Abgas-Skandal: Jetzt zittern auch Besitzer von Edel-Karossen

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Abgas-SkandalJetzt zittern auch Besitzer von Edel-Karossen

Hat VW auch bei Luxuswagen wie Audi A6, VW-Touareg oder Porsche Cayenne getrickst? Experten nehmen die Vorwürfe sehr ernst. Das Bundesamt für Strassen klärt ab.

von
S. Spaeth

Besitzer stark motorisierter Fahrzeuge aus dem VW-Konzern wiegten sich bis jetzt in Sicherheit. Von den Abgas-Manipulationen waren bisher nur 1,2- bis 2-Liter-Dieselmotoren betroffen. Nun erhebt die US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) aber schwere Vorwürfe gegen Boliden wie den VW Touareg (Modell 2014), den Porsche Cayenne (2015) sowie gegen Modelle von Audi, darunter der beliebte A6 oder der SUV Q5 (2016). Laut EPA hat sich VW erneut nicht an die Gesetze gehalten und die Schummelsoftware auch in Fahrzeuge mit 3-Liter-Dieselmotoren eingebaut.

In der Branche sorgte die Meldung für grosses Aufsehen: «Das hat uns alle äusserst überrascht und wir müssen den schweren Vorwurf sehr, sehr ernst nehmen», sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Dass die US-Regierung mit diesem Schreiben vor allem taktiert, kann sich Dudenhöffer nicht vorstellen. Die Behörde hebe nicht einfach den Mahnfinger, sondern schreibe von einer Täuschung des US-Gesetzgebers durch eine «Defeat Device», sprich Betrugssoftware. Diese erkennt, ob sich das Fahrzeug auf einem Prüfstand befindet, und reduziert dann die Abgase. Wie viele Fahrzeuge von der jüngsten Kritik betroffen sind, ist bislang nicht bekannt. Laut Schätzungen sind es in den USA etwa 10'000 Fahrzeuge.

Schweizer haben immer mehr PS

In der Schweiz sind die nun in der Kritik stehenden Modelle verbreitet. Vom unter Beschuss stehenden Modell VW-Touareg wurde in allen Motorenvarianten im letzten Jahr 632 Autos zugelassen, vom Porsche Cayenne, dessen 2015er Modell beanstandet wird, sind zwischen Januar und September 726 zugelassen worden. Noch beliebter sind die stark motorisierten Audis. Vom A6 wurden in den ersten neun Monaten des Jahres knapp 1500 Stück zugelassen, vom Q7 rund 2300 Stück. Laut EPA sollen aber nur die 2016er Audi-Modelle betroffen sein. Seit 2005 hat sich der PS-Durchschnitt der neu in der Schweiz zugelassenen Fahrzeuge von 140 auf 158 erhöht. Hintergrund des Aufrüstens auf der Strasse ist der SUV-Boom. Laut Comparis entfallen im laufenden Jahr 23 Prozent aller Auto-Inserate auf SUV.

Müssen sich die Besitzer von Porsche-Cayenne- oder VW-Touareg-Modellen in der Schweiz nun Sorgen machen? «Wir können es heute noch nicht abschätzen, aber wenn sich der EPA-Vorwurf bestätigt, werden die Schweizer Behörden nach meiner Einschätzung ebenfalls unangenehme Fragen stellen», sagt Dudenhöffer.

Auf Anfrage von 20 Minuten heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra), dass man aus den Medien von den möglichen Manipulationen beim 3-Liter-Dieselmotor erfahren habe. «Unsere Taskforce nimmt die US-Vorwürfe auf und hatte bereits mit Volkswagen und den deutschen Prüfstellen Kontakt», sagt Sprecher Thomas Rohrbach. Es gelte zu klären, ob die europäischen Modelle überhaupt betroffen seien. Zuständig dafür sei jene Behörde, die die gesamteuropäische Zulassung der Modelle durchgeführt habe. Rohrbach rechnet mit einer Antwort in rund einer Woche.

Ist «Clean-Diesel» am Ende?

Mit den Manipulationen wollte sich der VW-Konzern insbesondere in den USA eine bessere Marktstellung verschaffen. Hier warb VW intensiv mit den sogenannten «Clean Diesel». Sollten sich die EPA-Vorwürfe bestätigen, müssen die deutschen Autobauer laut Dudenhöffer über ihre «Clean-Diesel»-Strategie nachdenken und sie nicht weiter verfolgen. Die Diesel-Abgasreinigung könnte zu kompliziert und zu störungsanfällig sein.

Bei VW bestreitet man die Vorwürfe. «Die Volkswagen AG hat am Montag von der amerikanischen Umweltbehörde EPA die Mitteilung erhalten, dass bei Fahrzeugen mit V6-TDI-Dieselmotoren eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei», schreibt VW-Schweiz-Kommunikationschef Livio Piatti. Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.

Neue Vorwürfe kommen VW ungelegen

Derzeit versucht der Konzern mit einer Inseratekampagne das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. VW wird ist daran, alle von den Manipulationen betroffenen Schweizer Fahrzeughalter anzuschreiben. Je nach Modell ist die technische Lösung unterschiedlich. Im besseren Fall kann VW das Problem über ein Softwareupdate lösen. Andernfalls muss die Motorentechnik erneuert und ein dafür nötiges Bauteil erst noch konstruiert werden. Dieses dürfte laut Volkswagen nicht vor September 2016 zur Verfügung stehen. Weltweit geht es beim Skandal bislang um etwa 11 Millionen Autos der Marken VW-Pkw, VW-Nutzfahrzeuge, Audi, Seat und Skoda. In der Schweiz sind es rund 128'000 Fahrzeuge. (sas)

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