Kampf gegen tiefe Impfbereitschaft - Jetzt steht die Impfpflicht auch in der Schweiz zur Debatte
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Kampf gegen tiefe Impfbereitschaft
Jetzt steht die Impfpflicht auch in der Schweiz zur Debatte

Nach der Impfpflicht in Frankreich werden auch in der Schweiz Stimmen laut, die ein Obligatorium für das Gesundheitspersonal fordern. Das löst heftige Kontroversen aus.

von
Bettina Zanni
Daniel Graf
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Das Spitalpersonal soll sich zwingend gegen Covid impfen lassen, fordern Experten. 

Das Spitalpersonal soll sich zwingend gegen Covid impfen lassen, fordern Experten.

20min/Taddeo Cerletti
Infektiologe Andreas Widmer fordert eine Impfpflicht für das Spitalpersonal, das mit besonders vulnerablen Patienten arbeitet, wie Krebs-, Leukämie- oder Transplantationspatienten.

Infektiologe Andreas Widmer fordert eine Impfpflicht für das Spitalpersonal, das mit besonders vulnerablen Patienten arbeitet, wie Krebs-, Leukämie- oder Transplantationspatienten.

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Ebenso brauche es eine Impfpflicht für das Personal in Pflegeheimen, sagt Widmer.

Ebenso brauche es eine Impfpflicht für das Personal in Pflegeheimen, sagt Widmer.

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Darum gehts

  • Die Impfpflicht für das Gesundheitspersonal in Frankreich wirft hohe Wellen. Die Impfnachfrage nahm sprunghaft zu, gleichzeitig erntet Premier Emmanuel Macron heftige Kritik.

  • Auch in der Schweiz wird ein teilweises Impfobligatorium jetzt diskutiert: Den Ungeimpften müsse klar gemacht werden, dass die Impfung die einzige Möglichkeit sei, die Pandemie zu beenden, sagt ein Infektiologe.

  • Anders sieht das ein Gesundheitsökonom: Er gibt einem Impfobligatorium in der Schweiz keine Chance. Und auch das Gesundheitspersonal selbst wehrt sich.

Bis Mitte September muss sich in Frankreich das Personal von Spitälern und Pflegeheimen gegen Covid impfen lassen. Auch sind Hürden im Alltag vorgesehen. Ohne negativen Test können Ungeimpfte nicht mehr ins Kino oder Theater. Dasselbe soll künftig für den Zugang zu Fernzügen, Bars, Restaurants und Einkaufszentren gelten. Auch andere Länder wie Griechenland greifen zu einer Impfpflicht. Malta machte kurzfristig einen Rückzieher.

Die angekündigten Massnahmen erhöhten die Impfnachfrage sofort: Innerhalb weniger Stunden buchten die Französinnen und Franzosen rund 1,3 Millionen neue Impftermine. Auf der anderen Seite löste die Ankündigung auch viel Unmut aus: In den sozialen Medien brach ein Shitstorm über Macron und seine Regierung herein.

Hospitalisierungen könnten höher sein als in Grossbritannien

Macron begründete das Impfobligatorium mit einer vierten, durch die Delta-Variante ausgelösten, Corona-Welle. In der Schweiz knackten die Corona-Fallzahlen am Dienstag seit Anfang Juni erstmals wieder die 400er-Marke. Die Taskforce warnt vor einem baldigen Anstieg von Hospitalisierungen, der aufgrund der tieferen Impfrate heftiger ausfallen könnte als in Grossbritannien, wie das Gremium in seiner Lagebeurteilung schreibt.

Auch in der Schweiz steht eine Impfpflicht zur Debatte. «Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, um diese Pandemie erfolgreich zu bekämpfen. Das muss Ungeimpften klar werden», sagt Infektiologe Andreas Widmer. Er fordert eine Impfpflicht für das Spitalpersonal, das mit besonders vulnerablen Patienten arbeitet, wie Krebs-, Leukämie- oder Transplantationspatienten.

«‹Infiziertes Personal› ist die häufigste Quelle der Ansteckung»

Ebenso brauche es eine Impfpflicht für das Personal in Pflegeheimen, sagt Widmer. Bei betagten Menschen bestehe eine schlechtere Immunantwort auf die Impfung. «Gleichzeitig ist ‹infiziertes Personal› die häufigste Quelle der Ansteckung und die Todesrate durch Covid ist in dieser Altersgruppe extrem hoch.»

Zunehmende Lockerungen sollten laut Widmer Geimpften vorbehalten sein. «Etwa kann die Maskenpflicht nur für sie fallen.» Auch Isabella Eckerle, Virologin an der Universität Genf, deutet auf Twitter an, dass sie eine Impfpflicht für Gesundheitspersonal und Kita-Betreuerinnen und -Betreuer befürworten würde.

«Anrecht auf bestmöglichen Schutz»

Dominique de Quervain, Neurowissenschaftler und Ex-Taskforce-Mitglied, teilt die Forderungen für das Gesundheitspersonal. Ein Spitalaufenthalt sei nicht mit einem freiwilligen Restaurantbesuch zu vergleichen. «Wer ins Spital muss, hat Anrecht auf den bestmöglichen Schutz. Dieser besteht nur, wenn das Gesundheitspersonal geimpft ist.»

Es sei bekannt, dass Patientinnen und Patienten in Spitälern trotz Schutzmassnahmen angesteckt würden. «Liegt jemand zum Beispiel mit einer Chemotherapie im Spital, ist es eine grosse psychische Belastung nicht zu wissen, ob das Personal geimpft ist.»

Nicht alle Pflegenden sind bereit dazu

Beim Pflegepersonal trifft eine Impfpflicht auf Widerstand. «Wenn es eine Impfpflicht gäbe, müsste diese für die ganze Bevölkerung gelten», sagt Roswitha Koch, Leiterin Bereich Pflegeentwicklung beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK). Nicht alle Pflegenden seien bereit zu einer Impfung. «Würden Ungeimpfte entlassen, drohe ein Versorgungsengpass in der Pflege.»

Dem Personal steht laut Koch ein ganzes Bündel von Massnahmen zur Verfügung, um Ansteckungen zu verhindern. «Die Impfung ist aber weitaus das beste Mittel, um persönlich geschützt zu sein und die Pandemie einzudämmen.» Deshalb empfehle der Verband diese dem Pflegepersonal.

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) zeigte sich letzten Herbst offen für ein Impfobligatorium, etwa im Falle von Pflegenden in Alters- und Pflegeheimen – sofern die Kantone dies wollen. Einen Impfzwang schloss er bis anhin generell aus. Gesundheitsexperte Erwin Carigiet gibt einer Impfpflicht in der Schweiz noch keine Chancen (siehe unten).

«Bürger muss Folgeschäden vor Augen haben»

Herr Carigiet*, betrachten Sie eine Impfpflicht für das Gesundheitspersonal in der Schweiz als realistisch?
Nein, noch gebe ich einer Impfpflicht in der Schweiz keine Chancen. Es würde wohl zu viel Gegendruck entstehen. Viele Pflegende würden zum Beispiel ihren Beruf aufgeben.

Was müsste passieren, damit eine Impfpflicht Chancen hätte?
Zwingende Impfungen akzeptiert die Gesellschaft erst, wenn die Entwicklung der epidemiologischen Lage den negativen Szenarien der Wissenschaft entspricht oder diese übertrifft.

Warum erst dann?
Der Durchschnittsbürger muss die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgeschäden vor Augen haben. Erst dann steigt der soziale Druck. Zum Beispiel im März 2020, hat die Bevölkerung noch vor den Anordnungen der Behörden ihr individuelles Verhalten verändert. An diesem Punkt wird die Politik eine Güterabwägung machen. Sie könnte dann zum Schluss kommen, dass ein Impfzwang im Verhältnis zu den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen der geringere Einschnitt in das Leben der Bevölkerung ist.

*Erwin Carigiet ist Gesundheitsexperte.

*Erwin Carigiet ist Gesundheitsexperte.

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