Konsum: Jetzt kommt die Coronavirus-Rabattschlacht
Aktualisiert

KonsumJetzt kommt die Coronavirus-Rabattschlacht

Um die Konsumlust anzukurbeln und Lager zu leeren, dürften viele Händler jetzt auf Rabatte setzen. Zudem wollen die Anbieter ihre Kunden so vom Onlinehandel wieder in die Läden locken.

von
Raphael Knecht
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Experten gehen davon aus, dass besonders die Kleiderbranche betroffen sein dürfte.

Experten gehen davon aus, dass besonders die Kleiderbranche betroffen sein dürfte.

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Weniger Rabatte wird es wohl bei Luxusgütern geben – die sind meist etwas krisenresistenter.

Weniger Rabatte wird es wohl bei Luxusgütern geben – die sind meist etwas krisenresistenter.

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H&M etwa hat eine Sonderaktion zur Feier der Rückkehr in die Läden angekündigt.

H&M etwa hat eine Sonderaktion zur Feier der Rückkehr in die Läden angekündigt.

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Darum gehts

  • Die Schweizer Konsumentenstimmung ist im Keller.
  • Mit Rabatten können Händler versuchen, diese Stimmung wieder anzukurbeln.
  • Bei Kleidern, Autos, Möbeln und Elektronik ist mit einer Rabattschlacht zu rechnen.
  • Weniger betroffen sind Nahrungsmittel und Luxusgüter.
  • Vereinzelte Produkte könnten sogar teurer werden.

Die Schweiz steckt in einer Konsumkrise: Im April ist die Konsumentenstimmung laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft auf einen historischen Tiefststand gefallen. Wie die Credit Suisse schreibt, haben die Konsumeinschränkungen im Lockdown zu Minderausgaben von 12 Milliarden Franken innert zwei Monaten geführt. Mit der Wiederöffnung der Geschäfte und der Lockerung der Massnahmen stehen die Schweizer Händler vor der grossen Herausforderung, die Nachfrage der Konsumenten wieder anzukurbeln.

Das dürfte in vielen Geschäftsbereichen mit einer Rabattschlacht geschehen, ist Ökonom Tilman Slembeck von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) überzeugt. Vor allem Händler, deren Lager prall gefüllt seien, würden auf Sonderaktionen setzen: «Kleider dürften günstiger werden, vor allem bei Fast-Fashion-Anbietern – die sind auf einen hohen Warendurchsatz angewiesen und wechseln die Kollektion teils alle paar Wochen.»

Kunden vom Computer in die Läden locken

Auch Auto- und Möbelhändler dürften sich in den kommenden Wochen eine Rabattschlacht liefern. «In diesen Segmenten ist die Konkurrenz besonders gross – man versucht, sich gegenseitig zu unterbieten.» Im Bereich Consumer Electronics erwartet Slembeck ebenfalls viele Aktionen: «Klar, zum Teil haben Kunden jetzt online eingekauft – die Lager sind aber trotzdem voll.»

Dass Konsumenten während der Krise mehr online eingekauft haben, ist ein weiterer Grund für die stationären Geschäfte, jetzt Rabatte zu gewähren, sagt UBS-Ökonom Alessandro Bee: «Es geht nicht nur darum, die Lager zu leeren, sondern auch darum, die Leute vom Computer wieder in die Läden zu locken.»

2020

Konsum nimmt erstmals ab

Während des sogenannten Lockdown durften in der Schweiz nur Händler ihre Geschäfte öffnen, die Güter des täglichen Bedarfs anbieten. Entsprechend haben die Umsatzzahlen des Schweizer Handels insgesamt gelitten. Die Credit Suisse geht davon aus, dass die Konsumnachfrage während des Lockdown um rund 20 Prozent tiefer war als zuvor. Dazu kommt, dass mit den geschlossenen Grenzen auch die Nettozuwanderung wegfiel – sie ist eine wichtige Stütze des Konsumwachstums in der Schweiz. Die Grossbank geht davon aus, dass der private Konsum 2020 hierzulande erstmals seit 1993 abnehmen wird – und zwar um 2,1 Prozent.

Nicht alle Händler betroffen

Nicht betroffen von den Coronavirus-Rabatten sind hingegen Nahrungsmittel sowie Bereiche, in denen Konsumenten sowieso Nachholbedarf haben, wie Slembeck von der ZHAW sagt: «Wenn ich seit Wochen eine Bohrmaschine brauche, kaufe ich die, wenn der Baumarkt wieder geöffnet hat – auch ohne Rabatt.»

Aus der Vergangenheit wisse man zudem, dass Luxusgüter nach einer Krise recht gut laufen, so Slembeck: «Ich glaube nicht, dass jetzt Gucci und Prada plötzlich anfangen, Rabatt zu geben.» Im Gegensatz zu Fast Fashion dürften also etwa teure Kleidermarken weniger betroffen sein.

Bereits am Montag gab es bei einigen Luxusanbietern Schlangen in Zürich.

Daniel Graf

Teilweise steigen Preise gar

Trotz der Rabattschlacht würden die Preise teilweise aber steigen, sagt Jan-Egbert Sturm, Direktor der ETH-Konjunkturforschungsstelle: «Es wird auch Produkte geben, bei denen Lieferengpässe und erhöhte Kosten zu höheren Konsumentenpreisen führen.» Er geht darum davon aus, dass die Preisschwankungen in den kommenden Wochen noch grösser als gewöhnlich sein werden.

Bei den Händlern selbst scheut man sich vor dem Begriff Rabattschlacht. Man spricht lediglich von einzelnen Vergünstigungen. So gebe es bei H&M eine Sonderaktion zur Feier der Rückkehr in die Läden, heisst es auf Anfrage. Interdiscount hat am Montag ebenfalls zusätzliche Aktionen für die Wiedereröffnung lanciert – bei Media-Markt spricht man von einer Reopening-Kampagne. Auch bei Möbel Pfister gebe es zwei Wochen lang «eine Art Willkommensrabatt» zwischen 15 und 50 Prozent, sagt Sprecher Alfredo Schilirò – man mache das aber nicht spezifisch wegen des Lockdown.

Es kommt «etwas Grösseres»

Rolf Boje, Retail-Chef von Manor, sagte kürzlich zu 20 Minuten, es drohe zwar keine grosse Rabattschlacht, aber «die Bestände in den Lagern sind hoch, darum sind Rabatte auch für uns ein Thema. Irgendetwas Grösseres wird kommen.»

Bei Coop City sollen Kunden «wie vor der Schliessung weiterhin von Aktionen profitieren können», sagt Sprecher Patrick Häfliger. Der Platz im Lager sei bei Coop derzeit kein Problem. Ein Migros-Sprecher sagt, es seien keine besonderen Aktionen geplant.

Käufe für 5,5 Milliarden Franken

Auch wenn die Schweizer derzeit nicht so konsumfreudig sind, gibt Slembeck zu bedenken, dass viele Konsumenten in den vergangenen Wochen Geld sparen konnten. Berechnungen der Credit Suisse zeigen, dass die Schweizer Konsumenten in den kommenden Monaten Käufe im Umfang von bis zu 5,5 Milliarden Franken nachholen dürften – vorausgesetzt, dass eine baldige Rückkehr nahe an die Normalität möglich ist.

Ersetzt der Coronavirus-Ausverkauf dieses Jahr andere wichtige Shopping-Events? Das komme vor allem auf die Konsumenten selbst an, sagt Tiziana Hunziker, Makroökonomin bei der Credit Suisse: «Sollte sich die Konsumentenstimmung bis im November oder Dezember wieder verbessern, können wir davon ausgehen, dass beispielsweise der Black Friday auch im laufenden Jahr wieder auf grossen Anklang stossen wird.» Aber: Der Online-Anteil dürfte dieses Jahr besonders stark zunehmen.

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