US-Wahlkampf: John McCain vom Winde verweht
Aktualisiert

US-WahlkampfJohn McCain vom Winde verweht

Während Barack Obama in Europa Triumphe feiert, stolpert John McCain zu Hause durch den Wahlkampf. Die Medienpräsenz des Demokraten ärgert den Republikaner masslos, dabei holt er in den Umfragen sogar auf.

von
Peter Blunschi

Die Idee war gut: Am Tag von Barack Obamas Berliner Rede wollte John McCain per Helikopter zu einer Bohrinsel im Golf von Mexiko fliegen und für die Aufhebung des Verbots von Ölbohrungen vor der amerikanischen Küste werben – ein populäres Anliegen in Zeiten hoher Spritpreise. Dann rauschte Hurrikan Dolly heran, und zu allem Übel schlug auch noch ein Öltanker im Mississippi leck – McCains Ausflug wurde abgesagt.

Statt seinem Kontrahenten die Schau zu stehlen, musste sich John McCain mit dem Besuch eines deutschen Restaurants in Ohio begnügen. Es passte zum Verlauf der Woche: Während sich Obama in telegenen Auftritten auf der Weltbühne präsentierte, durfte der Republikaner mit George Bush senior in einem Golfwagen fahren und sich vor dem Kühlregal eines Supermarkts ablichten lassen. Seinen Ärger über den Erfolg von Obamas Überseetrip, nicht zuletzt beim Besuch im Irak, konnte er kaum verbergen. «Es scheint mir, dass Senator Obama lieber einen Krieg verliert als eine Wahl», giftelte er in Anspielung auf dessen Absicht, die US-Soldaten innerhalb von 16 Monaten abzuziehen.

Ärger über die Medien

McCains Unmut gilt nicht zuletzt den Medien, die über Barack Obamas Reise sehr ausführlich berichten und dem Demokraten ohnehin mehr Platz einräumen als dem republikanischen Kandidaten. McCains Wahlkampfteam brachte diese Woche ein sarkastisches Video mit Lobeshymnen auf den schwarzen Senator in Umlauf, begleitet vom Kommentar: «Die Medien lieben Barack Obama. Wäre es nicht so ernst, könnte man darüber lachen.»

Dabei hätten gemäss «Washington Post» auch die Demokraten Grund, sich zu beschweren. Immer wieder hat sich John McCain verbale Ausrutscher geleistet. So schwafelte er etwas von einer «irakisch-pakistanischen Grenze», und er brachte es fertig, in einer Rede zum dritten Mal in kurzer Zeit die «Tschechoslowakei» zu erwähnen, ein Land, das seit 15 Jahren nicht mehr existiert. Bei anderen Gelegenheiten brachte er Sunniten und Schiiten durcheinander, oder er bezeichnete Wladimir Putin als «Präsidenten von Deutschland».

Mit 72 Jahren zu alt?

Bislang waren diese Versprecher fast nur in linken Blogs ein Thema, während die grossen Medien darüber hinwegsahen. «Barack Obama wäre damit niemals durchgekommen», sagte ein TV-Moderator der «Post». Langsam ändert sich dies, denn mit der Häufigkeit seiner Fehltritte stellt sich die Frage, ob der 72-jährige McCain nicht zu alt ist für den Job des Präsidenten. In den populären Late-Night-Shows ist dies ohnehin ein Running Gag.

Bei den Wählern scheint es aber keine grosse Rolle zu spielen, denn gemäss den jüngsten Umfragen hat John McCain aufgeholt. In umkämpften Bundesstaaten wie Colorado und Minnesota liegt er praktisch gleichauf mit Obama. Beobachter rätseln über die Gründe für diese Entwicklung. Sie sehen nicht zuletzt ein Warnsignal für Barack Obama, sich nach dem Auslandtrip wieder den Sorgen der Wähler im Inland zuzuwenden.

Schlechtes Timing für Rede

Allerdings sieht die «Washington Post» bereits den nächsten Stolperstein für McCain. Bei den Parteiversammlungen werden sich die beiden Kandidaten mit einer grossen Ansprache an das amerikanische Volk wenden. Barack Obama wird am 28. August vor mehreren zehntausend Zuschauern in einem Stadion in Denver sprechen – am 45. Jahrestag von Martin Luther Kings legendärer «I Have a Dream»-Rede.

John McCain hingegen wird am 4. September in Minneapolis auftreten. Am gleichen Abend beginnt die Football-Saison mit dem Schlagerspiel Washington Redskins gegen den Titelhalter New York Giants. Dagegen anzukommen dürfte nicht leicht sein. Kein Wunder, wird in US-Medien darüber spekuliert, dass John McCain noch vor Beginn der Olympischen Spiele seinen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft ernennen könnte – damit er wenigstens einmal das mediale Scheinwerferlicht für sich hat.

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