Ölförderung: John McCain will in Naturschutzgebiet bohren

Aktualisiert

ÖlförderungJohn McCain will in Naturschutzgebiet bohren

In den USA wird heftig über Ölbohrungen in Küstengewässern gestritten. Präsident Bush und Kandidat McCain wollen ein 26 Jahre altes Verbot aufheben, und schlagen sich damit auf die Seite der Öl-Lobby. Umweltschützer sind entsetzt.

Bis jetzt hat sich der republikanische Kandidat für die US-Präsidentschaft, John McCain, erstaunlich grün gegeben. So forderte er schon mal Obergrenzen für Treibhausemissionen, mal die Förderung von Windenergie, Solarzellen oder Biodiesel. Bisweilen bringt er auch alles unter einen Hut und ruft, wie kürzlich geschehen, «eine grosse nationale Kampagne» zur «Energieunabhängigkeit» Amerikas aus. Doch jetzt hat sich, wie «Spiegel-Online» berichtet, seine Kampagne auf wenige Worte reduziert: Mehr Öl – nicht aus den nahen Osten sondern aus US-Produktion. Nach 26 Jahren Schutz will er das den US-Küsten vorgelagerte Kontinentalschelf (Küstenflachmeer) für die Suche nach Erdöl freigeben. Er selbst sagt dazu: «Wir haben enorme eigene Energiereserven. Und wir haben immer mehr Mittel, diese Ressourcen auf saubere, verantwortliche Weise zu nutzen.»

Küste ist doppelt geschützt

Im «Outer Continental Shelf» dem küstennahen, bis 200 Meter unter dem Meer liegenden Festlandsockel, ist die Ölausbeutung seit 1982 verboten. Damals erliess der, notabene republikanische, Kongress ein Moratorium, welches seither ständig erneuert wurde. 1990 setzte US-Präsident George Bush Senior mit einer Exekutivorder noch ein zweites, dieses Mal präsidiales, Moratorium oben drauf. Nachfolger Bill Clinton verlängerte es bis 2012. Der doppelte Küstenschutz ist die am längsten laufende Umweltmassnahme der USA.

McCain will auch in Alsaka bohren

McCain will auch das Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) in Alaska für die Ölförderung freigeben. Das ANWR ist das nördlichste US-Naturschutzgebiet. Über die Ausbeutung des einzigartigen Ökosystems mit enormen Ölvorräten wird seit jahrzehnten gestritten. Für McCain gibt es keine Gefahren mehr: Die Ölförderung sei längst so gefahrlos, nicht einmal die Hurrikans Katrina und Rita hätten die ramponierten Bohrinseln vor New Orleans und Houston zum Auslaufen bringen können, sagt er. Nur stimmt das nicht: Laut US-Küstenwache flossen wegen der Hurrikans 2,7 Millionen Liter Petroleumprodukte in den Golf von Mexiko. Erzählt hat dies McCain den Vorstandsbossen der Ölkonzerne. Es sind jene Konzerne, die bis jetzt 1,5 Millionen Dollar in McCains Wahlkampfkasse gespendet haben – mehr als jedem anderen Bewerber. Dabei hatte McCain im Wahlkampf 1999 das Moratorium noch unterstützt und bisher war er auch gegen die Ausbeutung des ANWR. Doch wegen der hohen Preise wird die Ölförderung im Vergleich zum Umweltschutz immer wichtiger.

Bush unterstützt McCain

Auch Präsident Busch will an den Küsten und in Alaska bohren. Er will das Präsidenten-Moratorium allerdings nur aufheben, wenn der demokratisch dominierte Kongress seines aufhebt, sonst nicht. Wenn dies nicht geschehe, seien die Demokraten an allem schuld und müssten den Wählern erklären, «warum Benzin für vier Dollar pro Gallone nicht Grund genug zum Handeln ist.» Für McCain hätte ein Ausbeutung der US-Ölreserven hilfreiche «psychologische Auswirkungen» auf die geplagten Verbraucher.

Obama: Nur Wahlkampf

Für Gegner Barack Obama ist das reiner Wahlkampf. «Psychologische Auswirkungen» sei Washington-Jargon für «so was macht sich gut in Umfragen». Tatsächlich: Seit die Benzinpreise seit März so drastisch gestiegen sind, ist der Anteil der US-Bürger, die Ölbohrungen in geschützten Küstengewässern befürworten, von 42 auf 74 Prozent gestiegen. 59 Prozent wollen in Alaska bohren.

Wie viel Öl hat es überhaupt?

Je höher die Spritpreise, desto höher die Bereitschaft, die Natur dem Öl zu opfern. Dabei gibt es Streit um die prognostizierten Kapazitäten der Felder. Die US-Regierung geht von 16 bis 18 Milliarden Barrel (159 Liter) in den fraglichen Meeresregionen aus – damit könne man die heimische Ölproduktion über die nächsten zehn Jahre hin verdoppeln. Dabei ist die staatliche Energy Information Administration (EIA) 2007 zum Schluss gekommen, dass diese Reserven «vor 2030 keine nennenswerten Folgen für die heimischen Rohöl- und Naturgasproduktion haben» würden. So lange dauern die geologischen und technischen Vorarbeiten: Der Sprit wird also so schnell nicht billiger.

Umweltschutz

Umweltschützer, aber auch Küstenorte, befürchten die Verschandelung von Tourismusgebieten und die Verseuchung von Stränden. Allerdings haben auch die Befürworter ein moralisches Argument: Vor den eigenen Küsten verbietet man die Bohrungen, gleichzeitig hat man keine Bedenken, Öl aus Ländern wie Nigeria oder Ecuador zu nutzen, welches ohne jede Rücksicht auf die Umwelt gefördert wird.

Ein Autor beklagte sich: «Zu Hause fordern wir saubere Strände und unberührte Wildnis – leben aber so energieintensiv, dass es andere Länder dazu bringt, ihre Gewässer und Wälder zu opfern.» (scc/rmd)

Deine Meinung