Aktualisiert 02.04.2020 10:08

Weltweiter Mangel

Jetzt steigt Schiesser ins Masken-Geschäft ein

Branchenfremde Unternehmen wollen in die Produktion von Schutzmasken einsteigen. Darunter etwa Hersteller von Unterwäsche und Storen.

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qll/phs/gu

Anders als Österreich gilt in der der Schweiz nach wie vor keine Maskenpflicht. Dennoch werden laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) hierzulande bereits jetzt täglich mehrere Millionen Schutzmasken gebraucht, vorwiegend für das medizinische Personal und Kranke.

Die Masken sind wegen der Pandemie weltweit knapp. Das ruft nun Quereinsteiger auf den Plan. So haben etwa der Stuttgarter Autozulieferer Mahle und Wäschehersteller Triumph mit Sitz in Bad Zurzach AG bekannt gegeben, dass sie jetzt auch Atemschutzmasken produzieren.

Auch Schiesser stellt Maschinen zur Verfügung

Auch der von Schweizern gegründete Unterwäschehersteller Schiesser wird indirekt in den Markt einsteigen. Bis dato sei das Unternehmen noch mit laufenden Aufträgen ausgelastet gewesen, werde die freien Kapazitäten aber für die Produktion von Schutzmasken und Schutzbekleidung zur Verfügung stellen, so Andreas Lindemann, CEO der Schiesser Group. «Da wir selbst über keine Zertifizierungen für die Herstellung von Schutzartikeln verfügen, stellen wir die nun freien Kapazitäten interessierten Drittfirmen zur Verfügung beziehungsweise stehen wir in Verhandlung mit verschiedenen Herstellern von Schutzmasken, die weitere Produktionskapazitäten dringend benötigen.» Wohin die Masken geliefert werden, ist noch offen.

Selbst das Wäscheunternehmen Calida mit Sitz in Sursee LU setzt sich mit dem Thema auseinander: «Für die Herstellung von Atemschutzmasken fehlen uns als Wäschehersteller das Know-how und Materialien. Die Produktion von Hygienemasken ist hingegen ein Thema, das bei uns aus aktuellem Anlass vertieft diskutiert wird», sagt Sprecherin Patricia Schölly. Momentan sei jedoch noch keine Produktion von Hygienemasken geplant.

Auch Storen-Hersteller stellt Masken her

Die Firma Lanz-Anliker AG in Rohrbach produziert schon länger für die Armee technische Textilien. Jetzt stellt sie täglich 2000 Mundschutz-Sets her. Die Masken können laut Inhaber Peter Hirschi über einen Monat hinweg täglich wiederverwendet werden, indem man den Maskenüberzug aus Stoff abkocht und eine neue Zellulose-Einlage einsetzt. Jedes Set enthält 500 Einlagen. Welche Schutzklasse die Masken haben, wird Ende dieser Woche feststehen. Wie die Masken produziert werden, sehen Sie im Video oben.

Auch der Sonnenstoren-Hersteller Jetzer produziert nun Masken. «Unser Schneider kommt derzeit mit dem Nähen der Masken kaum nach», sagt Inhaberin Jacqueline Leutwiler. Hergestellt werden die Masken aus dem Stoff der Sonnenstoren. «Diese Stoffe sind imprägniert und wasserabweisend. Dadurch wird sicherlich ein gewisser Schutz geboten», so Leutwiler. Eine hundertprozentige Sicherheit habe sie aber nicht, sagt sie. In den nächsten Tagen sollen 200 Masken hergestellt und gratis abgegeben werden.

«Vertraut keinen selbst gefertigten Masken»

Die Wernli AG aus Rothrist AG kann in ein paar Monaten ebenfalls Masken produzieren. Das Unternehmen, das sonst Verbandsmaterial herstellt, hat eine Produktionsmaschine aus China bestellt. «Aus Spitälern und aus dem Gesundheitswesen habe ich bereits Mitte Februar erfahren, dass mit einem Engpass bei den Gesichtsmasken zu rechnen ist. Erste Abklärungen haben sofort gezeigt, dass es unmöglich ist, die Masken manuell zu fertigen», sagt der Geschäftsführer Felix Schönle zu 20 Minuten. «Daraufhin habe ich eine vollautomatische Maschine evaluiert und diese bestellt.» Herstellen könne das Unternehmen pro Tag bis zu 140'000 medizinische Gesichtsmasken – also Hygienemasken –, aber keine Atemschutzmasken. Laut der Suva sind Hygienemasken kein zuverlässiger Schutz gegen eine Infektion. Sie dienen insbesondere dem Schutz der Anderen.

Der weltweite Mangel an Schutzmasken sorgt dafür, dass kreative Köpfe im Internet Anleitungen geben, wie Schutzmasken selbst hergestellt werden können. Schönle rät jedoch davon ab: «Für Schutzmasken werden spezielle Materialien benötigt. Die Do-it-yourself-Masken bieten keinerlei Schutz. Ich persönlich würde jedem abraten, auf eine selbst gefertigte Maske zu vertrauen.»

Normen von Schutzmaterial werden gratis angeboten

Wegen der Covid-19-Pandemie haben die europäischen Normungsorganisationen entschieden, eine Reihe von europäischen Normen für Medizinprodukte und persönliche Schutzausrüstung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ziel ist es laut dem Deutschen Institut für Normung, dem wachsenden Mangel an Schutzmasken, -handschuhen und weiteren Produkten zu begegnen, mit dem viele europäische Länder derzeit zu kämpfen haben. Mit der Bereitstellung der Normen soll Unternehmen geholfen werden, die ihre Produktlinien umstellen wollen, um die so dringend benötigte Ausrüstung kurzfristig herzustellen. Die Normen richten sich rein an professionelle Anwender.

Hygienemasken sollten der Europäischen Norm EN 14683:2019 entsprechen. Die Hygienemasken der Wernli AG, die unter dieser Norm fallen, werden aus drei Lagen bestehen:

1. Lage (aussen) in der Regel grün oder blau eingefärbt. Diese Lage besteht aus Spinnvlies aus Polypropylen

2. Lage (mitte) ist der Filter der Maske. Es handelt sich um ein Meltblown, das spezielle Filtereigenschaften aufweisen muss.

3. Lage (innen) liegt auf dem Gesicht auf und ist aus Spinnvlies aus Polypropylen.

Atemschutzmasken hingegen sollten der Europäischen Norm DIN EN 149:2009-08 entsprechen.

Bund lässt auch produzieren

Auch die Schweizer Behörden haben reagiert: Der Bund und der Kanton Zürich haben zusammen zwei vollautomatische Maskenproduktionsmaschinen gekauft, wie SRF schreibt. Diese sollen der Schweiz mit täglich 64'000 produzierten Masken der Schutzklasse II etwas Unabhängigkeit vom Ausland schenken. Die Maschinen werden in Flawil SG stehen. Vermutet wird, dass bei der Firma Flawa produziert werden soll.

Der Run auf Masken durch Privatpersonen habe sich aber etwas gelegt, sagt Lorenz Schmid, Präsident des Zürcher Apothekerverbands und Inhaber der Toppharm-Apotheke Paradeplatz. «Die Situation hat sich etwas entschärft, verschiedene Anbieter sind auf dem Markt. Es ist aber nicht so, dass Masken jederzeit erhältlich sind. Es gibt hin und wieder mal Lieferungen von Hygiene- und Atemschutzmasken.»

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