Goldman Sachs: Jetzt klagen auch Schweizer «Vollidioten»
Aktualisiert

Goldman SachsJetzt klagen auch Schweizer «Vollidioten»

Geldgierige Abzocker, die ihre Kunden für Trottel halten: Goldman Sachs muss böse Kritik einstecken. Auch Schweizer Kunden fühlen sich von der US-Bank betrogen – und streben eine Klage an.

von
S. Spaeth
Nicht das erste Mal kämpft Goldman-Sachs-CEO Lloyd Blankfein um das Image seiner Bank. 2010 untersuchte ein Ausschuss des US-Senats die Rolle der Investmentbank in der Finanzkrise.

Nicht das erste Mal kämpft Goldman-Sachs-CEO Lloyd Blankfein um das Image seiner Bank. 2010 untersuchte ein Ausschuss des US-Senats die Rolle der Investmentbank in der Finanzkrise.

Es ist ungewöhnlich, wenn man seine Kündigung als bitterböser Abschiedsbrief in einem Meinungsbeitrag der «New York Times» veröffentlicht. So gemacht hat es der 33-jährige Greg Smith, Derivate-Händler für Europa, Asien und den Nahen Osten bei Goldman Sachs in London. Er beschrieb die US-Investmentbank als «destruktiv», «vergiftet» und als Institut, das nur den eigenen Profit maximiere und die Kundeninteressen vernachlässige. Smiths Zeilen gingen um die Welt.

R.H*, ein erfolgreicher Schweizer Unternehmer, der mit IT-Firmen ein Vermögen verdiente, wurde durch den Brief des Ex-Mitarbeiters an seine eigene Beziehung zu Goldman Sachs erinnert. Er fühlt sich von der Bank betrogen. 2005 hatte der Unternehmer der Bank zwei Millionen Dollar anvertraut – zur konservativen Anlege, wie er sagt. Die Bank verkaufte ihrem Kunden Anteile am Immobilienfonds Withehall Street, der international in gewerbliche Immobilien investierte. «Ich war der Meinung, konservative Assets zu tätigen», so R.H. Er habe den Berater sogar darauf hingewiesen, dass sein Konto bei Goldman Sachs nicht der Spekulation diene.

Von Bank nicht informiert

Die Ernüchterung kam rasch: R.H. verlor und verlor. Ende 2009 waren von den einst 1,8 Milliarden Dollar Vermögen des Withehall-Steet-Fonds nur noch 30 Millionen übrig. Schuld am Debakel waren Fehlinvestitionen in den USA, Deutschland und Japan. Zuerst waren die Anteile von R.H. noch 1,56 Millionen wert, später tauchten sie bis auf 300 000 Dollar. Als der tiefe Fall einsetzte, wollte R.H. verkaufen, doch das war nur einmal pro Quartal möglich. Er behauptet, er sei von seinem Berater darüber nicht informiert worden. Und auch vom Auftrag der konservativen Anlagestrategie habe der Berater nichts mehr wissen wollen.

Dem Zürcher Wirtschaftsanwalt Daniel Fischer sind mehrere ähnliche Fälle bekannt. Er vertritt fünf wohlhabende Schweizer Anleger, die mit dem Withehall-Street-Fonds total rund vier Millionen Franken verloren haben. «Es geht um Falschberatung – und es sind keine Einzelfälle», sagt Fischer. Goldman Sachs habe die Kunden mit System getäuscht – und sie im Nachhinein, als gigantische Verluste da waren, sozusagen als «selber Schuld» gestempelt. Das passt zur Kultur, wie sie Greg Smith in seiner öffentlichen Abrechnung beschrieben hat: Er berichtete von Investmentbankern, die ihre Kunden als «Vollidioten» bezeichneten und sich brüsteten, wie sie die Kundschaft abzockten.

Lieber enttäuschte Kunden

Anwalt Fischer sammelte die Fälle und versuchte, mit Goldman Sachs eine Lösung zu finden. «Es wurde aber nur gemauert», so Fischer. Die Bank stellte sich auf den Standpunkt, dass es keinen Grund für eine aussergerichtliche Einigung gebe. «Goldman Sachs hat lieber enttäuschte Kunden, als Fehler zuzugeben», empört sich der Wirtschaftsanwalt. Die Bank stellte sich auf den Standpunkt, dass es sich bei den Geschädigten um sogenannt qualifizierte Anleger handelt, die alle Risiken kennen. Zudem redet sich die Bank mit dem Argument raus, dass man den Schaden noch gar nicht beziffern könne, weil der Fonds eine Laufzeit bis 2014 hat.

Die Goldman-Sachs-Pressestelle wollte zu den geschädigten Schweizer Kunden nichts sagen. «Über Kundenbeziehungen geben wir grundsätzlich keine Auskunft», so Sprecher Roland Leithäuser. Fragen zur Unternehmenskultur, wie sie der verärgerte Londoner Banker Greg Smith – aber auch der Schweizer Kunde R.H. geschildert hatte – beantwortet Leithäuser mit dem offiziellen Statement der Bank: «Wir glauben nicht, dass diese Darstellung unser Geschäftsmodell beschreibt. Aus unserer Sicht sind wir nur erfolgreich, wenn unsere Kunden zufrieden sind.» Diese Tatsache liege der Bank am Herzen.

«Gottes Werk»

Anwalt Fischer überlegt sich, im Namen seiner Klienten Klage einzureichen. Und wie stehen die Aussichten auf Erfolg in einem Prozess? «Es wird keine einfache Sache», konstatiert Fischer. Dem Anwalt dürfte es mit einer Klage auch darum gehen, Druck aufzubauen, denn die meisten Streitigkeiten enden schliesslich mit einem aussergerichtlichen Vergleich.

In einem Interview mit der britischen Zeitung «Sunday Times» sagte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein 2009 etwas ironisch, Banken würden «Gottes Werk» leisten. Wenn sich der Schweizer Unternehmer R.H., der mit seiner Anlage bei Goldman Sachs Millionen verloren hat, an Blankfeins Worte erinnert, tönen sie für ihn wie Hohn. Seine bisherige Erfahrung: Die Bank gewinnt immer.

* Name der Redaktion bekannt

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