Begehrte Fachkräfte  – Jetzt schnappt uns das Ausland unsere Top-Forscher weg
Publiziert

Begehrte Fachkräfte Jetzt schnappt uns das Ausland unsere Top-Forscher weg

Schweden buhlt mit 100’000 Franken pro Person um Top-Uni-Fachkräfte in der Schweiz, die USA locken mit hohen Löhnen. Wenn die klügsten Köpfe weggehen, leide am Ende der Wohlstand in der Schweiz, warnen Universitäten.

von
Marcel Urech
1 / 4
Schweizer Forschende sind im Ausland beliebt. Das ist auch an Schweizer Universitäten spürbar.

Schweizer Forschende sind im Ausland beliebt. Das ist auch an Schweizer Universitäten spürbar.

Tamedia/Ela Çelik
Die ETH Zürich konnte auf Anfrage der Redaktion keine Aussage darüber machen, ob und welche Forschende die ETH aufgrund des Horizon-Ausschlusses verlassen haben.

Die ETH Zürich konnte auf Anfrage der Redaktion keine Aussage darüber machen, ob und welche Forschende die ETH aufgrund des Horizon-Ausschlusses verlassen haben.

Tamedia/Andrea Zahler
Die Universität in Basel berichtet, dass der Druck aus dem Ausland stark spürbar sei.

Die Universität in Basel berichtet, dass der Druck aus dem Ausland stark spürbar sei.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Gelingt es einer Hochschule in Schweden, Forschende aus der Schweiz abzuziehen, erhält sie rund 100’000 Schweizer Franken.

  • Die USA locken zudem mit hohen Gehältern, die nicht an Lohnskalen gekoppelt sind.

  • Der Forschungsstandort Schweiz leide darunter, sagen Schweizer Universitäten.

Der schwedische Forschungsrat hat die Hochschulen im Land dazu aufgerufen, Forschende in der Schweiz abzuwerben. Die Aktion zielt auf die 28 Menschen in der Schweiz ab, die theoretisch von Fördergeldern des «European Research Council» (ERC) profitieren, diese aber wegen des Horizon-Aus nicht erhalten.

Gelingt es einer Hochschule, diese Fachkräfte abzuziehen und zu einem Umzug nach Schweden zu bewegen, erhält sie eine Million Schwedische Kronen, wie «Watson» schreibt. Das sind rund 100’000 Schweizer Franken.

«Was Schweden macht, ist eine neue Dimension»

Der Run auf die Forschenden in der Schweiz ist im Universitätsumfeld spürbar. Das bestätigt auch Christian Leumann. Was Schweden nun mache, sei aber eine neue Dimension, sagt der Rektor der Universität Bern. Das Verhalten des Landes sei für die Forschungsgemeinschaft untypisch und habe die Universitäten in der Schweiz irritiert. «Es besteht die Gefahr, dass Schweden nicht das einzige Land bleibt, das so vorgeht», sagt Leumann.

Den Druck aus dem Ausland spüren die Schweizer Unis allerdings schon lange. Der europäische Forschungsrat habe den Forschenden in der Schweiz bereits nach dem Horizon-Aus nahegelegt, die Schweiz zu verlassen. Dass sich dieser Druck nun intensiviert, ist laut Leumann keine Überraschung. Im Gegenteil: Er warnt davor, dass die Entwicklung mittelfristig auch Konsequenzen für die Schweizer Wirtschaft haben könnte.

Super League statt Königsklasse

Die Initiative aus Schweden kommt für die Schweiz zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn seit dem Aus des Rahmenabkommens ist der hiesige Forschungsstandort zunehmend isoliert: Junge Forscherinnen und Forscher können sich nicht mehr für ERC-Gelder oder ein «Marie Sklodowska Curie Fellowship» bewerben.

Auch die Universität Basel bestätigt den Druck aus dem Ausland. Wenn sich die Forschenden in der Schweiz nicht um einen der begehrten «ERC-Grants» bewerben können, sei das so, wie wenn ein Spitzenfussballer nicht mehr in der Champions League spielen dürfe.

«Dem können sie in der Schweizer Super League noch soviel Geld bieten – er will in die Königsliga», so ein Sprecher der Uni Basel. Die Auswirkungen zeigten sich nicht sofort, aber der Schaden sei umso nachhaltiger. «Die Attraktivität des Forschungsstandorts Schweiz leidet massiv.»

Die USA locken mit hohen Löhnen

Auch die USA und Asien buhlen um Schweizer Forschende. In den USA erhielten diese oft mehr Lohn, erklärt Marco Salvi von Avenir Suisse. Das habe einige dazu bewegt, die Schweiz zu verlassen. «Forschende schätzen grosse Forschungsbudgets mindestens so sehr wie gute Löhne», sagt Salvi. «Auch deshalb ist Horizon so wichtig.»

Auch eine Teilnahme an Horizon als vollwertiges Mitglied kann die Auswanderungswilligen ins Ausland locken. Denn das Programm sei ein wichtiger Meilenstein in der Karriere von Forschenden, so Salvi. Die Community erachte die Initiative als bedeutsamer als einen Forschungsplatz an einer Top-Universität.

Wer an Horizon teilnehme, erhalte nicht nur Fördergelder, sondern auch einen Karriereschub. «Es geht auch um Reputation und Prestige», sagt Salvi. «Und Prestige kann man nicht leicht kopieren.»

Kampf um Talente intensiviert sich

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Schweiz seien sehr mobil, erklärt Salvi. Auch darum könnte Schwedens Initiative für die Schweiz zur Herausforderung werden. Der Kampf um Talente habe sich intensiviert. Die Uni Basel spricht von einem «Wettbewerb mit den besten Forscherinnen und Forscher Europas».

Gerade für Junge, die auf Fördermittel angewiesen sind, seien die Universitäten in der EU nun deutlich attraktiver als jene in der Schweiz. Top-Forschende aus dem Ausland für die Uni Basel zu gewinnen, sei schwierig geworden.

Schweizer Unis reagieren

Problematisch sei zudem, dass die Forschung sehr kostspielig sei und sich stark verteuert habe, sagt Salvi. Es werde darum immer wichtiger, sich zu vernetzen. Diese Vernetzung sei zwar auch ohne Horizon möglich. Für Forscherinnen und Forscher in der Schweiz, die ohnehin stark nach Europa orientiert sind, sei es ohne Horizon aber schwieriger geworden. «Bisher wurde kein gleichwertiger Ersatz präsentiert», sagt Salvi.

Was tun die Schweizer Universitäten, um ihre Talente zu halten? Die Uni Basel investiere «viel Geld und Leidenschaft» in ein attraktives Arbeitsumfeld: Die Forschenden sollen die besten Geräte nutzen und sich bei ihrer Arbeit möglichst vernetzen können. «Wenn die klügsten Köpfe weggehen, beeinflusst das früher oder später auch den Wohlstand einer Region oder eines Landes negativ», warnt die Universität.

Das ist Horizon Europe

Das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation «Horizon Europe» dauert von 2021 bis 2027 und ist mit einem Budget von gut 95 Milliarden Euro das weltweit grösste Forschungs- und Innovationsförderprogramm. Zusammen mit dem Konjunkturmassnahmenpaket «Next Generation EU» soll es den grünen und digitalen Wandel in ganz Europa fördern. Die Schweiz war am Vorgängerprogramm Horizon 2020 voll assoziiert und strebt den gleichen Status für Horizon Europe und damit verbundene Programme und Initiativen an (namentlich Euratom-Programm, ITER und Digital Europe Programme).

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

24 Kommentare