Talk mit Blocher – «Ungeimpfte als Dumme hinstellen – da mache ich nicht mit»

Talk mit Blocher«Ungeimpfte als Dumme hinstellen – da mache ich nicht mit»

Zeigt der Bundesrat in der Krise genügend Führungsstärke? Wie steht es um die Europa-Frage? Christoph Blocher hat am Mittwoch Fragen der 20-Minuten-Community beantwortet.

von
Fabian Pöschl
Dominic Benz
Sandro Spaeth

Deine Meinung

Mittwoch, 12.01.2022

Ende

Damit ist der Talk mit Christoph Blocher zu Ende. Schön, dass du dabei warst. Der Alt-Bundesrat kritisierte im Interview die Krisenstrategie des Bundes, die vor allem zu Beginn kopflos gewesen sei. Es hätte einen Corona-General gebraucht und mit SVP-Bundesrat Ueli Maurer an der Spitze des BAG wäre es laut Blocher wohl besser gekommen. Er spricht sich zwar nicht gegen das Impfen, aber gegen die Impfkampagne aus, die sinnlos und teuer sei und die Ungeimpften schlecht dastehen lässt. Damit erreiche man das Gegenteil des Gewollten. Auch über die EU- und EWR-Pläne sprach Blocher. Er wolle weiterhin dafür kämpfen, dass die Schweiz unabhängig bleibt.

Sollte es eine zweite Auflage des Rahmenabkommens oder eine EU-Abstimmung geben: Wird das Ihre “letzte Schlacht sein” oder ist ein Christoph Blocher immer im Abstimmungskampf-Modus und nie im Ruhestand?

Ich bin nicht süchtig, ich wäre froh, es wäre erledigt. Es beginnt wieder, deshalb braucht es mich als Prellbock noch, aber ich bin ja nicht alleine. Der Bundesrat hatte die Kraft, Nein zu sagen, aber die Grundsatzfrage hat er nicht gelöst. Wenn Bundesrat Parmelin gesagt hätte, dass er keine Kolonialverträge akzeptiert, hätten die nichts mehr dagegen sagen können. Lasst uns das Selbstbestimmungsrecht.

Junge Generation

Malina: Denken Sie als Politiker in Ihrem Alter zu spüren, was die jüngere Generation will?

Ich bin Vater von vier Kindern und Grossvater von zwölf Enkeln. Was die wollen, das höre ich. Aber muss ich denen jeden Wunsch erfüllen? Ich nehme es sicher zur Kenntnis. Wichtig ist, zu wissen, was in Zukunft für die Jugend gut ist. Das weiss ich nicht im Detail, aber grundsätzlich schon. Wichtig ist, dass die Schweiz selbst entscheiden kann. Das nimmt man vielleicht in jungen Jahren nicht so ernst, aber später kommt das Bewusstsein dafür.

Corona-General

Andrea fragt: Sie forderten einen Corona-General, werfen Berset aber Diktatur vor, wie passt das zusammen?

Der General untersteht der Regierung. Und sein Auftrag ist das Erarbeiten von Möglichkeiten und welche Lösungen er vorschlägt. Er muss Zusammentragen wie ein militärischer General. Das ist kein Widerspruch. In Notsituationen braucht es einen, der die Verantwortung bündelt, damit die Verantwortlichen entscheiden können.

Coronakrise

Wäre die Coronakrise mit einem SVP-Bundesrat anders gelöst worden?

Mit Ueli Maurer hätte es sicher eine sauberere Strategie gegeben.

Bundesratsabwahl

Andreas: Wurmt Sie die Abwahl als Bundesrat immer noch?

Gewurmt nicht, aber ich habe bedauert, dass ich nicht mehr machen konnte. Aber meine Abwahl empfanden viele Leute als dreckig. Deshalb wurde die SVP dadurch gestärkt mit neuen Wählern.

20 Minuten

Ex-Kollegen

Beat: Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Ex-Bundesratskollegen? Oder ist man nach den harten Auseinandersetzungen froh, wenn man einander aus dem Weg gehen kann.

Ich will sie nicht dauernd sehen, aber ich habe ein sehr gutes Verhältnis mit ihnen, auch mit denen, die es mir sehr schwer gemacht haben und hintenrum gegen mich agierten bei meiner Bundesratsabwahl. Auch mit Adolf Ogi hatte ich grosse Differenzen, aber wir haben immer noch freundschaftlichen Kontakt.

Blocher als Verhandler

Peter: Warum nimmt man nicht Sie, zum Aushandeln eines neuen Rahmenabkommens mit der EU?

Da müssten Sie Bern fragen. Das war schon vor 30 Jahren das grosse Thema. Es braucht so einen wie mich, der der EU sagt, wir sind nicht bereit, das Heft aus der Hand zu geben. Aber wir schickten jemanden, der unbedingt in die EU wollte.

Unabhängigkeit

Veronica: Wie soll das funktionieren, eine unabhängige Schweiz in der heutigen globalisierten Welt?

Das hiess es schon vor 30 Jahren, dass wir nicht überleben könnten. Die Schweiz ist auf den ersten Plätzen der Welt bei Zufriedenheit, Glücklichkeit und noch viel mehr. Wir sind seit 700 Jahren ein demokratischer selbständiger Staat, das geben wir nicht aus den Händen.

20 Minuten

Die Operation Libero plant eine Europa-Initiative. Was halten Sie von einer solchen Vorlage? Dann wäre klar, was das Volk will …

Davor habe ich keine Angst. Aber man merkt schon, dass sie in die EU wollen, aber das trauen sie sich nicht zu sagen, weil das Volk das nicht will. Also machen sie eine Initiative, bei der man nicht merkt, dass man das Volk entmachtet.

Angst vor EU?

Hat der heutige Bundesrat zu sehr Angst vor der EU und lässt sich einschüchtern?

Sie drohen uns, das ist unglaublich. Die EU liefert mehr in die Schweiz als wir in die EU. Wenn sie einen Wirtschaftskrieg wollen, wird er aufgenommen, das wollen sie aber nicht. Wir haben grosses Ansehen in den europäischen Unternehmen. Die Schweiz kann selbstbewusst auftreten, aber das tut sie nicht.

EU-Rahmenabkommen

30 Jahre später ist die Europa-Frage noch immer aktuell: Zwar hat der Bundesrat die Verhandlung zum EU-Rahmenabkommen abgebrochen, doch er sucht weiter nach einer Lösung. Die Strategie scheint aber etwas unklar. Wie sehen Sie das?

Meine schon, ich weiss auch, wie sie sein müsste. Wir sind gerne bereit, mit der EU über Detailfragen zu sprechen, die in beidseitigem Interesse sind. Was wir nicht bereit sind, die Gesetzgebung in ihre Hände zu geben. Wir wollen keine fremden Richter und wir wollen nicht in die europäische Union, weil es unserem Staatsmodell widerspricht.

20 Minuten

EWR

Vor dreissig Jahren hat die Schweiz den EWR-Beitritt abgelehnt. Nun zeigen bis vor kurzem geheime Dokumente, dass die Mehrheit im Bundesrat den Vertrag eigentlich schlecht fand, man aber trotzdem zustimmte. Hatte der damalige Bundesrat Angst vor der EG/EU?

So etwas kommt immer wieder vor. Der Bundesrat sagte, dass man den Vertrag nicht unterschreiben darf. Ich wusste, dass es Skeptiker gibt, aber die Worte waren neu. Da wurde von einem Kolonialvertrag gesprochen, das stimmt auch. Es ist vertraglich abgemacht, dass in vielen Fragen das Schweizer Volk nichts mehr zu sagen hat. Das haben sie wörtlich gesagt. Diese Wortwahl und Entschiedenheit hat mich schon überrascht. Dabei hat man nicht mal abgestimmt. Man hatte vielleicht Angst vor der EU. Alle machten die Augen zu, Behörden, Verwaltung und Medien. Es ist ein wunderbares Volk, das bei dieser Übermacht Nein zur EU sagt.

Briefe

Stellvertretend für viel Lob die Zuschrift von Viktoria: Ein ganz grosses Dankeschön für Ihre Zeit im Amt und danach. Ich ziehe den Hut vor Ihnen für alles, was Sie leisten und geleistet haben.

Das freut mich sehr, dass sie froh sind und merken, dass es gut für die Schweiz ist, was ich tue. Ich bekomme viele Zuschriften und beantworte auch alle Briefe aus dem Volk. Eine Sekretärin liest alle Briefe, erstellt einen Entwurf für eine Antwort, dann lese ich den Brief und passe den Entwurf an und dann bekommt die Person den Brief. Es gibt wenige, die immer wieder schreiben, da muss ich dann den Briefwechsel beenden. Dann gibt es noch solche unter aller Kanone und die schlimmsten sind anonym, die kann ich ja nicht beantworten.

Hass

Ivan: Wie kommen Sie mit dem ganzen Hass klar? Kein anderer Politiker wurde mehr beschimpft, angegriffen und diffamiert. Hatten Sie nie Zweifel an Ihrem Einsatz?

Ich hatte bei jedem Führungsentscheid Zweifel, das gehört dazu. Aber nicht, weil die Leute gegen mich waren. In den Anfangszeiten haben mich die Angriffe vielleicht noch mehr getroffen. Das war manchmal schon unter der Gürtellinie. Aber ich habe alles ertragen, es kam alles gut. Wer etwas richtig macht, muss vielleicht untendurch, aber das bringt einen nicht um.

20 Minuten

Quarantäne

Remo: Waren Sie auch schon in Quarantäne? Und: Sollte man die Quarantäne Ihrer Meinung nach stark reduzieren, weil sonst bald das halbe Land eingesperrt ist?

Ich war noch nie in Quarantäne, weil ich auch noch nie positiv getestet wurde. Ich habe mich freiwillig am Anfang zurückgezogen, weil ich ein gefährdeter Patient bin. Quarantäne sollte man nicht länger machen als nötig. Der Bundesrat muss unter Abwägung sämtlicher Beurteilung eine Entscheidung treffen. Wenn man Quarantäne anordnet, soll man es aber auch kontrollieren.

Impfkampagne

Liz: Der Staat hat eine Mega-Impfkampagne gefahren – auch mit Prominenten. Wurden Sie auch angefragt oder hat man beim BAG Angst vor Ihnen?

Ja, ich wurde von der Bundeskanzlei angefragt für einen Aufruf zur Impfwoche. Da wollte ich nicht dabei sein für so eine Propagandaaktion. Da wurde unsinnig viel Geld ausgegeben und es war ein Flop. Die Impfkampagne soll keine moralische Tugendfrage sein. Wenn die Leute sich nicht mehr zu sagen wagen, ob sie geimpft sind oder nicht, ist das völliger Chabis. Wer nicht geimpft ist, braucht halt mehr Abstand und braucht einen Test. Aber das ist kein schlechter Mensch.

20 Minuten

SVP-Vordenker

Viele prominente SVP-Exponenten taten sich lange schwer, sich für die Impfung auszusprechen. Haben Sie als SVP-Vordenker in der Partei mal ein Machtwort gesprochen, das zu einem Umdenken geführt hat?

Die SVP war schon immer gegen die Impfpflicht, aber sie empfiehlt es. Es ist ein Wunsch der Zeitungen, dass wir die Meinung ändern, aber dem ist nicht so. Wir haben das Impfen nie ausgeschlossen, die meisten in der Partei sind geimpft.

Wähleranteil

Den Graben vertieft hat auch die SVP mit ihrer Massnahmenkritik. Nun zeigt die neueste Umfrage von 20 Minuten und Tamedia einen Anstieg des Wähleranteils um 1,4 Prozentpunkte auf 27 Prozent. Strategie aufgegangen?

Nein, so primitiv politisieren wir nicht. Wir hoffen natürlich auf viele Wähler, weil wir dann stärker sind. Aber man soll auch nicht jede Umfrage allzu ernst nehmen. Bei einem Einbruch der Wählerzahlen ist die Gefahr, dass die Partei reagiert und ihre Strategie ändert.

20 Minuten

Graben schliessen

Schliesst sich der Graben sozusagen von selbst, wenn die Pandemie in diesem Sommer hoffentlich vorbei ist? Oder was braucht es, damit die Menschen wieder aufeinander zugehen können?

Man muss nicht einverstanden sein mit den Ungeimpften, aber sie auch nicht verdammen. Die haben nichts Schlimmes getan. Mit den Tests kommt man auch über die Runden.

480 Kommentare