Zockerverbot: Jetzt wird wieder im Hinterzimmer gepokert
Aktualisiert

ZockerverbotJetzt wird wieder im Hinterzimmer gepokert

Das Pokerverbot lässt die Szene erfinderisch werden. Man bietet Schulungen an und gründet Vereine. Oder setzt sich in die Illegalität ab.

von
Joel Bedetti

Als das Bundesgericht vor zwei Wochen Poker mit Geldeinsätzen ausserhalb von Casinos verbot, mussten sich die professionellen Turnierveranstalter sprichwörtlich von einem Tag auf den anderen neu orientieren.

Provisorisch errichtete Clubs können schnell schliessen. Die etablierten Pokerclubs mit vollausgestatteten Lokalen und langfristigen Miet- und Lieferverträgen jedoch haben gemäss Szenekennern zwei Optionen, wie sie künftig ihr Geld machen können:

«Entweder bietet man Poker-Events und Schulungen an – oder man überlässt das Lokal privaten Pokergruppen», sagt Rino Mathis, Mitbetreiber des Szeneportals pokeraction.ch.

Pokern mit der Firma

Die erste Idee hat Marc Horisberger, Betreiber des «Pokerpalace» in Dietlikon ZH, umgesetzt: Ab sofort bietet er statt Turniere Schulungen an, die neue Spieler für das Zocken in Casinos fit machen sollen.

Als zweites Standbein bietet der Club Poker-Firmenevents an und will Reisen zu internationalen Turnieren organisieren. «Es wird schwierig, damit zu überleben, aber wir versuchen es», sagt Marc Horisberger zu 20 Minuten Online.

Hotdog statt Chips und Karten

Die meisten Clubs aber setzen neu auf Vereine. Deniz Esen, Betreiber des «Other Poker» Basel, sagt: «Wir haben mit unseren Stammgästen einen Verein gegründet und fordern unsere übrigen Kunden auf, dasselbe zu tun. Dann stellen wir ihnen unsere Infrastruktur kostendeckend zur Verfügung.

Ob die neuen Geschäftsmodelle das wirtschaftliche Überleben sichern, ist mehr als ungewiss. Kleinere Clubs bereiten sich schon auf den Abgang aus dem Geschäft vor. Felix Bollinger beispielsweise, Betreiber des «RaisePlace» in Regensdorf ZH, überlegt sich laut «Tages-Anzeiger», den Club abzustossen und stattdessen Hotdogs zu verkaufen.

Spieler wetten unter sich

Nicht alle kapitulieren vor dem Verbot, welches das Freizeitvergnügen von zigtausenden Zockerfreunden zunichte gemacht hat. Mehrere Quellen bestätigen, dass weiter um Geld gespielt wird - und zwar nicht nur unter «Freunden und Bekannten», wie es das Bundesgericht erlaubt.

Ein Kenner sagt: «Man kann Turniere organisieren, an denen die Spieler unter sich Wetten abschliessen. Das liegt dann nicht mehr in der Verantwortung der Veranstalter.»

Leicht verschuldet

Ein Teil der Szene wird sich in die Hinterzimmer verlagern, ist von Insidern zu hören. Ein grösserer Veranstalter sagt: «Meine Kunden können bei mir nicht mehr um Geld spielen, also werden sie es anderswo tun. Aber nicht im Casino.» Rino Mathis gibt sich überzeugt, dass es innert kürzester Zeit alleine in Zürich wieder 20 illegale Pokerclubs gibt.» Das sei schade, denn damit sei das Spiel dem hohen Ehrenkodex entzogen, den die öffentlichen Pokerclubs eingehalten hätten.

Eine Quelle aus polizeinahen Kreisen bestätigt diesen Befund. «Einige Veranstalter werden in die Illegalität wechseln, weil sie keine Alternative sehen.» Das Problem sei, dass beim Hinterzimmer-Poker im Gegensatz zu öffentlichen Turnieren oft Cash Games gespielt würden, bei denen man sich jederzeit wieder ins Spiel einkaufen kann. «Da kann man von dubiosen Personen Kredite aufnehmen und sich an einem Abend leicht um tausende Franken verschulden.»

Feld wird den schwarzen Schafen überlassen

Die Quelle, die im Gegensatz zu den Bundesrichtern an der Front ermittelt und selbst Poker spielt, ist mit dem Verbot nicht glücklich. «Die öffentlichen Turnierveranstalter arbeiteten sehr eng mit der Spielbankenkommission zusammen. Sie erfüllten hohe Standards. Nun wird das Feld denen überlassen, die sich nie um Seriosität bemüht haben.»

Der Informant betont auch, dass man von den seriösen Pokerveranstaltern Hinweise auf illegale Kreise bekommen habe. «Es war in deren Interesse, die schwarzen Schafe zu bekämpfen.» Nun seien diese guten Verbindungen zur Unterwelt gekappt worden.

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