«Time-out» mit Klaus Zaugg: John Slettvolls finaler Triumph
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«Time-out» mit Klaus ZauggJohn Slettvolls finaler Triumph

Warum ist John Slettvoll als Trainer des HC Lugano zurückgetreten? 20-Minuten-Online-Kolumnist Klauss Zaugg sagt: Seine Demission hat wenig mit Eishockey, aber sehr viel mit verletztem Stolz zu tun. Es ist der finale Triumph des Schattenmannes aus Schweden.

John Slettvolls Rücktritt markiert das Ende eines der interessantesten Kapitel unserer Hockeygeschichte. Einer der grössten Trainer aller Zeiten hat den Zeitpunkt seines Abganges von der grossen Bühne selber bestimmt.

Ein Blick zurück

Erst ein Blick zurück kann erklären, was soeben in Lugano geschehen ist.

Slettvoll ist im Sommer 1983 ein unbekannter und unbedeutender 39-jähriger Lehrer für schwer erziehbare Kinder - und Eishockeytrainer. Er stammt aus dem nordschwedischen Umea. Die langen Schatten seiner Heimat wird er auch unter den Palmen von Lugano nie los.

Das Schicksal führt John Slettvoll und Geo Mantegazza zueinander. Diese Begegnung ist ein Glücksfall für den HC Lugano.

Mantegazza ist Präsident des HC Lugano. Im Frühjahr 1983 gelingt der Ligaerhalt mehr schlecht. Geo und sein Bruder Sergio gehören zu den reichsten Männern im Tessin. Ihr Vermögen wird vom Wirtschaftsmagazin «Bilanz» auf rund vier Milliarden Franken geschätzt. Geo will den Erfolg. Aber er macht nicht den Fehler, den Erfolg einfach zu kaufen. Er weiss, dass er dafür einen Mann als Trainer braucht, der mit fanatischer Besessenheit diesen Erfolg erarbeiten will. Als er Slettvoll trifft, weiss er vom ersten Augenblick an, dass er diesen Mann gefunden hat.

Ein hochintelligenter Psychologe

Slettvoll fordert in den 1980er Jahren nicht nur mehr von seinen Spielern als jeder andere Trainer seiner Epoche. Er lebt mit einer geradezu fanatischen, manchmal dämonisch wirkenden Besessenheit totales Engagement vor. Er ist ein hochintelligenter Psychologe, der seinen Spielern in die Abgründe der Seele blickt - und die eigenen Abgründe verbirgt.

Slettvolls «Grande Lugano» dominiert wie kein anderes Team im Zeitalter der Playoffs. Meistertitel 1986, 1987, 1988 und 1990. 1987/1988 übersteht Lugano 15 Runden hintereinander ohne Punktverlust und 27 Runden in Serie ohne Niederlage.

Die Erfolge verändern Slettvoll. Er wird in Lugano reich und allmächtig und entwickelt faszinierende Anzeichen von Grössenwahn.

Im Frühjahr 1992 wird er jäh gestürzt. Arno del Curto kippt mit dem ZSC den HC Lugano in der ersten Runde aus den Playoffs. Bis heute eine der grössten Playoff-Sensationen aller Zeiten.

Slettvoll funktioniert nur in Lugano

Von diesem Schock wird sich Slettvoll nie mehr ganz erholen. Das Charisma des Unbesiegbaren ist dahin. Der Sozialromantiker ist wohlhabend geworden und an einem anderen Ort als in Lugano kann er nicht funktionieren. Selbst sein Intermezzo als Nationaltrainer bleibt ohne Happy-End. Den Ruhm von Prag (mit der Schweiz im WM-Halbfinale) muss er mit dem charismatischen Assistenten Bill Gilligan teilen.

Slettvoll kehrt nach Schweden zurück.Aber in den Köpfen und Herzen und Seelen der Macher des HC Lugano bleibt er allgegenwärtig. Die grandiosen Erfolge haben ihn zum Hockeygott gemacht. Ohne ihn geht es nicht. Er wird noch einmal zurückgeholt. Aber die Magie wirkt nicht mehr.

Der «Magier» hat ausgehext

Im Frühjahr 1996 wird er zum zweiten Mal und - so scheint es - endgültig gefeuert. Noch einmal zeigt sich, welche dämonische Ausstrahlung er hat. Der damalige Präsident Fabio Gaggini fliegt nach der Saison nach Schweden, um Slettvoll die Auflösung des Arbeitsverhältnisses persönlich mitzuteilen. Als er ihm gegenübersteht, wagt er es nicht, die Kündigung auszusprechen und diskutiert mit ihm über die Planung der neuen Saison. Erst als Gaggini wieder zu Hause im Tessin angekommen ist, teilt er Slettvoll die Entlassung am Telefon mit.

Das Undenkbare wird Wirklichkeit: Es gibt Triumphe auch ohne Slettvoll. Lugano wird ohne den schwedischen Magier Meister. 1999 mit Jim Koleff, 2003 mit Larry Huras und 2006 mit Harold Kreis.

Es scheint, als habe sich der HC Lugano schliesslich und endlich doch von Slettvoll emanzipiert.

Aber der Dämon ist nicht vertrieben. Im Frühjahr 2008 gerät Lugano in eine tiefe Krise und droht erstmals überhaupt die Playoffs zu verpassen. In dieser Stunde der höchsten Not besinnen sich die Männer von Lugano an ihren Hockey-Gott.

Erneut ruhten alle Hoffnungen auf Slettvoll

Sie holen John Slettvoll in Schweden aus dem Ruhestand und legen das Schicksal des HC Lugano noch einmal in seine Hände.

Welch ein Triumph für Slettvoll. Lugano hat eingesehen, dass es ohne ihn nicht geht. Seine Rückkehr wird allerdings, wie erwartet, ein Schritt zurück in die Steinzeit. Lugano stürzt definitiv ins Playout. Im Frühjahr 2008 werden zum ersten Mal in der Geschichte unseres Eishockeys Playoffs ohne den HC Lugano gespielt. Die Zeiten haben sich geändert. Mit «Null-Tolreanz» ist es nicht mehr möglich, das Spiel so zu kontrollieren, zu steuern und zu managen wie zu Slettvolls grossen Zeiten in den 1980er Jahren.

Trotzdem verlängert Lugano im Frühjahr 2008, wieder im Banne des Magiers, den Vertrag. Einer der unsinnigsten Sportentscheidungen des neuen Jahrhunderts. Es hätte mehr Sinn gemacht, Ruedi Killias zum Nachfolger von Ralph Krueger zu machen. Die wunderbare Hockeymaschine Lugano, die mit einem spielerischen Feuerwerk die Liga dominieren könnte, parkt zur Zeit mit angezogener Handbremse im Mittelfeld der Tabelle. Zu defensiv das Spielkonzept.

Finaler Triumph

Aber diese Vertragsverlängerung ermöglicht Slettvoll den finalen Triumph. Er verlässt Lugano. Er wird nicht entlassen. Vielmehr bestimmt er den Zeitpunkt seines Abganges.

Erst jetzt, am 7. Januar 2009, hat er die Schmach seiner Entlassungen von 1992 und 1996 gerächt. Erhobenen Hauptes verlässt er die Resega, seinen Tempel, und blickt verächtlich zurück. Jetzt braucht er den Ruhm und das Geld Luganos nicht mehr.

Verachtung war halt schon immer die subtilste Form der Rache.

Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

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