«Time-out»: Jetzt heisst es: Sinnvoll Millionen verpulvern!
Aktualisiert

«Time-out»Jetzt heisst es: Sinnvoll Millionen verpulvern!

Wir können davon ausgehen, dass der Lockout unsere Liga dazu verleitet, Geld für NHL-Stars zu verschleudern. Das ist gut so. Denn die Erotik des Sportgeschäfts ist die Unvernunft.

von
Klaus Zaugg

Es bringt nichts, NHL-Stars

einzufliegen. Für diese Behauptung gibt es gute Gründe. Niemand weiss, wie lange der Arbeitskampf in der «dümmsten Liga der Welt» dauern wird. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die NHL-Stars im Frühjahr, wenn es in den Playoffs um den Titel gehen wird, nicht mehr zur Verfügung stehen.

Die «Warnung von Helsinki» sollten wir auch nicht vergessen: Bei der WM im letzten Frühjahr entfalteten unsere NHL-Stars bei Weitem nicht die erhoffte Wirkung. Die Nationalmannschaft, die mehr NHL-Spieler in ihren Reihen hatte als je zuvor in der Geschichte, verlor sogar gegen Frankreich und erreichte die WM-Viertelfinals nicht.

NHL-Stars spülen kaum Geld in die Klubkassen

Die Investitionen in die Verpflichtung der NHL-Stars zahlen sich letztlich nicht vollständig in Franken und Rappen aus. Die Stadionauslastung in der NLA ist bereits so hoch, dass es nur in Davos möglich ist, dank der NHL-Gastarbeiter die Zuschauerzahlen markant zu verbessern.

Der SCB mit dem höchsten Zuschauerschnitt Europas wird selbst dann, wenn er mit Mark Streit bei allen Heimspielen die Arena füllt (17 131 Zuschauer) höchstens einen kleinen Gewinn erzielen. Der EV Zug wird durch das Engagement von Damien Brunner und Rafael Diaz sogar rote Zahlen schreiben.

Gute Vorsätze? Nicht in Bern, Zug und Davos

Wir können nun auch hämisch darauf hinweisen, dass die Manager in Zug, Bern und Davos immer und immer wieder betont haben, wie wichtig es sei, nicht unvernünftig Geld auszugeben. Zug hat aus Kostengründen darauf verzichtet, Lottergoalie Jussi Markkanen auszumustern und so wahrscheinlich einen Titel vergeben.

SCB-Sportchef Sven Leuenberger steckt wegen der eisernen Kostenkontrolle durch SCB-General Marc Lüthi in der Transfer-Zwangsjacke und der HCD hat die Saison auch aus wirtschaftlichen Gründen nur mit drei Ausländern begonnen. Und jetzt haben ausgerechnet der SC Bern, der EV Zug und der HC Davos schon nach zwei Runden alle guten Vorsätze über den Haufen geworfen und doch eine «Transfer-Kriegskasse» geöffnet.

Niemand mag Klubs aufgrund ihrer Sparsamkeit

Und doch ist es richtig, dass jetzt in Davos, Bern und Zug Geld für die NHL-Stars verpulvert wird. Ja, die Hockeygeneräle in Zug, Davos und Bern sind für ihre Unvernunft zu loben.

Niemand kauft nämlich eine Saisonkarte, weil sein Klub spart. Niemand verbringt den Abend im Stadion, weil immer vernünftig gewirtschaftet wird. Niemand ist vom Sport fasziniert, weil sparsam gewirtschaftet wird. Niemand ist SCB-Fan, weil SCB-General Marc Lüthi Jahr für Jahr schwarze Zahlen schreibt.

Erotik des Sportgeschäftes ist die Unvernunft

Die Erotik des Sportgeschäftes ist die Unvernunft. Ein teurer Spieler, einer, von dem wir annehmen, dass er viel zu viel verdient, fasziniert uns viel mehr als einer, der eigentlich zu wenig kassiert. Und hin und wieder wollen wir einen ganz grossen Namen sehen. Hin und wieder wollen wir aus dem Alltag ausbrechen. Hockeyunternehmen sind immer auch Traumfabriken.

Wir erleben nicht alle Jahre einen NHL-Lockout. Vielleicht alle sieben oder zehn Jahre einmal. Dieser Lockout ist eine der ganz, ganz seltenen Gelegenheiten, sinnvoll Millionen zu verpulvern. Geld zu verschleudern und unvernünftig zu sein. Träume zu produzieren und den Fans Spiele zu bescheren, die sie jahrelang nicht mehr vergessen werden.

Hockeyfans sind überglücklich

Mark Streit beim SC Bern! Davon träumen die Fans in Bern seit Jahren und kaum mehr einer hat geglaubt, dass dieser Traum zu Lebzeiten noch wahr wird. Joe Thornton und Rick Nash zurück in Davos! Kein HCD-Fan hat auch nur zu träumen gewagt, dass die beiden noch einmal zurückkehren könnten.

Das Engagement der NHL-Stars zeigt auch, wie sich die Qualität unseres Hockeys verändert hat: 1994, beim ersten NHL-Lockout, bewunderten wir NHL-Star Doug Gilmour wie ein Wesen von einem anderen Planeten. Damals glaubten nur Spinner, dass je ein Schweizer in der NHL eine Rolle spielen könnte.

Jetzt werden die Schweizer NHL-Stars geholt

Im Herbst 2004 gab es nur zwei Schweizer, die aus der NHL heimkehrten: Martin Gerber und David Aebischer. Schlagzeilen machten sie nicht. Gerber entschwand gleich in der November-Transferpause nach Schweden und Aebischer kam in Lugano nicht an Ronnie Rüeger vorbei.

Und jetzt, sieben Jahre später, dominieren gleich mehrere Schweizer mit NHL-Verträgen die Schlagzeilen. Zum ersten Mal in unserer Hockeygeschichte, die 1908 begonnen hat, dürfen Schweizer Klubs hunderttausende von Franken aufwerfen, um Schweizer aus der NHL zu holen.

Das Timing muss stimmen

Das ist unbezahlbare Werbung für unser Hockey. National und international. Es ist endlich wieder einmal grosses, grandioses Sportkino und von einer ganz anderen Qualität als die rührende Heldenverehrung unserer Fussballstars für kümmerliche Siege gegen Operetten-Fussballnationen.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich rede nicht von der Geldverschwendung und der Unvernunft oder gar der Schuldenwirtschaft. Ganz im Gegenteil. Die ganz grosse Kunst des Sportmanagements ist es, zu wissen, wann es Zeit ist, zu verprassen und wann, vernünftig zu sein. Dieses Timing fürs Geldausgeben haben die Hockeymanager in Davos, Bern und Zug. Jene in Kloten hatten es in den letzten Jahren nicht.

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