Der Super-GAU: «Jetzt ist es aus»

Aktualisiert

Der Super-GAU«Jetzt ist es aus»

Als Mikola Isajew den explodierten Reaktor von Tschernobyl sah, war er sich sicher, dass er bald sterben würde. Die Geschichte eines jungen Kraftwerksingenieurs.

von
Verena Schmitt-Roschmann
AP

Das volle Ausmass der Katastrophe erkennt Mikola Isajew erst am Tag danach. Es ist kurz vor sieben am 27. April 1986, auf dem Weg zur Frühschicht hat der Werksbus kurz angehalten. Die Arbeiter und Ingenieure wollen sehen, was wirklich los ist mit Block 4 ihres Kraftwerks. «Es sah aus, als hätte einer einen Koffer aufgemacht und den gesamten Inhalt verstreut», beschreibt Mikola Isajew das Riesenloch in der Flanke des Reaktorgebäudes. «Erst da konnte ich begreifen, was passiert ist.» Und spontan hat er nur einen Gedanken: «Jetzt ist es aus.»

Zu dem Zeitpunkt ist der Super-GAU von Tschernobyl schon 30 Stunden im Gange, und der junge Ingenieur hat bereits eine Schicht und eine bange Nacht hinter sich. Schon als er am Tag davor zur Arbeit erscheint, ahnt er Schlimmes. Die Messgeräte zeigen ungewöhnlich hohe Strahlung, und der Leiter der Nachtschicht muss sich erbrechen. Trotzdem behaupten seine Vorgesetzten, es sei «nichts Weltbewegendes» passiert. Eine Wasserstoffexplosion habe das Dach des Reaktors beschädigt, sonst nichts. «Am 26. April haben sie alles getan, um uns zu überzeugen, dass der Reaktor intakt ist», erzählt Mikola.

Tatsächlich ist nach einem schief gelaufenen Experiment gegen 01.23 Uhr in der Nacht zum 26. April 1986 der Reaktorkern explodiert, hat Teile von Brennstäben und Grafit in die Umgebung geschleudert und gigantische Mengen Strahlung freigesetzt. Im Innern von Block 4 wütet ein Feuer, das ganze neun Tage nicht zu löschen sein wird. Und trotzdem glaubt Mikola zunächst den Beschwichtigungen - oder er will sie glauben. «Am 26. 4. wussten wir so gut wie nichts, was im Reaktor 4 passiert ist», erinnert er sich.

Frauen und Kinder weggebracht

Seine Schicht am 26. dauert ungewöhnlich lange, die Ablösung verspätet sich. Als er gegen halb sieben abends nach Hause in die zwei Kilometer entfernte Schlafstadt Pripjat kommt, sitzen die Menschen vor ihren Häusern und geniessen die warme Frühlingsluft. Sie fühlen sich wohl in dieser Stadt, auch Mikola, der 1977 gleich nach dem Studium hergezogen ist. Die neuen Wohnungen, die fetten Gehälter, die Schichtzulagen aus dem Kraftwerk, lauter junge Leute, viele Kinder - es ist ein gutes Leben.

Doch abends laufen bereits die ersten Soldaten in Schutzanzügen und Atemmasken durch die Strassen und messen Strahlung. Mikola sagt seiner Frau, sie solle die beiden Kinder - die vierjährige Tochter Elena und den fünfmonatigen Sergej - sicherheitshalber ins hintere Zimmer schlafen legen - auf der vom Reaktor abgewandten Seite. Und sie soll die Sachen packen. Knapp 20 Stunden später ist es soweit. 1900 Busse holen Frauen und Kinder aus Pripjat ab. Elena und Sergej werden nie wieder in ihre Geburtsstadt zurückkehren. Nur Mikola bleibt.

Nach seinem ersten Blick auf den zerfetzten Reaktor am Morgen ist er sich sicher, dass er bald sterben wird. Und dennoch bleibt er. «Ich wusste: Wir müssen diese Havarie bekämpfen - ausser uns kann das keiner.» Danach funktionieren er und seine Kollegen wochenlang auf einer Adrenalinschwemme. «Wir verstanden, wir müssen das tun.» Eine echte Wahl bleibt allerdings nicht, auch das weiss Mikola: Die 100 Arbeiter und Ingenieure aus seiner Schicht werden zum Bleiben für die «Schlacht von Tschernobyl» abkommandiert. Befehlsverweigerung bedeutet Knast, ist sich Mikola sicher.

Freiwillig zum Himmelfahrtskommando

In Tausenden Flügen werfen Militärhubschrauber in den nächsten Tagen rund 2400 Tonnen Blei und 1800 Tonnen Sand ins Inferno, um das Feuer zu löschen und die Strahlung zu dämpfen. Am 6. Mai schliesslich ist die Situation einigermassen unter Kontrolle. Doch die grösste Aufgabe steht noch aus: Die Reaktorruine muss irgendwie verschlossen werden. In einem dramatischen Kraftakt lässt die Kreml-Führung Bagger und Betonmischer aus der ganzen Sowjetunion anrücken und zieht junge Rekruten aus allen Republiken am Unglücksmeiler zusammen.

Junge Männer werden in grotesken Bleianzügen auf das Dach der Ruine geschickt, um das strahlende Inventar so weit beiseite zu räumen, dass eine provisorische Umhausung gebaut werden kann. «Die Soldaten wussten um die tödliche Gefahr», sagt Mikola. Angeblich melden sie sich trotzdem freiwillig für das Himmelfahrtskommando. Bis zu 800 000 Soldaten und Helfer werden in den folgenden Monaten eingesetzt, um bis November 1986 den sogenannten Sarkophag um Block 4 zu errichten. Allein 300 000 Ukrainer sind darunter, wie Mikola berichtet. 150 000 dieser ukrainischen «Liquidatoren» seien inzwischen gestorben.

Mikola selbst sieht mit seinen 55 Jahren eher aus wie 70, in seinem braunen Anzug mit dem Orden der Sowjetunion für die Helden von Tschernobyl am Revers. Schon seit 1991 kann er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten. Von Gallenproblemen berichtet er, die ganze Familie ist auf Medikamente angewiesen. Doch weiss Mikola Isajew, dass er sich damit noch glücklich schätzen kann. «Ich bin der einzige aus meiner Schicht, der noch lebt.»

Deine Meinung