Aktualisiert 23.09.2011 12:25

Nach Nein im ParlamentJetzt kommt das Thema Schulden auf den Tisch

Während das Parlament Vorstösse gegen die Jugendverschuldung bachab schickt, schlagen Präventionsstellen Alarm. An einem runden Tisch wollen sie neue Forderungen stellen.

von
Jessica Pfister

Trailer eines Films der Schuldenberatung Aargau-Solothurn zur Schuldenprävention bei Jugendlichen, der am Montag, 26. September Premiere feiert.

Rezepte gegen die Jugendverschuldung haben es beim Bund und im Parlament schwer. Obwohl die Politiker unisono das Problem anerkennen, verweigern sie konkreten Vorstösse immer wieder die Unterstützung. Jüngstes Beispiel ist die Initiative von SP-Nationalrätin Josiane Aubert, die ein Werbeverbot für Kleinkredite verlangt. Statt Verbote zum Schutz der Jugend fordert die Mehrheit der bürgerlichen Politiker bereits vor der Beratung nächste Woche mehr Prävention.

Was viele Parlamentarier aber nicht wissen: Es gibt in der Deutschschweiz kaum Kantone, die überhaupt in die Schuldenprävention investieren. «Die meisten bieten zwar Beratungen an, doch die Jungen nutzen solche Angebote nicht», sagt Andrea Fuchs von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn. Ausser den beiden Mittelland-Kantonen, die dank der kantonalen Unterstützung mehr als die Hälfte ihrer Stellen für die Prävention aufwenden können, führt nur noch Basel-Stadt eine ähnlich ausgebaute Präventionsstelle. In der Stadt Zürich besteht die Prävention vor allem darin, dass Betreibungbeamte die Schulen besuchen.

«Thema wird verschwiegen»

Die Erfahrungen, die der Betreibungsbeamte Bruno Crestiani bei seiner Arbeit macht, sind teilweise erschreckend: «Oft sagten mir die Jugendlichen, dass sie noch nie etwas von Budgetplanung gehört haben.» Präventionsexpertin Fuchs erklärt diese Aussage auch damit, dass für viele Jugendliche Schulden anfangs zum guten Stil gehören. «Steigt der Schuldenberg an, wird das Thema verschwiegen und das Umfeld erfährt oft erst davon, wenn das Betreibungsamt vor der Türe steht.»

Laut Fuchs könne man mit einer aktiven Prävention an Elternabenden und mit Material für Schulen einerseits das Umfeld sensibilisieren und andererseits den Jugendlichen sehr früh den korrekten Umgang mit Geld vermitteln. Crestiani hofft, dass auch der Kanton Zürich künftig der Schuldenprävention mehr Gewicht verleiht - Lehrmittel und andere Materialien dazu seien vorhanden. «Wenn man die Langzeitauswirkungen von verschuldeten Jugendlichen auf die Staatskasse und die Fürsorgeeinrichtungen bedenkt, hat man hier bisher enttäuschend wenig unternommen.»

Film soll Jugendliche sensibilisieren

Um herauszufinden, wie andere Kantone dazu motiviert werden können, eigene Präventionsstellen zu schaffen, hat Fuchs von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn für nächsten Dienstag den Runden Tisch Schuldenprävention Deutschschweiz einberufen. Eingeladen sind neben Fachpersonen aus der Schuldenberatung auch Vertreter aus der Wirtschaft und der Forschung. «Ziel ist, die Deutschschweizer Schuldenpräventionsstellen besser zu koordinieren, uns über Erwartungen an Politik und Wirtschaft auszutauschen und neue Projekte zu entwickeln», so Fuchs.

Eines dieser neuen Projekte feiert schon am kommenden Montag Premiere - der Film «Hesch no Cash» (siehe Video). Der zehnminütige Clip, bei dessen Konzeption und Entstehung Jugendliche mitgearbeitet haben, zeigt anhand von Alltagssituationen wie beispielsweise dem Shopping auf, wie Jugendliche mit Geld umgehen. Laut Fuchs soll er Schulen als niederschwelliges Angebot für die Behandlung des Themas Geld dienen - er ist aber auch auf Youtube aufgeschaltet. «Der Film lädt zum Nachdenken und Diskutieren ein.» Weitere wichtige Fragen wie «Brauche ich das Kleidungsstück wirklich?» oder «Kann ich mir das leisten?» würden automatisch folgen. Doch auch Fuchs ist klar, dass allein durch einen Film der Jugend noch nicht geholfen ist. «Um schweizweit gegen die Jugendschulden anzukämpfen, sind wir auf weitere Fachstellen in den Kantonen, aber auch auf die Unterstützung der Parlamentarier angewiesen.»

Am meisten Betreibungen zwischen 25 und 31

Wie ein Blick auf die Statistik des Stadtzürcher Betreibungsamtes zeigt, wird die Altersgruppe zwischen 25 und 31 Jahren am häuftigsten betrieben - im letzten Jahr waren es über 15 Prozent. «Darunter sind viele, die bereits in jüngeren Jahren in die Schulden gerutscht sind und sich nie Hilfe geholt haben», sagt Betreibungsbeamter Bruno Crestiani. Auffallend ist auch der starke Anstieg an Betreibungen in der Alterskategorie der über 21-Jährigen. Während bei den 17- bis 21-Jährigen die Betreibungsquote bei 3,25 Prozent liegt, ist sie nach dem 21. Altersjahr schon bei 10,66 Prozent. «Das ist genau die Zeit, in der die meisten Jugendlichen das Hotel Mama verlassen und ihr oftmals noch kleiner Lohn nicht mehr für ihre Bedürfnisse ausreicht», so der Fachmann. (jep)

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