Aktualisiert 19.03.2020 19:04

Corona-Krise«Wir werden wohl staatliche Hilfe brauchen»

Der Flugverkehr ist fast zum Erliegen gekommen. Swiss-Chef Thomas Klühr schliesst auch die Einstellung des Betriebs nicht mehr aus. In der Krise verzichtet er auf Lohn.

von
S. Spaeth

Die Medienkonferenz der Swiss fand ohne Publikum statt.

Die Swiss hat am Donnerstagvormittag an einer Pressekonferenz über die Auswirkungen der Corona-Krise informiert. Der Betrieb wird massiv reduziert, die finanzielle Lage ist angespannt. Swiss-Chef Thomas Klühr geht davon aus, dass seine Airline wohl vorübergehend Hilfe durch den Schweizer Staat benötigen wird.

Wichtige Punkte aus der Pressekonferenz zum Nachlesen:

Lohnverzicht

Zur sofortigen Sicherung der Liquidität hat die Swiss zahlreiche Kosteneinsparungsmassnahmen eingeleitet. Dazu gehören die Verschiebung der Auszahlung von Lohnbestandteilen sowie anteiliger Lohnverzicht des Kaders. Will heissen: Die Löhne werden in besseren Zeiten ausbezahlt. «Auch ich beteilige mich an den Massnahmen», sagt Klühr. Mit dem ersten Lohnverzicht-Paket spart die Swiss im Moment 50 Millionen Franken.

Wird sich der Bund beteiligen?

Es geht um eine temporäre Überbrückung der Liquidität. Auf die Frage, ob sich der Schweizer Staat im Gegenzug an der Airline beteiligen werde, antwortet Klühr sehr ausweichend.

Über 80 Flugzeuge stehen herum

Derzeit ist ein Grossteil der Swiss-Flotte am Boden. Die Maschinen müssen dort aber gewartet werden. Die Swiss hat darum die Luftwaffe angefragt, ob sie die Flugzeuge in Dübendorf parken darf. Die Luftwaffe hat dem Anliegen zugestimmt. Wichtig ist laut Swiss, dass die Maschinen nicht im Ausland geparkt werden. Das würde den Unterhalt erschweren.

Zukunft

Wir wollen nach der Krise zurückkehren in den Betrieb, wie er mal war, sagt Klühr. Aktuell gebe es fast nur noch Buchungen von Leuten, die zurück in ihre Heimatländer fliegen wollten. Eine Reise im Flugzeug sei sicher. Derzeit versuche man, die Leute nicht direkt nebeneinandersitzen zu lassen.

Krisensitzungen per Videokonferenz

Der Swiss-Manager Thomas Frick erzählt aus dem Krisenstab.

«Es sind herausfordernde Zeiten, die von unserem Krisenstab viel Disziplin und Entscheidungskompetenz abverlangen.» Es ist gut, dass einige Beteiligte Militärdienst geleistet haben.

Passagiermaschinen für Fracht

Laut Swiss ist es denkbar, dass auch Passagiermaschinen für Fracht eingesetzt werden. Derzeit wird das geprüft. So könne eine Boeing 777 rund 60 Tonnen Fracht transportieren.

Kurzarbeit und Entlassungen

Die Swiss hat Kurzarbeit eingeführt. Auf die Frage, ob es Entlassungen geben wird, sagt Klühr: «Bis jetzt hat es noch keine Entlassungen gegeben. Wir versuchen, das Personal zu halten», so Klühr.

Gespräche mit dem Bundesrat

Die Swiss sei bereits im Gespräch mit dem Bundesrat, so Klühr. Der Bundesrat wisse, wie wichtig die Anbindung der Schweiz an die Welt sei. Über Details sowie die Höhe allfälliger Staatshilfen will der Swiss-Chef nichts sagen. Zudem betont Klühr, die Hilfe sei vorübergehend.

Wie lange überlebt die Swiss ohne Staatshilfe?

«Die Swiss wird die Corona-Krise überleben. Wir haben eine hohe finanzielle Robustheit», sagt Klühr. Die Swiss werde aber wohl staatliche Unterstützung brauchen, wenn die Situation lange dauern werde. Einige Monate ohne Staatshilfe werde die Swiss aber überstehen. Klühr: «Die Frage ist nicht ob, sondern wann.» Auch wenn die Swiss im Verbund mit der Lufthansa Group einen längeren Atem als manch andere europäische Airline habe, werde es bei einer länger anhaltenden Krise zu einem temporären Liquiditätsengpass kommen.

Staatshilfe kann nötig werden

Der Vergleich mit dem grossen Grounding der damaligen Swissair findet Klühr nicht zulässig. Die Situation sei ganz anders. Die Swiss sei finanziell viel besser aufgestellt. Staatshilfe schliesst Klühr aber nicht aus. Dies würde aber vorübergehend sein, und die Swiss würde allfällig erhaltenes Kapital zurückzahlen. Die Situation sei aber ganz schwierig. Die Buchungen seien total eingebrochen.

Betrieb einstellen

Laut Kühr ist es denkbar, dass der Betrieb auch ganz eingestellt wird. Das könne sehr rasch entschieden werden. Bald wird die Swiss noch mit einer Langstreckenmaschine und fünf Kurzstreckenflugzeugen operieren. Die Swiss will so lange wie noch möglich nach New York fliegen, etwa für Amerikaner, die zurück in ihre Heimat wollen. Auf der Kurzstrecke wird die Swiss etwa noch Berlin, Amsterdam, Brüssel und Stockholm anfliegen. Zum Vergleich: In normalen Zeiten fliegt die Swiss 100 Destinationen in 44 Ländern an.

Rumpf-Betrieb

Er habe schon mehrere Krisen erlebt, etwa Sars. Das grosse Problem seien nun die Wucht und das Tempo, mit dem die Corona-Krise aufgetreten sei. Bereits haben einige Airlines den Betrieb eingestellt. Weitere würden folgen, so Klühr. Swiss hat noch 20 Langstreckenflugzeuge und 10 Kurzstreckenflugzeuge in Betrieb. Total hat die Swiss knapp 90 Flugzeuge. Bis jetzt hat die Swiss 5'800 Flüge mit 750'000 Passagieren annulliert.

Schwierigster Auftritt

Es ist meine schwierigste Jahresmedienkonferenz, die ganze Schweiz ist im Ausnahmezustand, die Welt ist im Ausnahmezustand. Und die Luftfahrt sei in einer ihrer grössten Krisen. Klühr sagt, er wolle auch kurz auf das letzte Jahr eingehen, aber das sei jetzt nicht zentral. Seine Gedanken seien jetzt bei der aktuellen Situation.

Ohne Publikum

Die Medienkonferenz mit der Swiss-Spitze um Thomas Klühr findet wegen des Coronavirus ohne Publikum statt. Die Swiss produziert aber einen Videostream.

Für einmal sind die guten Zahlen aus dem Vorjahr beinahe Nebensache. Zwar vermeldete die Airline fürs letzte Jahr knapp 580 Millionen Franken Gewinn. Angesichts der Tatsache, dass die Swiss wegen der Corona-Krise den Flugbetrieb um 80 Prozent reduzieren musste, wird es an der Bilanzmedienkonferenz ab 10 Uhr aber vor allem um die Zukunft gehen. Zwei Drittel der Flotte hat die Swiss bereits gegroundet.

In der Medienmitteilung vom Donnerstagmorgen thematisiert die Swiss auch ein Worst-Case-Szenario: «Sollte sich die Situation gar noch weiter verschlechtern und zusätzliche Reiseverbote erlassen werden, kann eine komplette temporäre Einstellung des Flugbetriebs auch bei uns nicht mehr ausgeschlossen werden.» Um die Liquidität zu sichern, hat die Swiss bereits in den letzten Tagen Massnahmen wie etwa Kurzarbeit, Lohnverzicht, Bonus-Verschiebung und Einstellungsstopp veranlasst.

Flugbetrieb ab dem 23. März auf Minimum

sowie drei Flüge nach Newark.

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