Angst vor sexuellen Übergriffen: Joggerinnen nehmen Nadeln und Messer mit
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Angst vor sexuellen ÜbergriffenJoggerinnen nehmen Nadeln und Messer mit

Frauen, die allein joggen gehen, tragen Gegenstände auf sich, um sich vor möglichen Übergriffen zu schützen. Expertinnen raten eher zu Selbstverteidigungskursen.

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jk
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Claudia von «Claudias Movement» trainiert und läuft fast täglich im Freien. Sie sagt: «Keine Frau sollte sich den Spass am Laufen nehmen lassen. Verzichtet man aus Angst darauf, dann lässt man ausgerechnet diejenigen gewinnen, vor denen man sich fürchtet. Das ist falsch.» Zwar kenne sie das unbehagliche Gefühl bei einsamen Joggingtouren; aufs Laufen zu verzichten, sei niemals eine Option.

Claudia von «Claudias Movement» trainiert und läuft fast täglich im Freien. Sie sagt: «Keine Frau sollte sich den Spass am Laufen nehmen lassen. Verzichtet man aus Angst darauf, dann lässt man ausgerechnet diejenigen gewinnen, vor denen man sich fürchtet. Das ist falsch.» Zwar kenne sie das unbehagliche Gefühl bei einsamen Joggingtouren; aufs Laufen zu verzichten, sei niemals eine Option.

Dominik Hartmann
Der Pfefferspray ist eines der meistgenannten Gadgets, das Joggerinnen auf sich tragen, um sich im Notfall schützen zu können.

Der Pfefferspray ist eines der meistgenannten Gadgets, das Joggerinnen auf sich tragen, um sich im Notfall schützen zu können.

Keystone/Eddy Risch
Auf Twitter zeigt eine Userin ihren Beschützer: eine (Militär-)Taschenlampe des Typs Klarus XT12. Die helle Leuchte besitzt einen Knopf, der Blitzlicht aktiviert. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, bestimmte Taschenlampen gelten in der Schweiz gesetzlich als Waffe.

Auf Twitter zeigt eine Userin ihren Beschützer: eine (Militär-)Taschenlampe des Typs Klarus XT12. Die helle Leuchte besitzt einen Knopf, der Blitzlicht aktiviert. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, bestimmte Taschenlampen gelten in der Schweiz gesetzlich als Waffe.

Screenshot Twitter

Kürzlich stand ein Mann vor Gericht, weil er im Berner Bremgartenwald eine Joggerin überfallen hatte und sie vergewaltigen wollte. Ein weiterer wurde vor einem Jahr verurteilt, weil er in Uster mehrere Läuferinnen belästigt und ebenfalls fast vergewaltigt hatte. Auf Twitter verdeutlicht nun ein Beitrag der US-Drehbuchautorin Amanda Deibert, wie unsicher sich Joggerinnen wirklich fühlen. Sie schreibt: «Eine Bekannte aus meiner Mama-Gruppe hat einen Online-Diskussionsfaden, in dem Frauen sich darüber austauschen, wie sie sich schützen, wenn sie allein joggen gehen.»

Der Tweet wurde über 60'000-mal gelikt und gut 15'000-mal geteilt. Hunderte berichten über ihre Erfahrungen beim Laufen ohne Begleitung. Pfeffersprays, Stecknadeln, Schlüsselanhänger mit Alarmknopf und kleine Messer: Die Liste von Gegenständen, die Frauen auf ihre Jogging-Runde mitnehmen, ist lang (siehe Bildstrecke). Das mulmige Gefühl weiblicher Läuferinnen ist weitverbreitet. In Jogging-Foren finden sich zahlreiche Beiträge, in denen Frauen ihre Angst beschreiben und sich Tipps geben.

Die Schweizer Fitness-Influencerin Nadine Huber hat für 20 Minuten bei ihren Followerinnen nachgefragt, wie sie sich beim Joggen fühlen. Die Mehrheit gibt an, manchmal Angst zu haben. (Bild: Instagram/house.of.huber)

Eine Frau, die fast täglich im Freien trainiert und läuft, ist die Personaltrainerin und Fitness-Motivatorin Claudia von «Claudias Movement». Zwar sei sie noch nie von einem Unbekannten angesprochen oder belästigt worden, ein leicht unbehagliches Gefühl sei ihr aber gut bekannt: «Eine gewisse Nervosität ist wohl nicht schlecht, wenn man allein im Wald läuft, damit man sich nicht zu leichtsinnig verhält. Gleichzeitig sollte man als Frau aber für sich selber stark sein wollen und wissen, wie man sich notfalls wehren kann.»

«Keine Frau sollte sich den Spass am Laufen nehmen lassen. Sonst lässt man ausgerechnet diejenigen gewinnen, vor denen man sich fürchtet.»

In der Stadt fühle sie sich sicherer als auf dem Land, so Claudia. Seit sie in Zürich lebe, kenne sie vielen Joggingrouten, die beleuchtet und nur selten menschenleer seien. Joggerinnen, die auf dem Land lebten, sollten auf dunkle Kleidung verzichten und im Dunkeln eine Stirnlampe tragen. Auf unheimlichen Streckenabschnitten könne man nötigenfalls jemanden anrufen.

«Keine Frau sollte sich den Spass am Laufen nehmen lassen. Verzichtet man aus Angst darauf, lässt man ausgerechnet diejenigen gewinnen, vor denen man sich fürchtet. Das ist falsch», sagt Claudia.

Sie habe beim Joggen meist eine kleine Pfeife dabei. Mit dieser könne sie sich im Notfall bemerkbar machen, würde sie etwa ungewöhnliche Geräusche hören. Weiter hat Claudia mit einem Selbstverteidigungskurs gute Erfahrungen gemacht. «Wenn sich tatsächlich mal ein Fremder nähert, sind wahrscheinlich viele vor Schreck versteinert. Im Kurs lernst du genau, wie du dich wehren kannst. Das nimmt die Hemmung, bei echter Gefahr eben auch zuzuschlagen.» Zudem werde das Selbstbewusstsein gefördert.

«Sinnvoll sind Selbstverteidigungskurse. Dort findet auch eine Auseinandersetzung mit den Angstgefühlen statt.»

Auch Corina Elmer, Geschäftsleiterin der Frauenberatung «sexuelle Gewalt» verweist neben Pfeifen oder Alarmen auf Selbstverteidigungskurse. Dort finde unter anderem eine Auseinandersetzung mit den Angstgefühlen sowie effektiven Gegenstrategien statt. «Frauen sollen sich beim Joggen nicht einschränken lassen, sondern das Risiko minimieren.» Grundsätzlich gelte: Alles, was das Sicherheitsgefühl erhöhe, sei schon mal gut.

Generell sei es sicherer, mindestens zu zweit laufen zu gehen. Sei das nicht möglich, rät Elmer: «Frau sollte das Handy mitnehmen und Angehörige darüber informieren, wo genau und wie lange sie joggen geht. Zudem sollte man nicht zu abgelegene Strecken wählen.» Vermeidungsstrategien seien zwar bedauerlich, dennoch sei es bei grosser Unsicherheit sinnvoll, auf einer Finnenbahn oder im Fitnessstudio zu trainieren.

Elmer weist schliesslich darauf hin, dass all diese Vorsichtsmassnahmen leider nicht unbedingt vor jeglicher sexueller Gewalt schützen würden: «Noch immer passieren weit mehr schwere Übergriffe an privaten Orten. In rund 70 Prozent aller unserer Fälle ist das Opfer mit dem Täter bekannt, häufig ist es gar der Partner oder der Ex-Freund.» Zudem sei es unumgänglich, gewaltfördernde Strukturen zu verändern – etwa durch politische Arbeit.

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