Aktualisiert 10.02.2013 05:05

Chinesisches Neujahr

Jetzt bloss nicht die Haare schneiden

China feiert den Beginn eines neuen Jahres verhaltener als üblich. Denn heute beginnt das Jahr der Schlange – die bei weitem nicht so populär ist wie der Drache, den sie ablöst.

von
Ralf Meile, Hong Kong

Mit Partys und Feuerwerken haben Chinesen in aller Welt das Jahr der Schlange begrüsst. Trotz eiskalter Temperaturen strömten in der Nacht auf Sonntag alleine in Peking Millionen auf die Strassen, um den Jahreswechsel nach chinesischem Kalender zu zelebrieren. Allerdings dürfte ihre Freude, dass ein neues Jahr angebrochen ist, weniger gross sein als auch schon. Der Grund ist das Tierkreiszeichen, in dessen Zeichen 2013 steht: Die Schlange.

Weil die Schlange im chinesischen Horoskop vor allem Feuer besitzt und in diesem Jahr auf das Gegenelement Wasser stösst, sagen Astrologen für 2013 ein Jahr der Konflikte voraus. Immerhin: Weil Wasser auch als sanft, flexibel und bescheiden gilt, sollten die Auseinandersetzungen eher gemässigt sein.

«Die Leute bekommen Angst, wenn sie eine Schlange sehen»

Das Neujahrsfest ist die wichtigste Feier für alle Chinesen: Ein einwöchiges Festival aus Tempelbesuchen, Familientreffen und kulinarischen Exzessen, untermalt vom Krachen der Feuerwerkskörper. Fabriken, Büros und Geschäfte bleiben geschlossen, in den hektischen Alltag der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt zieht seltene Ruhe ein.

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao versprach in einer Neujahrsmitteilung, die «energischen Massnahmen» fortzuführen, um Wirtschaftsreformen voranzutreiben und den Lebensstandard der Menschen zu verbessern. Die Besitzer von Souvenir-Shops erwarten hingegen zwölf harte Monate. «Letztes Jahr gingen die Geschäfte viel besser, jeder liebt den Drachen», berichtet Lin Peixiang, Besitzer einer Fabrik in Wenzhou, die Souvenirs herstellt. Das Schlangenzeichen stehe für Furcht. «Die Leute bekommen Angst, wenn sie eine Schlange sehen.»

Hong Kong feiert mit Tetris-Elementen

Bei einem Streifzug durch Hong Kong zeigt sich jedoch, dass die Geschäfte bestens laufen. Girlanden und allerlei roter Zimmerschmuck finden in den Gassen der unzähligen Strassenmärkte reissenden Absatz.

Am Sonntagabend findet entlang der Promenade des Stadtteils Kowloon eine grosse Parade statt, für die seit Tagen geprobt wird. Ob aufgelöst wird, was Bowling-Kegel und Tetris-Elemente mit dem Jahr der Schlange verbindet, ist jedoch fraglich. Keine Fragen wird es beim grossen Feuerwerk geben, das in Hong Kong am Montagabend stattfindet und eine knappe halbe Stunde dauern soll.

In diesem Jahr lieber kein Kind

Schaut man in die jüngste Vergangenheit, scheint eine gewisse Abneigung nicht grundlos. In das Jahr 2001 – ebenfalls ein Jahr der Schlange – fielen der Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September. Und 1989 fiel in Berlin die Mauer und wurde der Volksaufstand auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking blutig niedergeschlagen. «In der chinesischen Mythologie werden Schlangen oft mit Monstern in Verbindung gebracht, man kann also politisch unruhige Zeiten erwarten», sagt der taiwanesische Astrologe Tsai Shang-chi.

Viele chinesische Paare sollen ihre Schwangerschaft gar so planen, dass die Geburt des Kindes nicht in dieses Jahr fällt. Auch wenn es dazu keine offiziellen Statistiken gibt, räumen Behörden in Peking ein, dass Hebammen deutlich weniger Schwangere betreuen als im heissbegehrten Jahr des Drachens, das nun zu Ende gegangen ist.

Wer im Jahr der Schlange geboren ist, gilt als klug, tiefsinnig und logisch denkend. Unter ihrer ruhigen Oberfläche sollen Wachsamkeit, Geschwindigkeit und manchmal auch Unberechenbarkeit lauern, weil die Schlange unerwartet vorschnellen kann. Ihnen wird auch nachgesagt, aalglatt, undurchsichtig und listig zu sein.

Allerlei Aberglaube

Unabhängig vom Tierkreiszeichen ist die Zeit der Neujahrsfeierlichkeiten in China stets auch die Zeit, um gewisse Handlungen zu forcieren oder im Gegenteil möglichst zu unterlassen. So sollen Fenster und Türen geöffnet werden, damit das Glück während des Fests ins eigene Haus gelangen kann. Und damit das Glück seinen Weg auch findet, soll das Licht in der Nacht brennen gelassen werden.

Auf der anderen Seite bringt es Unglück, wenn man sich während dieser Tage neue Schuhe kauft. Das Wort Schuh klingt nämlich gleich wie dasjenige, das für schlecht, böse und ungesund steht. Kein Wunder, versuchen die Schuhverkäufer, ihre Treter mit grosszügigen Rabatten los zu werden. Ebenfalls Unglück bringt es, während der Festlichkeiten die Haare zu schneiden. Das Wort Haar ist praktisch identisch mit dem Wort für Wohlstand – und den will schliesslich niemand leichtfertig loswerden. Mit der passenden Frisur zum Jahr der Schlange muss also noch etwas zugewartet werden.

Mit Material der Agenturen SDA und AP

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