Preisvergleich mit Ausland - Schweizer müssen für Medikamente 360 Prozent mehr bezahlen
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Preisvergleich mit AuslandSchweizer müssen für Medikamente 360 Prozent mehr bezahlen

Für Arzneimittel sollen die selben Importregeln wie für Autos und Lebensmittel gelten. Damit wollen Politiker die Medi-Preise senken. Experten warnen vor Medikamentenfälschungen.

von
Fabian Pöschl
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Arzneimittel sind in der Schweiz deutlich teurer als im EU-Raum.

Arzneimittel sind in der Schweiz deutlich teurer als im EU-Raum.

20min/Michael Scherrer
Der FDP-Nationalrat Philippe Nantermod will das mit einer Motion ändern, die derzeit im Ständerat diskutiert wird.

Der FDP-Nationalrat Philippe Nantermod will das mit einer Motion ändern, die derzeit im Ständerat diskutiert wird.

Parlamentsdienste
Schweizerinnen und Schweizer zahlen für Medikamente bis zu 360 Prozent mehr, wie der Vergleich von zufällig ausgewählten Präparaten in deutschen und Schweizer Online-Apotheken und anderen Onlineshops zeigt:

Schweizerinnen und Schweizer zahlen für Medikamente bis zu 360 Prozent mehr, wie der Vergleich von zufällig ausgewählten Präparaten in deutschen und Schweizer Online-Apotheken und anderen Onlineshops zeigt:

20 Min/Carole Alkabes

Darum gehts

  • Medikamente sind in der Schweiz deutlich teurer als in Europa.

  • Deshalb sollen die in Europa zugelassenen Medis auch in die Schweiz importiert werden dürfen, ohne dass die Zulassungskontrolle sie prüft.

  • Dadurch soll ein grösserer Preiswettbewerb möglich sein.

Medikamente sind in der Schweiz ein teures Gut. Im Vergleich zu Deutschland legen Schweizerinnen und Schweizer 50 Prozent drauf fürs Potenzmittel, bei Schmerzmitteln sind es 249 Prozent mehr (siehe Bildstrecke oben).

Besonders teuer wirds bei Generika (siehe Box). Laut der Branchenorganisation Santésuisse kostet etwa die Packung Atorvastatin von Sandoz, das zur Behandlung von Störungen des Fettstoffwechsels dient, in der Schweiz 7,5 Mal so viel wie in Belgien.

Das sind Generika

Neu entwickelte Arzneimittel sind 20 Jahre lang durch Patente geschützt. Nach Ablauf des Patentschutzes muss der Hersteller des Originals die Forschungsergebnisse veröffentlichen, damit andere Hersteller den Wirkstoff ebenfalls produzieren und als Generikum auf den Markt bringen können, wie «Netdoktor.ch» schreibt. Mittlerweile gibt es für fast jedes Medikament mit abgelaufenem Patentschutz ein oder mehrere Generika.

Das soll sich ändern. Der Westschweizer FDP-Politiker Philippe Nantermod will mit einer Motion Hürden für den Import von Generika und patentabgelaufenen Medikamenten abbauen. So sollen für Medis aus dem Europäischen Wirtschaftsraum die gleichen Parallelimportregeln wie für alle anderen Produkte gelten wie etwa Autos und Lebensmittel.

«Dann könnten Importeure die Schweizer Apotheken direkt mit Arzneimitteln beliefern, die auf dem europäischen Markt zugelassen sind», sagt Nantermod zu 20 Minuten. Das ist zwar schon möglich, allerdings muss die zuständige Prüfstelle Swissmedic die Zulassung kontrollieren und die Verpackungen der importierten Medis müssen beispielsweise in den Landessprachen beschriftet sein. Mit neuen Importregeln würde das alles wegfallen.

Schweizer zahlen 500 Millionen Franken mehr für Generika als Europäer

Damit wolle Nantermod aber nicht europäische Arzneimittel in die Apotheken holen, sondern Druck auf die offiziellen Importeure machen, die heute schon importieren, damit diese «angemessene» Preise verlangen. «Dies könnte zu niedrigen Preisen führen. Es wird geschätzt, dass in der Schweiz jährlich rund 500 Millionen Franken zu viel für Generika bezahlt werden verglichen mit den europäischen Preisen», so Nantermod.

Der Bundesrat lehnt den parlamentarischen Vorstoss ab, der Nationalrat unterstützt ihn hingegen. Nun diskutiert darüber der Ständerat, was sich laut der zuständigen Kommission bis in den Herbst hinziehen wird. Bis zur Gesetzesänderung durch den Bundesrat könnte es dann noch bis zu drei Jahre dauern, schätzt Comparis-Gesundheitsexperte Felix Schneuwly.

Warnung vor gefälschten Medis

Schneuwly sieht in dem Vorstoss von Nantermod eine «grosse Chance», den Wettbewerb anzutreiben und tiefe Medikamentenpreise zu ermöglichen. Doch er gibt auch zu bedenken, dass manche Ärztinnen und Ärzte den Import gefälschter Medikamente befürchten, wenn es keine Kontrolle bei Swissmedic mehr gibt.

Aus diesem Grund sprach sich auch der Bundesrat gegen den Vorstoss aus. Schneuwly sagt: «Diese Befürchtung ist begründet, Fälschungen gibt es überall und könnten bei Medikamenten ein Gesundheitsrisiko sein.» Ein Swissmedic-Sprecher findet ebenfalls, dass die Sicherheit nur gewährleistet werden könne, wenn die importierten Produkte bei der Zulassungsbehörde registriert sind.

Davor warnt auch Ernst Niemack von der Pharmavereinigung Vips. «Die Importe sind ein Einfallstor für Fälschungen», sagt Niemack zu 20 Minuten. Die Erfahrungen in der EU hätten gezeigt, das auch Fälschungen in die legale Vertriebskette gelangt seien.

Zudem wisse der Patient oder die Patientin nicht, was er oder sie für Medikamente kauft, wenn es keinen Beipackzettel auf Deutsch mehr gebe, weil das Präparat etwa aus Frankreich kommt. Bei falscher Medikamenteneinnahme wären Arztkonsultationen und Spitaleintritte nötig, die das Gesundheitssystem verteuern würden, so Niemack. So seien in Deutschland seit der Annahme diese Importsystems die Kosten im Gesundheitssystem gestiegen.

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