Euro-Krise immer grösser: Jetzt wackelt auch Italien bedenklich
Aktualisiert

Euro-Krise immer grösserJetzt wackelt auch Italien bedenklich

Auch unser südlicher Nachbar trudelt immer mehr in die Schuldenkrise. Eine Pleite wäre verheerend, denn die wirtschaftliche Bedeutung Italiens ist weit grösser als jene Griechenlands.

von
Sandro Spaeth
Die Schuldenkrise erreicht Italien.

Die Schuldenkrise erreicht Italien.

Bisher haben sich alle Pleite-Prognosen bewahrheitet; Griechenland, Irland, Portugal. Um den vollständigen Kollaps abzuwenden, flüchteten die Staaten unter die schützende Hand des EU-Rettungsschirms. Von den sogenannten PIIGS-Staaten – so nennt die Finanzwelt seit Frühjahr 2010 die Schuldensünder – verbleiben also noch Spanien und Italien. Die Lage Roms hat sich in den letzten Tagen aber massiv verschlechtert.

Greift der Flächenbrand auf Italien über, sind die Konsequenzen für die Eurozone weit dramatischer als bei Griechenland. Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone und trägt 15 Prozent zum europäischen Bruttoinlandprodukt (BIP) bei. Zum Vergleich: Der Anteil Athens liegt bei nur rund zwei Prozent.

Zudem sind europäische Banken in Italien in viel höherem Ausmass engagiert als in Griechenland. Laut neusten Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) halten europäische Finanzinstitute italienische Forderungen von 784 Milliarden Euro. Gegenüber Griechenland sind es nur 136 Milliarden Euro. Würde Rom in die Pleite rasseln, bescherte dies den Gläubigerbanken massive Verluste.

Aktueller Rettungsschirm reicht nicht

Der aktuelle, mit 750 Milliarden ausgestattete Rettungsschirm könnte laut ZKB-Chefökonom Anastassos Frangulidis einen Kollaps Italiens nicht mehr stemmen. Dafür müsste der Mechanismus auf rund 1,5 Billionen Euro ausgedehnt werden. Dies diskutierten die EU-Finanzminister zwar unlängst, zu einer Lösung konnten sie sich aber noch nicht durchringen. Doch auch damit wäre das Problem nicht gelöst: «Das System kommt an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Die Zukunft des Euro wäre gefährdet», warnt Frangulidis.

Die Schulden Italiens betragen derzeit 1,8 Billionen Euro – oder 118 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland sind es zwar 160 Prozent, in absoluten Zahlen beläuft sich der Schuldenberg Athens aber nur auf 350 Milliarden. Mit der neusten Entwicklung an den Finanzmärkten dürfte Roms Schuldenberg aber rasch weiter wachsen: Letzte Woche stiegen die Zinssätze auf zehnjährige italienische Anleihen innert weniger Tage von unter 5 auf beinahe 6 Prozent, so hoch wie noch nie seit Gründung des Euro.

Noch kann sich Italien selbst refinanzieren, die Luft wird aber allmählich dünn. Griechenland flüchtete bei einer Belastung von 6,5 Prozent unter den Rettungsschirm, Portugal bei 8 Prozent.

Streit zwischen Tremonti und Berlusconi

Italien selbst sieht seine Finanzlage längst nicht so dramatisch, wie sie die Finanzmärkte einstufen. Das Defizit schiebt Rom schon Jahre vor sich hin – bereits 1997 betrug es 121 Prozent des BIP. Man betont gerne, dass die Schulden im Zuge der Finanzkrise nicht gross gestiegen seien. «Ich akzeptiere nicht, dass Italien in einer Reihe mit Portugal, Irland und Griechenland genannt wird», protestierte der Chef des Mailänder Finanzinstituts Unicredit kürzlich. Zudem ist die Verschuldung der privaten Haushalte in Italien vergleichsweise tief.

Das wären zwar gute Voraussetzungen um zu gesunden, doch die Märkte haben das Vertrauen in Rom verloren. Italiens Finanzminister Guidio Tremonti gerät zunehmend unter Druck. Zudem möchte Ministerpräsident Silvio Berlusconi den Finanzminister – einst Garant für einen Sparkurs – unbedingt loswerden und das vom Kabinett beschlossene Sparpaket von 40 Milliarden Euro aufweichen. Solche Unsicherheiten sind Gift und werden von den Märkten bestraft. «Die Gefahr ist gross, dass die Lage ausser Kontrolle gerät», warnt Frangulidis.

Eigentlich kein Land für Eurozone

Nach den «Maastricht»-Kriterien hätte Italien 1999 gar nicht in die Währungsunion integriert werden dürfen. Um die Stabilität der Währung zu sichern, war vorgesehen, dass der Eurozone lediglich Länder mit Schulden von maximal 60 Prozent der Wirtschaftsleistung beitreten können. Im für den Euro-Beitritt entscheidenden Referenzjahr 1997 waren es aber 121,6 Prozent. Dass Italien dennoch zur Eurozone zugelassen wurde, hatte politische Gründe. Italien hatte stets darauf bestanden, als eines der sechs EU-Gründungsmitglieder beim historischen Projekt der Währungsunion von Anfang an «durch die Vordertür» beizutreten.

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