Stunde der Wahrheit: Jetzt gilts ernst: Schulden-Schnitt oder Pleite?
Aktualisiert

Stunde der WahrheitJetzt gilts ernst: Schulden-Schnitt oder Pleite?

Schicksalstag für Griechenland: Bis 21 Uhr müssen die privaten Gläubiger entscheiden, ob sie beim Schuldenschnitt mitmachen. Was, wenn nicht? Helfen am Ende nur die Götter? Die Antworten.

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dpad/sas
Hickhack um Griechenland: Wer macht mit beim Schuldenschnitt?

Hickhack um Griechenland: Wer macht mit beim Schuldenschnitt?

Keystone

Es ist der Tag der Entscheidung in der griechischen Tragödie. Bis am Donnerstag um 21 Uhr müssen die Privatgläubiger erklären, ob sie beim freiwilligen Schuldenerlass des verschuldeten Staates mitmachen. Für Athen ist dies eminent wichtig, denn nur dann geben die EU-Finanzminister grünes Licht für Zahlungen aus dem zweiten Kreditpaket von 130 Milliarden Euro. Das Tauschprogramm laufe gut und die Annahmequote sei «sehr hoch», sagte am Donnerstagmittag ein Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Womöglich ist das aber vor allem Zweckoptimismus.

Dass die notwendige Beteiligung von 90 Prozent zustande kommt, gilt als nicht sehr wahrscheinlich. Bislang haben nämlich erst etwa die Hälfte der Banken, Versicherungen und Hedgefonds ihre Bereitschaft zu dem Anleihetausch signalisiert. Hedgefonds stemmen sich teilweise gegen den Schuldenschnitt, weil sie bei einer ungeordneten Pleite über Kreditausfallrisikoversicherungen viel Geld verdienen würden.

Gelingt der freiwillige Schuldenschnitt?

Die Meinung der Experten lautet: Nein. Um die von Brüssel eingeplante Schuldenerleichterung von 107 Milliarden Euro zu erreichen, müssten 100 Prozent der Privatgläubiger ihre Anleihen umtauschen. Einige von ihnen haben aber schon abgewinkt. Die vom Internationalen Bankenverband (IIF) vertretenen Institute sind zwar dabei, halten aber nur knapp 40 Prozent der griechischen Schuld. Als Schmerzgrenze gilt eine Beteiligung von 90 Prozent. Schon das würde eine Lücke von 10,7 Milliarden Euro in den Rettungsplan reissen.

Was ist die Alternative?

Sind weniger als 66 Prozent zum Verzicht bereit, fährt Griechenland an die Wand. Dann würde das Land am 20. März in die Pleite stürzen. Die Folge könnte ein freiwilliger Austritt aus dem Euro sein. Die Konsequenzen wären nicht nur für die griechische Wirtschaft und den sozialen Frieden gravierend. Nicht nur die Privatgläubiger müssten ihre Kredite abschreiben, sondern auch der öffentliche Sektor, allen voran die Europäische Zentralbank. Unklar ist, ob es gelänge, Griechenland zu isolieren. Es ist davon auszugehen, dass Europa nach einer Pleite Athens auch um Italien, Portugal und Spanien bangen muss.

Gibt es einen Ausweg?

Ja, aber der ist riskant. Liegt die Beteiligung – wie von der Branche erwartet – zwischen zwei Dritteln und 90 Prozent, will die griechische Regierung den Schuldenerlass erzwingen. Mindestens die Hälfte der Investoren müssten abstimmen und sich mit Zweidrittelmehrheit dafür aussprechen. Für die Auszahlung an Gläubiger, die sich nicht am Schnitt beteiligen, sei kein Geld da, begründete der Chef der Schuldenagentur, Petros Christodoulou, den drastischen Schritt. Das ist auch eine Warnung an die Investoren, deren Anleihen nicht nach griechischem Recht laufen. Sie können nicht so leicht zum Verzicht gezwungen werden.

Wo liegen die Gefahren?

Erzwingt die Regierung den Schuldenerlass, werden Kreditausfallversicherungen (CDS) fällig. Ihr Nettovolumen liegt bei 2,4 Milliarden Euro. Ob die Anbieter das in vollem Umfang leisten könnten, ist ungewiss. Zu Beginn der Finanzkrise 2008 hatten Forderungen aus CDS zahlreiche Banken in die Pleite gerissen und einen Flächenbrand verursacht. Kritiker der Griechenland-Hilfe monieren seit langem, dass Hilfsgelder an die Adresse Athens nur der Stabilisierung des Bankensystems gefährden. Bitter ist ein erzwungener Schuldenschnitt auch für die hellenischen Pensionskassen. Sie würden elf Milliarden Euro verlieren und bräuchten Hilfe.

Wann herrscht Klarheit? Oder helfen nur die Götter?

Wenn in griechischen Tragödien die Akteure an ihre Grenzen stossen, helfen die Götter. Das ist hier aber nicht zu erwarten. Hilfe könnte aber von den EU-Finanzministern kommen. Sie werden am Freitagnachmittag über den Ausgang des Schuldentausch-Angebotes beraten. Womöglich wird die Frist verlängert, sollte die 90-Prozent-Hürde knapp verpasst werden. Dass die EU-Finanzminister die Griechen einfach hängen lassen, ist nach der nun schon seit fast drei Jahren dauernden griechischen Tragödie unwahrscheinlich. Athen hat in der Summe nämlich bereits Hilfen von 500 Milliarden Euro bekommen. Bei einer Pleite wären diese Mittel vergeblich eingesetzt worden.

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