08.04.2019 06:45

VereinbarkeitJetzt kommt das Eltern-Kind-Büro in die Schweiz

Ein Eltern-Kind-Büro mit Spielecke für den Notfall: Was im Ausland schon weit verbreitet ist, gibt es jetzt auch in der Schweiz.

von
Dorothea Vollenweider
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Im neuen Hauptsitz von Lidl in Weinfelden können die Angestellten seit Januar 2019 bei Betreuungsengpässen ein Eltern-Kind-Zimmer buchen.

Im neuen Hauptsitz von Lidl in Weinfelden können die Angestellten seit Januar 2019 bei Betreuungsengpässen ein Eltern-Kind-Zimmer buchen.

Lidl
Die Zurich Versicherung bietet ebenfalls Eltern-Kind-Büros an – bisher jedoch nur in Italien. Im neuen Bürogebäude von Zurich Deutschland wird es ebenfalls zwei geben. In der Schweiz ist derzeit keins geplant.

Die Zurich Versicherung bietet ebenfalls Eltern-Kind-Büros an – bisher jedoch nur in Italien. Im neuen Bürogebäude von Zurich Deutschland wird es ebenfalls zwei geben. In der Schweiz ist derzeit keins geplant.

Keystone/Ennio Leanza
Der Versicherer AXA Schweiz hat kein Eltern-Kind-Büro, dafür ein Spielzeugkoffer für Kinder am Arbeitsplatz. Der «Kids-Koffer» ist vollgepackt mit Bilderbüchern, Spielen, Spielzeugen, Papier, Schere und Malstiften.

Der Versicherer AXA Schweiz hat kein Eltern-Kind-Büro, dafür ein Spielzeugkoffer für Kinder am Arbeitsplatz. Der «Kids-Koffer» ist vollgepackt mit Bilderbüchern, Spielen, Spielzeugen, Papier, Schere und Malstiften.

AXA Schweiz

Erwerbstätige Eltern kennen die Situation bestimmt: Die Betreuung für den Nachwuchs fällt kurzfristig aus – und eigentlich müsste man längst auf dem Weg zur Arbeit sein. Was nun? Der Discounter Lidl hat für solche Situationen seit kurzem eine Lösung: Im Hauptsitz in Weinfelden können die Angestellten im Notfall das Eltern-Kind-Zimmer buchen.

Das Büro mit Spielecke gibt es seit der Eröffnung des neuen Hauptsitzes im Januar 2019. Es ist mit zwei voll ausgestatteten Arbeitsplätzen ausgerüstet und beinhaltet ein Kinderbett, diverses Spielzeug, einen Sessel zum Stillen und Stillkissen sowie einen Vorhang für die Privatsphäre.

Nur als Notlösung geeignet

«Unser Ziel ist es, eine optimale Unterstützung für erwerbstätige Eltern zu bieten», sagt Lidl-Sprecherin Corina Milz zu 20 Minuten. «In den Monaten, seit es das Büro gibt, wurde es mehrmals wöchentlich, in gewissen Wochen sogar täglich, gebucht.» Das Büro werde von Müttern und Vätern gleichermassen genutzt.

Hartmut Schulze, Professor für Arbeitspsychologie an der FHNW, spricht von einer guten Lösung. Er räumt aber ein: «Sie ist nur für Not- oder Übergangssituationen geeignet.» Aus Studien wisse man, dass Menschen, die sich voll auf die Arbeit konzentrieren, nicht gleichzeitig ein Kind betreuen oder im Auge behalten können.

Kids-Koffer im Büro

In der Schweiz steht Lidl mit dem Eltern-Kind-Büro noch ziemlich allein da. 20 Minuten hat bei den grössten Schweizer Firmen, die sich für Vereinbarkeit einsetzen, nachgefragt. Lediglich bei der Versicherung AXA Schweiz gibt es ein ähnliches Angebot: Das Unternehmen stellt den Mitarbeitern in Notfällen einen Spielzeugkoffer zur Verfügung. Er enthält Bilderbücher, Spiele, Spielzeuge, Papier, Schere und Malstifte. «Es ist grundsätzlich nie ein Problem, wenn Eltern ihr Kind ins Büro mitnehmen», sagt Sprecherin Olivia Guler.

Swisscom, Microsoft und Ikea Schweiz dagegen kennen kein Eltern-Kind-Büro. Die Unternehmen bieten den Mitarbeitern laut eigenen Angaben aber die Möglichkeit, bei temporären Engpässen bei der Betreuung von zu Hause aus zu arbeiten.

Im Ausland schon weit verbreitet

Auch die Zurich Versicherung kann seinen Schweizer Angestellten keine solche Notlösung bieten. Das, obwohl das Unternehmen im Ausland mehrere Standorte mit Eltern-Kind-Büros betreibt: Bei Zurich in Italien gibt es mehrere Arbeitsplätze, die als Eltern-Kind-Büro dienen.

Diese werden laut Zurich-Sprecherin Nathalie Vidal rege genutzt. «Im neuen Bürogebäude von Zurich Deutschland wird es ebenfalls zwei Eltern-Kind-Büros geben», fügt sie an. Als Grund, dass es diese Möglichkeit in der Schweiz nicht gibt, nennt Vidal das flexible Arbeitsmodell der Schweizer Angestellten. «Fällt die Kinderbetreuung kurzfristig aus, können die Mitarbeitenden auch von zu Hause aus arbeiten.»

Tatsächlich ist das Eltern-Kind-Büro im Ausland schon viel verbreiteter als in der Schweiz. So können Angestellte des Versandhändlers Otto in Hamburg oder des Software-Konzerns SAP in Walldorf ihre Kinder mit an den Arbeitsplatz nehmen. Ebenfalls möglich ist das beim Industrie-Konzern Thyssen-Krupp in Nordrhein-Westfalen und beim Energieanbieter EWE in Oldenburg.

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