Aktualisiert 18.06.2019 20:14

Porträts von Arbeitslosen

«Jedes Trambillett überlege ich mir zweimal»

Beat Vollenweider (52) aus Herrliberg ZH hatte einen angesehenen Job im Casino und wurde völlig überraschend entlassen. Nun ist er ausgesteuert.

von
Matthias Gröbli
1 / 8
Beat Vollenweider (52) ist gelernter Tiefbauzeichner ...

Beat Vollenweider (52) ist gelernter Tiefbauzeichner ...

Stevan Bukvic
... und sattelte später auf das Casino-Business um.

... und sattelte später auf das Casino-Business um.

Stevan Bukvic
Der Zürcher ist ausgesteuert und sucht intensiv eine neue Arbeitsstelle.

Der Zürcher ist ausgesteuert und sucht intensiv eine neue Arbeitsstelle.

Stevan Bukvic

Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

Tiefbauzeichner, Casino-Allrounder

«Ursprünglich machte ich eine Lehre als Tiefbauzeichner und arbeitete elf Jahre in einem Ingenieurbüro. Mitte der 90er-Jahre setzte eine Rezession im Baugewerbe ein und ich war erstmals mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Mit Gelegenheitsjobs im Tourismus hielt ich mich über Wasser und bezog daneben Arbeitslosengeld. Ich orientierte mich neu und sattelte aufs Casino-Business um. In der Guest Relation war ich für Gäste und Kontakte zuständig, ein Allrounder-Job. Es sollte eine Übergangslösung sein. Irgendwann würde ich wieder Anschluss im Baugewerbe finden, dachte ich.

Zusätzlich nahm ich aber auch eine Ausbildung zum Berufspiloten in Angriff. Doch das Swissair-Grounding flutete den Markt mit Piloten, was mich zum Abbruch der Ausbildung bewog.

Als zur Jahrtausendwende das neue Spielbankengesetz in Kraft trat und in der Schweiz Casinos eröffnet wurden, setzte ich voll auf dieses Business. Ich absolvierte eine Croupier-Ausbildung in Deutschland und spezialisierte mich schliesslich auf den Compliance-Bereich (Einhaltung der Geldwäscherei-Vorschriften und des Sozialkonzepts, die Redaktion). Ich arbeitete bis 2016 in verschiedenen Schweizer Casinos.»

Seit Oktober ausgesteuert

«Restrukturierungsmassnahmen führten völlig überraschend zu meiner Entlassung. Ich meldete mich beim RAV und war am Anfang noch guter Dinge. Aber es kam eine Absage nach der anderen, oft ohne Begründung. Es ist schwierig: In der neuen Branche bin ich Quereinsteiger ohne grosses Netzwerk, und im Baugewerbe haben Mitbewerber aktuelleres Wissen als ich. So gesehen bin ich quasi zwischen Stuhl und Bank.

Aus über 400 Bewerbungen resultierten drei Vorstellungsgespräche. Vom RAV kam in zwei Jahren ein einziger Vorschlag. Eine Umschulung im Bereich Finanzmanagement wurde zwar finanziert, aber ohne Erfahrung findet man trotzdem keinen Job. Seit Oktober 2018 bin ich ausgesteuert und beziehe mittlerweile Sozialhilfe.»

Leeres Konto Ende Monat

«Ende Monat bleibt eine rote Null. Zum Glück habe ich keine Schulden und keine Betreibungen. Ich versuche, mit Nebenjobs die finanzielle Situation aufzubessern. Vor allem stresst mich, dass ich meinen Verpflichtungen (Steuern, Alimente) nicht nachkommen kann. Jeder Tag ohne Ausgaben ist ein guter Tag.»

Stabil dank gutem Umfeld

«Ich habe ein gutes soziales Umfeld, das mich vor allem in moralischer Hinsicht unterstützt. Es kommen auch Hinweise auf Stellenangebote. Der Gips nach einer Fussverletzung hilft mir, weil er mich unverdächtig macht, wenn ich unterwegs und nicht am Arbeiten bin. Aber den Gips habe ich nicht mehr lange, sodass sich bei mir schon bald wieder ein beklemmendes Gefühl ausbreitet, wenn ich unterwegs bin.»

Geteiltes Netflix-Abo

«Jedes Trambillett überlege ich mir zweimal. Längst habe ich keine Zeitungen mehr abonniert, teile das Netflix-Abo mit anderen. Das Auto ist nicht mehr eingelöst.»

Hoffnung auf Türöffner

«Ich hoffe auf eine Zwischenlösung, um mein Netzwerk vergrössern zu können. Ich brauche einen Türöffner. Dafür gibt es einen Jobcoach, den mir die Gemeinde zur Verfügung stellt. Aber leider ist bis jetzt nicht viel passiert. Das Alter scheint schon ein Haupthindernis zu sein. Dass man das Rentenalter nun noch erhöhen will, ist für mich schwer nachvollziehbar. Aber nach jedem Tief kommt ein Hoch. Ich gebe nicht auf.»

Fünfteilige Serie

20 Minuten porträtiert fünf Arbeitslose in der Schweiz.

- Der Akademiker: Flavio Schrenk (27)

- Die Alleinerziehende: Rebecca Scheidegger (25)

- Der Ausgesteuerte: Beat Vollenweider (52)

- Der Jungvater: Elia Giacalone (27)

- Die Langzeitarbeitslose: Anina Striebel (26)

Wenn Sie mit den porträtierten Personen in Kontakt treten möchten, melden Sie sich bitte per E-Mail an matthias.groebli@20minuten.ch

Wir leiten die Zuschriften weiter.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.