Aktualisiert 18.07.2016 11:12

Ein Tag als Flight-Attendant

Jetzt weiss ich, wie schwierig Dauerlächeln ist

20 Minuten durfte bei der Swiss als Flight-Attendant aushelfen – und ging dabei der Frage nach: Hat dieser Job noch das gewisse Etwas?

von
Valeska Blank
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5.50 Uhr: Der Arbeitstag der Flight-Attendants beginnt im Briefing Room mit der Frage: «Was können wir heute tun, um einen besonders guten Eindruck bei den Passagieren zu hinterlassen?»

5.50 Uhr: Der Arbeitstag der Flight-Attendants beginnt im Briefing Room mit der Frage: «Was können wir heute tun, um einen besonders guten Eindruck bei den Passagieren zu hinterlassen?»

6.15 Uhr: Die Crew fährt im Kleinbus zum Flugzeug. Im Bild: Pilot Dominic Brunner, Maître de Cabine Cornelia Häner und 20-Minuten-Redaktorin Valeska Blank.

6.15 Uhr: Die Crew fährt im Kleinbus zum Flugzeug. Im Bild: Pilot Dominic Brunner, Maître de Cabine Cornelia Häner und 20-Minuten-Redaktorin Valeska Blank.

6.15 Uhr: Maître de Cabine Cornelia Häner checkt vor dem Start routiniert alles durch.

6.15 Uhr: Maître de Cabine Cornelia Häner checkt vor dem Start routiniert alles durch.

Gehen der Swiss die Flight-Attendants aus? In letzter Zeit kursierten Medienberichte, wonach die Airline mit massivem Personalmangel in der Kabine kämpft.

Um sich selbst ein Bild davon zu machen, ob der Beruf des Flight-Attendants vom Glamour- zum Frust-Job geworden ist, durfte 20 Minuten einen Flug von Zürich nach Stockholm und retour als Flight-Attendant begleiten. Das sei eine seltene Gelegenheit, die die Swiss nicht jeden Tag biete, sagt Sprecher Stefan Vasic, und dazu noch: «Sie werden vollumfänglich im Service mitarbeiten müssen.»

5.30 Uhr. Operations Center. Der Dutt sitzt.

Das ominöse «Saftschubsen», so denke ich mir noch im Halbschlaf, kann nicht so schwer sein. Umso schwerer tue ich mich mit dem frühen Aufstehen. Den Flugbegleiterinnen scheint es nichts auszumachen. Ihr Auftritt frühmorgens im Operations Center der Swiss ist tadellos: Die dunkelblaue Uniform sitzt, das Make-up ist perfekt, der Dutt ordentlich. Bei so viel Chic fühle ich mich in Jeans und T-Shirt etwas unwohl. Uniform gibts für mich zu meiner Enttäuschung keine.

5.50 Uhr. Briefing Room. «Guten Morgen» statt «Grüezi».

Ich darf mit in den Briefing Room, wo sich die Flugbegleiter für den Flug LX1248 – Maître de Cabine Cornelia Häner plus vier Flight-Attendants – treffen. «Was können wir heute tun, um einen besonders guten und nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen?», fragt Häner in die Runde.

Hm. Einfach freundlich sein? Die Besatzungsmitglieder haben bessere Ideen: Man grüsse wegen der frühen Flugzeit vielleicht besser mit «Guten Morgen» statt mit «Grüezi», und das Lächeln sollte besonders ehrlich gemeint sein. Weiter gehts im Fachjargon: Häner weist darauf hin, dass heute ein «Wheelchair Charlie» mit an Bord ist («Charlie» steht im Fliegeralphabet für den Buchstaben C), will heissen, eine gehbehinderte Person im Rollstuhl. Zum Schluss kommt die Verteilung auf die verschiedenen Arbeitspositionen im Flugzeug: Es wird etwa abgemacht, wer im vorderen und hinteren «Galley» (Küche) arbeitet.

6.15 Uhr. Die Crew legt los.

Draussen wartet schon der Kleinbus, der die Crew und mich zum Flugzeug bringt. An Bord angekommen, wird nicht mehr viel geredet. Die Zeit ist knapp; ich stehe im Weg, während die Maître de Cabine routiniert alles durchcheckt: Ist die Sicherheitsausrüstung komplett? Ist das Megafon da? Funktionieren die Gurte auf dem Jump Seat?

6.30 Uhr. Das Lächeln wird angeknipst.

Wie aus dem Nichts stehen schon die Passagiere vor der Tür. Jetzt muss das im Briefing angesprochene Lächeln angeknipst werden. Rund 200 Mal – ehrlich gemeint! – «Guten Morgen» zu sagen, stellt sich als erste Herausforderung des Tages für mich als Aushilfs-Flight-Attendant heraus. Irgendwann schmerzt das Gesicht.

6.50 Uhr. Start rückwärts.

Der Start auf dem Jump Seat mit dem Rücken zum Cockpit fühlt sich falsch an. Sitzen bleiben darf ich ohnehin nicht lange: Sobald das Anschnallzeichen erlischt, wollen Tassen vorgewärmt und die Service-Wägeli beladen werden. Ich darf in der Business Class arbeiten. Dort sitzen nur zehn Passagiere. Das sollte zu schaffen sein.

7.10 Uhr. Kaffee oder Tee?

Einmal tief durchatmen und los gehts mit dem Service-Wägeli. Kein dunkles Deux-Pièces zu tragen, macht mich nervös. Die Passagiere schauen irritiert, nehmen Kaffee, Tee und Orangensaft dann aber dankend an. Als blutige Anfängerin im Service liegt der Teufel im Detail – soll ich mich so weit zwischen die Sitze beugen, damit ich die Kaffeetasse selbst abstellen kann? Oder drücke ich sie dem Passagier in die Hand?

Ich machs mal so, mal so – egal, improvisieren und weiterlächeln. Jemand will «Schwarztee, aber ganz schwach» – wir haben nur normalen, was nun? Die Maître de Cabine reagiert und verspricht, gleich zu liefern.

8.10 Uhr. Schoggi-Job.

Der nächste Auftrag: Schoggi verteilen. Das ist amüsant – die Passagiere wollen sichtlich, viele zögern aber pro forma; wohl, um nicht gierig zu erscheinen. Nachher nehmen sich viele gleich zwei Schoko-Kugeln. Als Reserve für den schlafenden Nachbar, nehme ich an.

8.30 Uhr. Müllfrau.

Ist jetzt Pause? Nein. Vor der Landung muss der Abfall eingesammelt werden. Klingt simpel, ist es aber nicht, wenn der Mülleimer schon nach ein paar Reihen voll bis oben ist. Nachdem auch das energischste Stopfen – lächeln, ich hab alles im Griff! – nichts mehr nützt, folgt die Flucht ins «Galley». Was mach ich jetzt? Gar nichts – wenn der Kübel voll ist, ist er voll. Den restlichen Müll sammeln die Kollegen von der hinteren Küche ein.

9.10 Uhr. Landung in Stockholm.

Etappe eins ist abgeschlossen, ohne verschütteten Kaffee oder sonstigen peinlichen Ausrutscher. Ich bin erleichtert.

9.50 Uhr. Wieder hinauf.

Nach gefühlt fünf Minuten auf schwedischem Boden sind schon die nächsten Passagiere bereit zum Boarden. Wo kommen die immer so schnell her? Ich bin beeindruckt, wie eng der ganze Ablauf getaktet ist.

10.10 Uhr. Rennen und tauschen.

Jetzt darf ich das Service-Wägeli durch die Economy schieben. Viele Passagiere sind schon eingenickt. Muss ich die jetzt wecken, um sie mit Tomaten-Mozzarella- oder Apfel-Zimt-Quiches zu versorgen? Mein Kollege am Wägeli schüttelt diskret den Kopf. So entspannt wie in der Business ist es nicht mehr: Alle scheinen Cola zu wollen, mein Kollege muss dauernd für Nachschub in die Küche zurückrennen. Auf dem Servicewagen ist nur Platz für vier Flaschen Kaltgetränke und jeweils eine Kanne Kaffee und Tee.

Die Kolleginnen, die von der anderen Seite kommen, kämpfen mit ähnlichen Problemen: Kaffeekanne schon wieder leer, und habt ihr noch süsse Quiches? Die Tauscherei beginnt – leere Kanne gegen Apfel-Zimt-Küechli, dafür kriegen wir mehr Tomaten-Mozzarella. Mir dämmert, warum man als Passagier den Service immer als so langsam empfindet. Das Wägeli ist einfach zu klein, um rasch vorwärtszukommen. Ich nehme mir vor, bei meinem nächsten Flug den Flight-Attendants nie mehr ungeduldige Blicke zuzuwerfen.

11.30 Uhr. Hat das Glamour?

Der Service ist erledigt. Für mich ist der anstrengende Part vorbei. Jetzt habe ich Zeit, mir Gedanken zu machen: Ist Flight-Attendant nun ein Traumjob? Darauf angesprochen, reagieren die Crewmitglieder recht sachlich. So glamourös wie früher sei das Ganze natürlich nicht mehr. Und trotzdem: Sie habe immer schon gewusst, dass dieser Job das Richtige für sie sei. So viel Abwechslung, so viele tolle Begegnungen, so viele Städte: Mehr als ein Beruf sei es ein Lifestyle. Das niedrige Basissalär von 3400 Franken, das es im ersten Jahr gibt, scheint die jungen Flight-Attendants nicht abzuschrecken. Sie hätten diesen Job «immer schon machen wollen», so der Tenor.

Wie gut das Lebensgefühl in diesem Job wirklich ist, kann ich nach nur einem Vormittag nicht abschätzen. Ein guter Teil meiner Aufgaben bestand wirklich darin, das Wägeli zu schieben – wie abwechslungsreich das nach ein paar Jahren ist, bleibt dahingestellt. Trotzdem: Ein Job, der es einem ermöglicht, im Januar in Dubai zu baden oder sich spontan mit Kollegen in Hongkong zum Feierabendbier zu treffen, hat sicher seinen Reiz. Swiss-Sprecher Vasic sagt: «Der Beruf ist nach wie vor beliebt, was nicht zuletzt die zahlreichen Bewerbungseingänge bestätigen.»

12.10 Uhr. Schluss mit Dauer-Lächeln.

Wir landen in Zürich. Nach knapp sieben Stunden auf den Beinen und Dauer-Freundlichsein habe ich neuen Respekt vor dem Job als Flight-Attendant. Der Gedanke an ein Mittagsschläfchen ist nach der frühen Tagwache verlockend.

Auch für meine Kollegen ist jetzt Schluss. Das ist aber nicht die Regel. Normalerweise machen die Flight-Attendants zwischen zwei und vier Kurzstreckenflüge pro Tag, bevor sie Feierabend haben. Den können sie dann dafür in Barcelona verbringen. Oder in Paris. Oder einfach zuhause.

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