Exporte im Minus: Jetzt wird es ungemütlich
Aktualisiert

Exporte im MinusJetzt wird es ungemütlich

Im August schlug der starke Franken erstmals deutlich auf den Export durch. Und 2012 dürfte die Schweizer Wirtschaft, wenn überhaupt, bloss noch minim wachsen.

von
Balz Bruppacher
Die Ausfuhren aus der Schweiz waren im August rückläufig.

Die Ausfuhren aus der Schweiz waren im August rückläufig.

Bisher hat die Exportwirtschaft den Bremseffekt des teuren Frankens vor allem mit Preisreduktionen aufgefangen. Im August, als der Euro vorübergehend an die Paritätsgrenze tauchte, reichte dies nicht mehr aus. Die Ausfuhren gingen im Vergleich zum Vorjahr um 4,1 Prozent auf 13,9 Milliarden Franken zurück. Noch steiler zeigt die Kurve bei den saisonbereinigten Zahlen nach unten.

Der Blick auf die jüngste Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung macht zudem deutlich, dass die Talfahrt der Exporte ohne die Uhrenindustrie und ohne die starke Nachfrage aus Deutschland noch viel rasanter gewesen wäre. Deutschland als mit Abstand wichtigster Handelspartner kaufte auch im August gut zehn Prozent mehr Waren aus der Schweiz als vor einem Jahr. Als einzige der grossen Exportbranchen konnte die Uhrenindustrie ihre Ausfuhren steigern, und zwar immer noch um einen zweistelligen Prozentbetrag (16,4%).

Franken immer noch überbewertet

Inzwischen verteidigt die Nationalbank einen Mindestkurs von 1.20 Franken für den Euro. Das bringt der Exportwirtschaft und dem Tourismus zwar eine Linderung, aber keine Lösung der Probleme. «Der Franken ist nach wie vor stark überbewertet», sagte der Chefökonom des Bundes, Aymo Brunetti, auf Anfrage von 20 Minuten Online. Selbst bei einem Kurs von 1.20 steht der Schweizer Wirtschaft ein sehr schwieriges Jahr bevor, wie die neue Prognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt.

Nach 1,9 Prozent Wachstum im laufenden Jahr dürfte das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) 2012 bloss noch um 0,9 Prozent zunehmen. Im Juni hatten die Ökonomen des Bundes noch ein Wachstum von 1,5 Prozent vorausgesagt. Vor allem beim Export und bei den Ausrüstungsinvestitionen sind sie nun deutlich pessimistischer. Denn zum starken Franken ist die Abschwächung der Weltwirtschaft hinzugekommen.

Rezession «eher unwahrscheinlich»

Einzelne Quartale mit rückläufiger Wirtschaftsleistung seien nicht auszuschliessen, heisst es in der Prognose. Ein Abgleiten in eine eigentliche Rezession mit einem deutlichen Rückgang des BIP über mehrere Quartale wird aber als «eher unwahrscheinlich» erachtet. Allerdings gibt es weitere Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft wegen der Schuldenkrise und der Nervosität an den Finanzmärkten.

Das grösste Risiko gehe vom Finanz- und Bankensektor aus, sagte Brunetti und verwies auf die jüngsten Turbulenzen in Europa. Dass die hausgemachten Bankenprobleme mit dem neuen UBS-Verlust und dem ungelösten Steuerstreit mit den USA die Schweizer Konjunktur abwürgen, wird hingegen als weniger wahrscheinlich betrachtet. Bezüglich der Schuldenkrise gehen die Bundesökonomen davon aus, dass im Euroraum ein unkontrollierter Zahlungsausfall von Staaten verhindert wird.

Einwanderung stützt Konsum

Die Hoffnungen für 2012 beruhen unter anderem auf dem privaten Konsum, der rund 60 Prozent zum BIP beisteuert. Er dürfte sich weniger dynamisch als bisher erwartet entwickeln, die Konjunktur aber weiter stützen. Das Konsumverhalten wird unter anderem von der Sicherheit der Arbeitsplätze beeinflusst. Die Arbeitslosigkeit wird gemäss Seco im nächsten Jahr erstmals seit der Krise von 2009 wieder zunehmen. Allerdings nicht sprunghaft, sondern von 3,1 auf 3,4 Prozent und damit auf ein im internationalen Vergleich nach wie vor bescheidenes Niveau. Die Rückkoppelungen auf den Konsum sollten sich laut Brunetti deshalb in Grenzen halten. Der Konsum werde überdies durch die Einwanderung gestützt.

Vage Hoffnungen

Nicht ganz ausschliessen will das Seco aber auch positive Überraschungen. Sie beruhen vor allem auf der Hoffnung, dass sich der Franken deutlicher abschwächen könnte. Im Unterschied zur erstmaligen Festsetzung eines Wechselkursziels durch die Nationalbank vor 33 Jahren – damals stieg die D-Mark rasch und deutlich über das Ziel von 80 Rappen – bleibt der Euro bisher aber an der Marke von 1.20 Franken kleben. Dies könnte sich dann ändern, wenn es Signale für eine Entspannung der Eurokrise gibt.

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