Prozess in Meilen: Jesus' Blut und Hitlers Nachttopf
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Prozess in MeilenJesus' Blut und Hitlers Nachttopf

Morgen steht Marcel K. vor Gericht, weil er Investoren einen Goldkessel als «Heiligen Gral» verkaufte. Doch die Spuren des Kessels führen ins Dritte Reich.

von
job
Vor dem Bezirksgericht in Meilen muss sich ein Mann wegen Millionenbetrug verantworten. 37 Opfer klagen.

Vor dem Bezirksgericht in Meilen muss sich ein Mann wegen Millionenbetrug verantworten. 37 Opfer klagen.

Morgen steht im Bezirksgericht Meilen ein aufsehenerregender Prozess über einen Millionenbetrug an. Der Angeklagte: der umtriebige Schweizer Geschäftsmann Marcel K. Die Opfer: 37 Investoren und Geschäftsleute aus Osteuropa und Deutschland. Corpus Delicti: der Heilige Gral.

2005 kaufte Marcel K. einen mysteriösen goldenen Kessel, der in einem bayrischen See gefunden wurde. Seinen Investoren gegenüber gab er das Fundstück mit keltischen Verzierungen als Heiligen Gral aus – das Gefäss, in welches das Blut des gekreuzigten Jesus getropft sein soll und damit einer der sagenumwobensten Gegenstände der abendländischen Mythologie.

Die üblichen Verdächtigen

Marcel K. schätzte, dass man mit einer ordentlichen Promo-Kampagne den Wert des Grals auf eine Million Euro (damals 1 600 000 Franken) steigern könnte. Das kitzelte die Geschäftsleute, sie überwiesen Marcel K. mehr als sieben Millionen Euro. Das Geld steckte er aber nicht in die Promo-Kampagne, sondern in seine maroden Firmen. Zu promoten gab es auch gar nichts – der goldene Kessel, das stellten Fachleute bereits Jahre zuvor fest, muss ein Erzeugnis aus dem 20. nachchristlichen Jahrhundert sein.

Doch mit diesem Befund ist der goldene Goldkessel noch lange nicht entmystifiziert. Wie so oft, wenn es um den Gral geht, kommen andere sagenumwobene Figuren ins Spiel: Hitler und die Nazis.

Um den bayrischen Chiemsee erheben sich zerklüftete Berge mit Schneekuppen, bei schlechtem Wetter wabern Nebelschwaden den bewaldeten Ufern entlang, bei Sonnenuntergängen gleiten Schwäne über das golden glitzernde Wasser, kurz: Der Chiemsee ist genau der See, auf dessen Grund man einen sagenhaften Schatz vermutet.

Esoterische Massenmörder

So war es auch. Im Spätsommer 2001 hob ein Hobbytaucher den besagten Goldkessel vom Grund des Sees. Zusammen mit dem professionellen Schatzsucher Jörg E. lässt er den Schatz, der aus 18-karätigem Gold besteht und mit Motiven keltischer Machart verziert ist, in der Archäologischen Staatssammlung München prüfen. Ganz genau können die Experten den Fund nicht bestimmen. Sie vermuteten jedoch aufgrund der Verarbeitungstechnik, dass er nach 1925 produziert wurde. Und sie vermuteten noch etwas: Die Nazis könnten den Kessel in Auftrag gegeben haben.

Das rief alte Legenden und Gerüchte wach, die sich um die Gegend des Chiemsees in der Nazizeit ranken. Der historischen Überlieferung zufolge war in der Region, die heute ein beliebtes Ausflugsziel ist, eine Kaderschmiede der NSDAP geplant. Der Goldkessel könnte als Kultobjekt geplant gewesen sein. Eliten in der Partei, aber auch in der SS, weiss man heute, hatten einen Hang zu Esoterik, Okkultismus und Mythologie. Sie veranstalteten obskure heidnische Rituale. SS-Chef Heinrich Himmler stellte gar ein Kommando zusammen, welches nach dem Heiligen Gral suchen sollte (sie jagten übrigens nicht wie amerikanischen Revolver-Archäologen im Mittleren Osten, sondern suchten in südfranzösischen Burgruinen, wo im Mittelalter die Katharer gegen die katholische Lehre opponierten, nach dem guten Stück).

Der Bub vom Hitler

Die Legenden spinnen sich noch weiter, wie der «Spiegel» 2002 nach dem Fund des Goldkessels berichtete. Adolf Hitler sei bei seinen Reisen zum «Berghof», seiner bayrischen Alpenresidenz, oftmals im Chiemnitzer Gasthof Lambach eingekehrt. Der Wirt richtete dafür eigens eine «Hitler-Stube» ein. Einheimische versicherten dem «Spiegel»-Reporter anscheinend, dass der «Führer» in dieser Stube einen bis dato unbekannten Sohn zeugte. Der Kessel, witzelten Schatzsucher deshalb, könnte Adolf Hitler als Nachttopf gedient haben.

Eine seriösere, wenn auch nicht erwiesene Theorie ist, dass der «Gral» im Auftrag des deutschen Industriellen Albert Pietsch hergestellt wurde. Ein Münchner Juwelier will vor Jahren von einem Mitarbeiter gehört haben, dass ein Goldschmied zwischen 1925 und 1939 für Pietsch einen Goldkessel von über zehn Kilogramm Gewicht fertigte. Pietsch unterstützte Hitler seit 1920 finanziell und wurde später «Wehrwirtschaftsführer».

Gral ist bei der ZKB

Im Frühling 1945, als die Amerikaner Bayern besetzten und die «Hitler-Stube» im Gasthof Lambach schnell in «König-Ludwig-Stube» umbenannt wurde, versenkten die Deutschen in den Seen Geheimwaffen, aber auch Nazi-Devotionalien.

Zurück in die Gegenwart. Nachdem die bayrischen Fachleute den Wert des Goldkessels auf den reinen Goldbetrag, also rund 160 000 Franken, bestimmt hatten, boten sie ihn zum Verkauf an. Wie das Esoterik-Magazin «Mysteries» im vergangenen Jahr berichtete, gelangte das Stück über einen deutschen Juristen 2005 in die Hände von Marcel K.

Nach zwei Jahren rochen die Investoren des «Heiligen Grals» den Betrug. Eine kasachische Geschäftsfrau reichte Anzeige ein, gegen K. wurden Ermittlungen aufgenommen. Das Verfahren sprengte die Dimensionen des Bezirksgerichts Meilen. Es stellte eine zusätzliche Staatsanwältin ein, welche sich nur mit dem Fall beschäftigte. Die Akten füllen 90 Meter Bundesordner. Das Corpus Delicti, der sagenhafte Goldkessel, ist in einem Tresor der Zürcher Kantonalbank verwahrt.

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