Jedes zehnte Scheidungskind verliert den Kontakt zu Vater oder Mutter

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ScheidungskinderJedes zehnte Trennungskind verliert den Kontakt zu Vater oder Mutter

Väter protestierten am Sonntag wegen «Kindes-Entfremdung». Der Verband Alleinerziehender hält dagegen: Eine Kampagne nütze den Betroffenen nicht.

von
Claudia Blumer
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Väter demonstrierten am Sonntag, 20. November, am UNO-Tag der Kinderrechte, gegen die Entfremdung von Trennungskindern. Sie wählten dafür den Spielplatz in Köniz BE, wo ein Pflastersteinboden entstanden ist aus Steinen, welche die Väter 2011 der damaligen Justizministerin Simonetta Sommaruga geschickt hatten (hinten rechts).

Väter demonstrierten am Sonntag, 20. November, am UNO-Tag der Kinderrechte, gegen die Entfremdung von Trennungskindern. Sie wählten dafür den Spielplatz in Köniz BE, wo ein Pflastersteinboden entstanden ist aus Steinen, welche die Väter 2011 der damaligen Justizministerin Simonetta Sommaruga geschickt hatten (hinten rechts).

Gecobi
Rund 70 Personen folgten dem Aufruf zur Kundgebung.

Rund 70 Personen folgten dem Aufruf zur Kundgebung.

Gecobi
Oliver Hunziker, Präsident der Vereinigung für gemeinsame Elternschaft (Gecobi), sagt: «16’000 bis 24’000 Kinder in der Schweiz haben keinen Kontakt mehr zu Vater oder Mutter.» Er rief für den Sonntag zu einer Kundgebung in Köniz BE auf, an der 70 Personen teilgenommen haben.

Oliver Hunziker, Präsident der Vereinigung für gemeinsame Elternschaft (Gecobi), sagt: «16’000 bis 24’000 Kinder in der Schweiz haben keinen Kontakt mehr zu Vater oder Mutter.» Er rief für den Sonntag zu einer Kundgebung in Köniz BE auf, an der 70 Personen teilgenommen haben.

Tamedia

Darum gehts

  • In zehn Prozent der Scheidungsfamilien verlieren die Kinder den Kontakt zu Vater oder Mutter.

  • 70 Personen demonstrierten am Sonntag in Köniz BE für mehr Sensibilisierung. Zur Kundgebung aufgerufen hatte der Verein für gemeinsame Elternschaft (Gecobi). Auch lancierte der Verein eine Kampagne.

  • Nationalrätin Yvonne Feri vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter lehnt die Kampagne ab. Sie helfe den Betroffenen nicht, sagt sie.

Auch wenn Kinder nur von der Mutter betreut werden, haben sie in der Regel Kontakt zum Vater. Aber nicht immer. In jedem zehnten Fall verlieren Kinder getrennter Eltern in der Schweiz den Kontakt zu dem Elternteil, bei dem sie nicht wohnen. Das schreibt das Bundesamt für Statistik im Familienbericht 2021.

Kontaktabbrüche betreffen meistens Väter, weil Kinder häufiger bei der Mutter wohnen. Die Vereinigung für gemeinsame Elternschaft (Gecobi) rief deshalb am Sonntag, am UNO-Tag der Kinderrechte, zu einer Kundgebung in Köniz BE auf und lancierte eine Kampagne unter dem Motto «Genug Tränen».

Vereinspräsident Oliver Hunziker geht von 16’000 bis 24’000 Kindern in der Schweiz aus, die derzeit keinen Kontakt zur Mutter oder zum Vater haben. Der Verein Gecobi und die protestierenden Väter fordern, dass das neue Familienrecht konsequenter umgesetzt wird und Richterinnen, Kesb-Mitarbeiter und weitere Fachpersonen besser ausgebildet werden. Das Bundesgericht hatte 2020 die geteilte Obhut bei getrennten Eltern zur Regel erklärt. Das gemeinsame Sorgerecht ist schon seit 2014 gesetzlich verankert. Dennoch sei es immer noch möglich, dass ein Elternteil dem anderen das Kind entzieht, sagt Hunziker. 

«Schuldzuweisungen sind nicht hilfreich»

Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Präsidentin des Vereins alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV), entgegnet: «Aus unserer Sicht schadet die Aktion von Gecobi betroffenen Kindern, denn sie setzt nicht auf Lösungen, die sich am Einzelfall und an den individuellen Bedürfnissen des Kindes orientieren», sagt sie. Auch übertreibe der Verein das Ausmass des Problems stark – es gebe keine gesicherten Zahlen zu den Kontaktabbrüchen.

Das Konzept der «Kindesentfremdung» arbeite mit Schuldzuweisungen an den hauptbetreuenden Elternteil, was Kinder belaste und ihrem Recht auf Anhörung widerspreche, heisst es in einer Medienmitteilung des SVAMV. Man werde dem komplexen Problem damit nicht gerecht und Lösungen würden erschwert, wenn einem Elternteil die Schuld an der Situation zugeschoben wird.

Einig ist Yvonne Feri mit Oliver Hunziker darin, dass jeder Fall einer zu viel ist und für die Betroffenen grosses Leid bedeutet. Auch der SVAMV ist der Ansicht, dass es Sensibilisierung und Aufklärung braucht, Weiterbildungsangebote für Behörden wie Kesb und Sozialarbeitende.

Irène Inderbitzin von der Kinder-Ombudsstelle Schweiz hat es immer wieder mit Situationen zu tun, in denen sich Trennungskinder von einem Elternteil entfremden. Die Gerichtspraxis sei noch nicht so weit, die Kindesinteressen konsequent in den Mittelpunkt zu stellen, sagt Inderbitzin. Oft gehe es ums Geld. So gäben die Gerichte die Obhut häufig jenem Elternteil, der weniger gute Verdienstmöglichkeiten hat. «Doch aus Kindersicht darf das keine Rolle spielen. Das Kind hat zuerst Anspruch auf eine möglichst gute, stabile Beziehung zu beiden Elternteilen.»

Zentral ist für Inderbitzin, dass Kinder konsequent angehört werden, was leider noch viel zu selten der Fall sei. «Natürlich soll der Richter das Kind nicht fragen: Willst Du lieber beim Vater oder bei der Mutter sein?» Keine Fachperson, die genügend ausgebildet ist, würde so fragen, sagt sie. Es gehe darum, im Gespräch herauszufinden, wie die Situation ist, was dem Kind wichtig ist, und diese Sichtweise dann in den Entscheid miteinzubeziehen.

Man könne einen Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern nicht generell als Entfremdung bezeichnen, sagt Inderbitzin, sondern müsse jeden Einzelfall separat anschauen. Wenn ein Kind den Kontakt ablehnt, dürfe es nicht dazu gezwungen werden, den abgelehnten Elternteil trotzdem zu sehen. «Wenn Eltern in so einer Situation Druck ausüben, können sie viel kaputtmachen.» 

Ist die Kampagne gegen Kindesentfremdung hilfreich?


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