Lokführer «nicht gefragt»: Jetzt rollt der erste selbstfahrende SBB-Zug
Aktualisiert

Lokführer «nicht gefragt»Jetzt rollt der erste selbstfahrende SBB-Zug

Die SBB präsentiert einen Doppelstock-Zug, der automatisch bremst und beschleunigt. Der SBB-Chef ist begeistert, die Lokführer sind es weniger.

von
Stefan Ehrbar

So sieht es im ersten selbst fahrenden Zug der Schweiz aus – und das sagen SBB-Chef Andreas Meyer und Stadler-Chef Peter Spuhler zu der Premiere. (Video: ehs)

In der Nacht auf Dienstag hat die SBB zum ersten Mal einen selbstfahrenden Zug vorgestellt. Auf der Strecke Bern–Olten war der Doppelstock-Zug der Firma Stadler Rail mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde unterwegs – und bremste und beschleunigte selbstständig (siehe Video). Der Lokführer kontrollierte nur noch das reibungslose Funktionieren der Systeme. Die Technologie wurde in den letzten Monaten von der SBB und Stadler Rail entwickelt und getestet.

«Wir brauchen die Automatisierung, um die Eisenbahn stark zu halten», sagte SBB-Chef Andreas Meyer vor den Medien. Dank dem automatischen Fahren sollen bis zu 30 Prozent mehr Züge unterwegs sein – und damit bis zu 30 Prozent mehr Sitzplätze. «Wenn wir damit mehr Züge auf die Schiene bringen können, müssen wir weniger investieren», sagt Meyer zu 20 Minuten. Das bedeute auch einen effizienteren Einsatz von öffentlichem Geld – und allenfalls tiefere Billettpreise.

Erst auf vier Abschnitten

Der selbstfahrende Zug basiert auf dem europäischen Zugsicherungsstandard ETCS. Die Betriebsleitzentrale sendet dem Zug über das SBB-eigene Handynetz die ETCS-Daten mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Daneben erhält der Zug von der Zentrale sogenannte ADL-Daten. Die werden ebenfalls über das Handynetz übermittelt und beinhalten die optimale Geschwindigkeit, bei der ein Zug möglichst wenig vor roten Signalen abbremsen muss und damit so energieeffizient wie möglich unterwegs ist.

Ein von Stadler Rail produziertes Hardware-Modul, das im Testzug verbaut ist, kombiniert die ETCS- und ADL-Daten und steuert den Zug. In den Algorithmus fliessen die Höchstgeschwindigkeit, die Entfernung zum Ziel und die optimale Geschwindigkeit und Bremskurven ein. Noch erlaubt es die Technologie nicht, dass der Zug punktgenau anhaltet – und sie funktioniert erst auf vier Streckenabschnitten in der Schweiz, die entsprechend ausgerüstet sind.

«Die Meinung der Lokführer interessiert nicht»

Für den Thurgauer Bahnhersteller Stadler Rail ist der selbstfahrende Zug ebenfalls eine Premiere. Stadler-Chef Peter Spuhler sagt zu 20 Minuten, mit diesem Schritt wolle er zusätzliche Unabhängigkeit erreichen und sich von Konkurrenten lösen. In der Zugbranche haben sich in den letzten Monaten mehrere Firmen zusammengeschlossen, sodass wenige grosse Firmen den Markt dominieren.

Der Lokführer soll mit den automatischen Zügen nicht überflüssig werden, verspricht SBB-Chef Andreas Meyer. Die Bahn brauche technisch kundiges Personal auf den Zügen, gerade auch im Hinblick auf Störungen. Er glaube zudem nicht, dass sich die Kunden ohne Lokführer wohlfühlen würden. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir je einen führerlosen Betrieb haben», sagte Meyer vor den Medien. Es gehe primär darum, mehr Züge auf die Schiene zu bringen und effizienter zu werden.

Beim Verband der Schweizer Lokomotivführer (VSLF) ist die Begeisterung verhaltener. Präsident Hubert Giger sagt, der Verband verfolge die Projekte im Bezug auf die automatische Zugführung sehr genau. Wenn Assistenzsysteme Sinn machten und ökonomische Vorteile brächten, sehe der VSLF durchaus Vorteile. Bezüglich des Tests sei der Verband aber nicht im Kontakt mit der SBB. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Meinung der Anwender an der Basis wenig interessiert», sagt Giger. «Das bedauern wir sehr.»

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