Angst um Italien und Europa: «Jetzt hilft nur noch ein Wunder»
Aktualisiert

Angst um Italien und Europa«Jetzt hilft nur noch ein Wunder»

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Italiens erneut gesenkt. Laut dem Konjunktur-Experten Jörg Hinze könnte es bald zum grossen Knall kommen.

von
Alex Hämmerli
Jörg Hinze (rechts) zweifelt an Silvio Berlusconi und dem hochverschuldeten Italien.

Jörg Hinze (rechts) zweifelt an Silvio Berlusconi und dem hochverschuldeten Italien.

Die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit Italiens herabgestuft. Das Land verdiene fortan nur noch die Note A statt A+, heisst es. Die langfristigen Aussichten seien zudem weiter negativ. Jörg Hinze, Konjunkturexperte beim Hamburger Weltwirtschafts Institut, befürchtet, dass es in Europa zum Schlimmsten kommt.

Herr Hinze, Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi klagt, die Einschätzung von S&P sei mehr von Medienberichten als von der Realität diktiert. Teilen Sie diese Aussage?

Jörg Hinze: Nein, Berlusconi versucht damit nur von den Problemen abzulenken. Italiens Schuldenstand ist exorbitant hoch! Das Rating fällt selbst mit der neusten Herabstufung noch viel zu mild aus.

Die Regierung in Rom hat erst vor wenigen Tagen ein weiteres Sparpaket von 54,2 Milliarden Euro verabschiedet. Zusammen mit den im Juni beschlossenen Einschnitten will Rom 102 Milliarden Euro einsparen und 2013 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Ist dieses Versprechen denn nichts wert?

Ich befürchte nicht. Die Weltwirtschaft schwächt sich ab. Und in Italien wird sich das besonders deutlich zeigen: Mich würde es nicht überraschen, wenn es in Italien schon bald zu einer Rezession kommt. Denn wenn Rom spart, würgt es dadurch auch die Wirtschaft weiter ab. Das Ziel, den Haushalt bis 2013 in Ordnung zu bringen, wird Italien kaum erreichen.

Hat die Regierung Berlusconi zu spät reagiert?

Die Politik hat viel zu spät und auch viel zu zaghaft reagiert, ja. Die Weitsicht hat schon lange gefehlt. Die Schuldenkrise zeichnet sich ja nicht erst seit Anfang Jahr ab. Erst auf den Druck der Märkte ist wirklich Bewegung in die Sache gekommen. Das ist übrigens kein Italien-spezifisches Problem. Ich bin zur enttäuschenden Einsicht gekommen, dass in diesem Zusammenhang nur der Druck der Märkte, in diesem Fall die Gefahr steigender Zinsen, einschneidende Reformen erzwingt.

Italien hat mit Verpflichtungen in der Höhe von 1,9 Billionen Euro oder rund 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts nach Griechenland den höchsten Schuldenstand in Europa. Wie teuer ist die Herabstufung für Italien?

Die letzte Versteigerung von Staatsanleihen fand zu einem Zinssatz von 5,6 Prozent statt. Ob und wie stark die Zinsen nun steigen, hängt davon ab, wie stark die Europäische Zentralbank (EZB) oder in Zukunft möglicherweise der Rettungsschirm die Papiere aufkauft.

Anders gefragt: Wie hoch wäre der Zinssatz ohne das Eingreifen der EZB?

Ich schätze, dass Italien ohne die Interventionen heute mit Zinssätzen von 8 bis 10 Prozent konfrontiert wäre.

Könnte Italien die Mehrkosten schultern?

Nein. Damit es in Italien nicht zum grossen Knall kommt, muss wirklich alles stimmen. Und daran zweifle nicht nur ich, sondern auch sonst immer mehr Experten in meinem Umfeld. Ohne tiefe Zinsen und einem passablen Wirtschaftswachstum steht Italien äusserst schlecht da.

Wie lange kann man die Zinsen noch so tief halten?

Das ist schwierig zu sagen. Schon Jahre vor der Immobilienkrise in den USA hatte man etwa vor einer Blasenbildung gewarnt. Klar ist für mich: Irgendwann wird auch diese Blase platzen. Und zwar mit einem riesengrossen Krach! Denn wer glaubt, man könne Staatsschulden unendlich ausweiten, der irrt sich gewaltig.

Man müsste also viel entschiedener eingreifen.

Genau. Doch dafür fehlt leider immer noch der Wille. Stattdessen wird immer mehr Geld gedruckt, um immer wertlosere Staatspapiere zu kaufen. Dabei verschliesst man sich der Tatsache, dass man damit alles nur noch schlimmer macht.

Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens kommt just zu einem Zeitpunkt, in dem über neue Finanzhilfen für das von der Insolvenz bedrohte Griechenland verhandelt wird. Die Massnahme nährt die Angst vor einem Übergreifen der griechischen Krise auf andere Länder.

Die Lage ist in der Tat prekär. Wenn sich die Troika aus EU, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) an deren eigene Regeln hält, darf die nächste Tranche an Hilfsgeldern für Griechenland nicht ausbezahlt werden. Denn Griechenland hat nicht die Ergebnisse geliefert, die das Land versprochen hat.

Was würde dann passieren?

In Griechenland würde Chaos ausbrechen, Banken würden pleitegehen und die Krise würde auf weitere Länder überschwappen.

Klingt nach einer explosiven Mischung.

So ist es. Ich erwarte daher, dass die Troika die Gelder trotzdem auszahlen wird ...

... und damit die Probleme ein weiteres Mal aufschiebt.

Genau. Die Blase wächst weiter und es wird immer wahrscheinlicher, dass es irgendwann zum GAU kommt. Jetzt hilft uns eigentlich nur noch ein Wunder.

Jörg Hinze ist seit 2007 als Senior Economist am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) tätig. Nach dem Volkswirtschaftsstudium an der Universität München arbeitete er ab 1980 im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) und befasste sich in den letzten Jahren schwerpunktmäßig mit der Analyse der Konjunktur in Deutschland. Seit 2007 setzt er diese Arbeiten am HWWI fort. Daneben ist er als Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg tätig.

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