Aktualisiert 06.06.2016 14:34

Gotthard-Basistunnel«Jetzt sollte man noch die Worte der Hymne wissen»

Das Jahrhundert-Bauwerk ist eröffnet, die internationale Politik zeigt sich begeistert. Und Bundespräsident Schneider-Ammann scherzt vor dem Singen der Hymne.

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lin/sas
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«Jetzt chunnt no d Landeshymne. Jetzt sötte mer no d Wort wüsse!», murmelte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann (Mitte) an der Tunnelfeier zu Vertretern der Prominenz, bevor der Schweizerpsalm gesungen wurde. Rechts im Bild ist Bundesrätin Doris Leuthard, links steht SBB-Chef Andreas Meyer.

«Jetzt chunnt no d Landeshymne. Jetzt sötte mer no d Wort wüsse!», murmelte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann (Mitte) an der Tunnelfeier zu Vertretern der Prominenz, bevor der Schweizerpsalm gesungen wurde. Rechts im Bild ist Bundesrätin Doris Leuthard, links steht SBB-Chef Andreas Meyer.

Ruben Sprich
An der Inszenierung des deutschen Theaterregisseurs Volker Hesse vom Mittwochmittag scheiden sich die Geister.

An der Inszenierung des deutschen Theaterregisseurs Volker Hesse vom Mittwochmittag scheiden sich die Geister.

Keystone/Alexandra wey
«Gipfeltreffen» im Tunnel: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann zusammen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, Italiens Premierminister Matteo Renzi sowie Frankreichs Präsident Francois Hollande.

«Gipfeltreffen» im Tunnel: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann zusammen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, Italiens Premierminister Matteo Renzi sowie Frankreichs Präsident Francois Hollande.

Klaunzer

Knapp 17 Jahre nach dem Tunnelanstich ist es so weit: Heute wird der Gotthard-Basistunnel eröffnet. 12,2 Milliarden Franken hat das Hauptbauwerk der Neat gekostet – deutlich mehr als die ursprünglich budgetierten 6,7 Milliarden Franken. Am 11. Dezember 2016 rollen die ersten Züge fahrplanmässig durch den Gotthard-Basistunnel.

Was waren die grössten Hindernisse beim Bau?

Der Bau des Gotthard-Basistunnels wäre fast wegen der sogenannten Piora-Mulde gescheitert. In dieser Mulde befindet sich zuckerkörniges Gestein, das in Verbindung mit Wasser oder unter hohem Druck zu einem nassen, sandigen Brei verkommen kann. 1996 kam es zu einem Zwischenfall, als Sondierbohrungen in die Piora-Mulde vorstiessen und 1400 Kubikmeter der Gestein-Wasser-Mischung ausflossen. Es folgten politische Diskussionen, die den Bau des Tunnels in Frage stellten. Schliesslich ergaben weitere Sondierbohrungen, dass die Mulde auf der Höhe des Tunnels keinen Wasserdruck aufwies. 2008 erreichte Bohrmaschine Piora-Mulde und konnten sie relativ problemlos durchbohren.

Wie sicher ist der neue Tunnel?

Verschiedene Massnahmen sollen im 57 Kilometer langen Tunnel für Sicherheit sorgen. Der Tunnel besteht aus zwei Röhren, die alle 325 Meter über Fluchtwege miteinander verbunden sind. Zudem gibt es im Tunnel auf der Höhe von Faido und Sedrun zwei Nothaltestellen. Im Falle eines Brandes soll ein Lüftungssystem verhindern, dass Rauch in die andere Röhre gelangt (siehe Infografik). Vor und im Tunnel kontrollieren Sensoren die Züge etwa auf Hitze, Rauch oder gewisse chemische Stoffe. In Biasca und Erstfeld sind Lösch- und Rettungszüge stationiert.

Wie gross ist der Zeitgewinn für Reisende?

Als 1992 zum ersten Mal über die Neat abgestimmt wurde, war von einer Reisezeit von zwei Stunden zwischen Zürich und Mailand die Rede. Bald zeigte sich, dass diese Pläne nur sehr teuer umzusetzen waren. Schliesslich stimmte das Stimmvolk einer günstigeren Version zu. Inzwischen wird mit einer Reisezeit von 3 Stunden und 3 Minuten geplant – allerdings erst ab 2021. Wer von Luzern, Basel, Zürich, Genf, St. Gallen oder Bern nach Lugano reisen möchte, ist ab Dezember 2016 rund eine halbe Stunde schneller am Ziel.

Werden die Billette wegen des Tunnels teurer?

«Im Hinblick auf den Angebotsausbau am Gotthard wünscht die ÖV-Branche einen moderaten Zuschlag», heisst es bei den SBB zum Thema Preiserhöhung am Gotthard. Noch ist aber nichts entschieden. «Die Verhandlungen mit der ÖV-Branche verlaufen bis jetzt recht harzig», sagt Preisüberwacher Stefan Meierhans. Der Distanzzuschlag sei dabei eine der Knacknüsse. Meierhans muss allfällige Preiserhöhungen absegnen.

Was geschieht mit der alten Bergstrecke?

Der alte Gotthardtunnel wird auch künftig für den Güterverkehr genutzt. Zudem werden Regio-Express-Züge zwischen Erstfeld und Lugano verkehren. Während dem Sommer gibt es an den Wochenenden und an Feiertagen einen Schnellzug, der von Zürich über die Bergstrecke nach Bellinzona und zurück fährt. Ab 2017 verkehrt ab Ostern bis Herbst täglich der «Gotthard Panorama Express»: von Luzern bis Flüelen per Schiff, anschliessend mit dem Zug über die alte Bergstrecke ins Tessin. Ende 2017 läuft die heutige Fernverkehrskonzession allerdings aus. Wie es mit den Fernverkehrszügen danach weitergeht, ist noch nicht klar.

Wer profitiert vom Tunnel?

Laut einer Studie der Credit Suisse dürfte der Gotthard-Basistunnel neue Tagestouristen ins Tessin bringen. Davon dürfte vor allem die Gastronomie profitieren. In Altdorf entsteht zudem bis 2021 ein neuer Kantonsbahnhof samt Gewerbe- und Dienstleistungszentrum. Auch in Bellinzona wird der Bahnhof ausgebaut, das soll die Verdoppelung der Zahl der Fahrgäste innerhalb von zehn Jahren ermöglichen.

Wer zählt zu den Verlierern des neuen Tunnels?

Vor allem Orte in der Leventina und im Reusstal, die an der alten Bergstrecke liegen, fürchten, dass die wirtschaftliche Situation künftig noch schwieriger wird. Zu den Verlierern gehört gewissermassen auch die Schweizer Verlagerungspolitik. Die Neat und der Gotthard-Basistunnel waren vor allem für die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene gedacht. Doch die ursprünglichen Verlagerungsziele dürften nicht erreicht werden.

Was wurde aus Porta Alpina?

Um die Jahrtausendwende wurde die Idee der sogenannten Porta Alpina lanciert. Diese sah auf der Höhe von Sedrun eine Haltestelle im Tunnel sowie einen rund 800 Meter langen Lift vor, der die Passagiere direkt in das Bündner Bergdorf transportieren sollte. Die Wartehallen im Berg wurden bereits ausgebrochen, doch 2012 wurde das Projekt durch den Bundesrat sistiert. Nun arbeitet die Bündner Regierung an Möglichkeiten, um den Sedruner Zugangsstollen und die Wartehallen doch noch touristisch nutzen zu können.

Gab es Todesfälle beim Bau des neuen Tunnels?

Ja. Neun Menschen verloren beim Bau ihr Leben. Grund waren vor allem Unfälle mit Fahrzeugen und Maschinen. Zum Vergleich: Beim Bau des 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels, der zwischen 1872 und 1882 erstellt wurde, kamen 199 Arbeiter ums Leben.

Volksfest am 4./5. Juni

Am kommenden Wochenende findet in Rynächt, Erstfeld, Biasca und Pollegio das Eröffnungsfest für die Bevölkerung statt. Auf den vier Festplätzen gibt es Konzerte, Theater, Ausstellungen und Attraktionen wie ein selbstfahrendes Postauto. Zudem verkehren Züge durch den neuen Basistunnel. Der Eintritt zu den Festplätzen ist gratis. Für die Zugfahrt wird ein Billet benötigt. Insgesamt gibt es 100'000 Billete. Weitere Infos zum Volksfest und dem Billetverkauf finden Sie hier.

20 Minuten berichtet das ganze Wochenende live vom und über das Volksfest.

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