemalungen einmal überdrüssig werden könnte, glaubt die Aargauerin kaum. «Jedes einzelne Tattoo wähle ich mit grossem Bedacht aus. Sie gehören zu meinem Körper und meinem Leben.» Wenn eines mal nicht mehr zu ihrem Leben passen würde, sei dies egal. «Es sind alles Erinnerungen, die mich und mein Leben auf irgendeine Art reflektieren – deshalb bereue ich kein einziges davon.»

*Name der Redaktion bekannt.

«Tattoos sind ein Eingriff in die Integrität der Haut und des Körpers»

Wolfgang Bäumler, Tattoo-Experte und Professor für Experimentelle Dermatologie am Universitätsklinikum Regensburg.

Wolfgang Bäumler, Tattoo-Experte und Professor für Experimentelle Dermatologie am Universitätsklinikum Regensburg.

www.ukr.de

Tattoos sind beliebt, jeder vierte in der Schweiz hat eines. Wieso möchten so viele Menschen ein Tattoo haben?

Der Trend ist weiter ungebrochen. Tattoos gibt es schon seit Tausenden von Jahren, heute gelten Tattoos vor allem als Dekoration der Haut. Man möchte dank der permanenten Körperbemalung anders sein als andere. Es hat aber auch mit Verschönerung zu tun und dem Ausdrücken der eigenen Persönlichkeit. Auch die Sozialen Medien haben zur  Beliebtheit von Tattoos beigetragen. 

Inwiefern?

Tattoos möchte man zeigen. Viele nutzen diese, um schöne Bilder von sich zu machen und diese zu posten. Zudem haben viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, Tattoos. Für viele sind eben diese Menschen Vorbilder – haben diese Tattoos, möchte man auch welche haben.

Kann man von einer Sucht sprechen, wenn man sich immer wieder tätowieren lässt?

Jein. Es ist eine Frage der Definition. Natürlich gibt es einen Unterschied zur Alkohol- oder Tabaksucht – schliesslich geht man nicht täglich zum Tätowierer. Trotzdem ist es so, dass die Mehrheit der Menschen, die tätowiert sind, mehr als nur ein Tattoo haben. Der Trend zum mehrfachen Tätowieren ist dementsprechend deutlich ausgeprägt. 

Sehen Sie da eine Gefahr?

Das Stechen eines Tattoos ist kein medizinischer Eingriff, es ist aber ein Eingriff in die Integrität der Haut und des Körpers. Einfach gesagt, werden beim Tätowieren Löcher in die Haut gestochen, damit die Farbe eingebracht wird – ein Risiko besteht immer. 

Mit welchen Risiken muss man rechnen?

Mit Infektionen, allergischen Reaktionen und Hautgranulome, also kleine Knötchen – das sind alles auf der Haut sichtbare Folgen. Doch was mit der Farbe unterhalb der Haut passiert, ist ungewiss. Denn es ist so, dass das Immunsystem das Fremdmaterial komplett entfernen möchte. Bis zu 60 Prozent der Farbe wird in den Körper abtransportiert und landet in anderen Organen – das wiederum ist von aussen betrachtet nicht sichtbar. 

Was heisst das?

Das Tätowieren der Haut heisst auch, dass die Farbe eine komplexe Reise durch den Körper unternimmt. Welche Folgen das mit sich bringt, ist unbekannt. Die Farbe landet in den Lymphknoten, aber auch in der Leber sowie in der Niere. Man muss sich bewusst sein, dass Tattoos tiefer gehen als nur die Haut und sie deswegen eine Herausforderung für das Immunsystem darstellen.

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