Vorbild Graubünden: Jetzt prüfen weitere Kantone Covid-Massentests
Publiziert

Vorbild GraubündenJetzt prüfen weitere Kantone Covid-Massentests

Graubünden feiert nach seinem Corona-Massentest einen ersten Erfolg. Das Modell könnte bald auch in anderen Kantonen Schule machen.

von
Bettina Zanni
1 / 6
Mit Flächentests in Südbünden konnte der Kanton Graubünden seine Corona-Fallzahlen senken.

Mit Flächentests in Südbünden konnte der Kanton Graubünden seine Corona-Fallzahlen senken.

Getty Images
Während die Sieben-Tage-Inzidenz in der Woche vom 6. bis 13. Dezember noch bei 202 Personen lag, waren es eine Woche später noch 55 Neuinfektionen.

Während die Sieben-Tage-Inzidenz in der Woche vom 6. bis 13. Dezember noch bei 202 Personen lag, waren es eine Woche später noch 55 Neuinfektionen.

Getty Images/iStockphoto
In den sozialen Medien erntet der Kanton für den Pilotversuch viel Lob.

In den sozialen Medien erntet der Kanton für den Pilotversuch viel Lob.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Nur noch 55 statt 202 Neuinfizierte: Massentests führten im Kanton Graubünden zu einer tieferen Inzidenz.

  • «Hier ist ein Pro am Werk!», lobt ein Twitterer das Vorgehen.

  • Die anderen Kantone sollten mit Massentests nachziehen, sagt eine Epidemiologin und Politikerin.

  • Etwa der Kanton Basel-Landschaft hält das Vorgehen für prüfenswert.

Der Kanton Graubünden konnte seine Corona-Fallzahlen innert Kürze um 73 Prozent senken. Während die Sieben-Tage-Inzidenz in der Woche vom 6. bis zum 13. Dezember noch bei 202 Personen lag, waren es eine Woche später noch 55 Neuinfektionen. Bei den Tests konnten die Behörden 192 asymptomatische Personen herausfischen. Hinter dem Erfolg stehen Flächentests und Nachtests, die in Südbünden durchgeführt wurden. Auch führen die Behörden die gesunkenen Fallzahlen auf den seit zwei Wochen geltenden Gastro-Lockdown zurück.

In den sozialen Medien erntet der Kanton für den Pilotversuch viel Lob. «Wow! Der Kanton Graubünden konnte mit den Massentests die Covid-19-Inzidenz in den entsprechenden Regionen um 73 %(!) reduzieren», schreibt ein Twitterer. Weiter meint er: «Hier ist ein Pro am Werk! Worauf warten die anderen Kantone noch?» Auch ein anderer Nutzer findet: «Die Kantone sollten von den Erfahrungen profitieren und es ihnen gleichtun!»

«Flächendeckende Massentests»

Auch Martin Bühler, Leiter des kantonalen Führungsstabs Graubünden, sagt: «Schön wäre, wenn es in der Schweiz flächendeckend die Möglichkeit gäbe, sich testen zu lassen.» So könnte sich jede Person abhängig von ihren Aktivitäten ausserhalb ihres Zuhauses regelmässig auf das Virus testen lassen. «Je mehr über das ganze Land verteilt getestet wird, desto besser wirkt sich dies auf die Zahl der Neuansteckungen aus.»

Anfang Januar startet der Kanton Graubünden mit dem Betrieb von neun fixen regionalen Testzentren. Bühler: «Zurzeit prüfen wir noch, was logistisch machbar und epidemiologisch nützlich ist, um möglichst viele Bündner wiederholt testen zu können.»

Es brauche Walk-in-Testzentren

Epidemiologen unterstützen die Massentests. «Es ist Zeit, dass die anderen Kantone mit Massentests nachziehen», sagt Franziska Schöni-Affolter, Epidemiologin und GLP-Grossrätin im Kanton Bern. «Massentests sind ein kleines, aber wichtiges Puzzleteil in der Bekämpfung der Pandemie.» Auf diese Weise würde das Coronavirus auch bei asymptomatischen Trägern gefunden.

Fest steht für Schöni-Affolter jedoch, dass kantonsumfassende Massentests unrealistisch sind. «Etwa der Kanton Bern hat eine Million Einwohner. So viele Menschen wird man niemals innert kurzer Zeit testen können.» Zudem seien die Tests lediglich eine Momentaufnahme. «Wenn alle Kantone niederschwellige Testzentren anbieten würden, zum Beispiel Walk-in-Testzentren für Personen ohne Symptome, könnten die Kantone viele Neuinfektionen verhindern.»

Interessierte Kantone

Weitere Kantone könnten mit Massentests nachziehen. «Der Kanton Basel-Landschaft erachtet repetitives Testen/Massentests als ein prüfenswertes Instrument in der Covid-19-Ereignisbewältigung», schreibt Roman Häring, Stabchef und Leiter Informationsdienst des Kantonalen Krisenstabs, auf Anfrage. Aktuell werde eine Machbarkeit konzeptionell geprüft und bei positivem Bescheid voraussichtlich mit den berufsbedingten Kontaktpersonen von vulnerablen Gruppen begonnen. Ein Datum stehe noch nicht fest.

Auch der Kanton Uri zeigt Interesse. Roland Hartmann, Vorsteher des Amts für Gesundheit, geht davon aus, in den nächsten Tagen direkt noch detailliertere Fachinformationen zu erhalten. «Eine fundierte Beurteilung der Ergebnisse ist erst danach möglich.» Auch beim Kanton Aargau heisst es: «Wir werden die Ergebnisse und den daraus resultierenden Handlungsbedarf prüfen.»

«Durchtesten kann sinnvoll sein»

Andere Kantone überzeugt das Bündner Vorgehen nicht. Sie begründen dies etwa damit, dass es sich bei einem Flächentest um eine Momentaufnahme handle.

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) hält sich weiterhin an die Testempfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG). «Es kann aber durchaus sinnvoll sein, wie in Graubünden beispielsweise eine stark belastete Talschaft – immer auf der Basis der Freiwilligkeit – durchzutesten», sagt Generalsekretär Michael Jordi. Sie entspreche im Grunde einer grossen Lebensgemeinschaft, wie auch ein Altersheim eine ist. «So kann es möglich sein, die Zahl der Infektionen im Sinne eines Ausbruchsmanagements rasch zu senken.»

Das BAG war im Austausch mit dem Kanton Graubünden und begleitete das Pilotprojekt beratend. «Das BAG ist deshalb an den Ergebnissen der Tests im Graubünden interessiert. Wir werden das mit dem Kanton Graubünden noch näher analysieren», sagt Mediensprecher Jonas Montani.

Massentests im Ausland

Österreich hat bereits Erfahrungen mit Massentests. Vom 4. bis zum 13. Dezember wurden in Wien Corona-Massentests durchgeführt. Rund 234’800 Personen – lediglich 13,5 Prozent aller testberechtigten Wiener – liessen sich testen. Geplant war die Aktion für bis zu 1,2 Millionen Menschen. Als positiv betrachten die Behörden jedoch, dass immerhin 592 Infizierte ohne Symptome entdeckt worden seien. Die Behörden machten für die tiefe Beteiligung an der ersten Runde etwa Ausfälle bei der Onlineanmeldung verantwortlich. Die zweite Runde der Massentests folgt im Januar.
Eine positive Bilanz zog Südtirol Ende November. Rund zwei Drittel der Südtiroler Bevölkerung machte beim freiwilligen Covid-Massentest mit.
Die Slowakei preschte mit Massentests im Oktober und November vor. Trotz einer hohen Testbeteiligung fehlten die Kapazitäten für eine anschliessende Kontaktverfolgung der positiven Fälle. Zudem gab es keine Kontrolltests, um die Ergebnisse der Antigen-Schnelltests zu bestätigen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung