Jon Bon Jovi's New Jersey
Aktualisiert

Jon Bon Jovi's New Jersey

In amerikanischer Übergrösse besingen Bon Jovi den Stolz und die Träume der Vorortbewohner.

Jon Bon Jovi gilt gemeinhin als Verfasser materialistischer Powerballaden in Übergrösse. Er hätte sich mit seiner Band jedoch kaum über 20 Jahre hinweg in den Hitparaden halten können, wenn dem tatsächlich so wäre. Vielmehr verkörpert Bon Jovi den «Ich-kann-es-schaffen-Geist», der nach wie vor Amerikas liebster Mythos ist. Seine eigene Geschichte scheint dabei nur zu bestätigen, dass der Traum kein Märchen bleiben muss. Das macht Bon Jovi glaubwürdig. Dies und die Tatsache, dass er in New Jersey geblieben ist.

Ohne die Vorstadt kann man Bon Jovi nicht verstehen. New Jersey liegt zwar vor den Toren New Yorks, nur einen Tunnel vom Zentrum Manhattan entfernt. Doch während in New York die eitlen Pfauen um die nächste Trendsetzung balzen, gilt in New Jersey noch immer die protestantische Ehtik vom Erfolg durch harte Arbeit: Wer vollen Einsatz gibt, wird dafür auch belohnt werden. Das wird nur zu gern geglaubt in einer Gegend, die man normalerweise verlässt, indem man sich bei der Navy einschreibt. Diese Einstellung wirkt auch dann noch weiter, wenn sich erste Erfolge eingestellt haben. Bon Jovi jedenfalls baute sich eine Zweitkarriere als Schauspieler auf. Inzwischen agiert er auch noch als Clubbesitzer: Er hat das Football-Team der Philadelphia Souls gekauft.

Bon Jovi profitierte zu Beginn von den letzten Ausläufern der Rock-Szene im Asbury-Park-Bereich, in dem Southside Johnny noch heute ein Lokalheld ist und in dem vor allem Bruce Springsteen den Grundstein legte für seine überragende Karriere. Mit beiden stand der junge Bon Jovi gemeinsam auf der Bühne, und von Springsteen klaute er auch einige Zeilen für seine Songtexte, drehte sie allerdings durch den Fleischwolf seines Optimismus.

Springsteen hat die Gescheiterten, Gestrauchelten und Hoffnungslosen besungen. Bon Jovis Figuren stecken zwar auch oft in verzwickten Situationen, glauben aber noch daran, dass sie diesen entkommen können. Oder sie begnügen sich mit dem Erreichten, solange sie nur geliebt werden: «Was solls, solange wir zwei uns haben?» ist sinngemäss übersetzt eine der Schlüsselzeilen. Vielleicht will auch deshalb niemand wissen, dass Bon Jovi kein Republikaner ist, sondern die Demokraten unterstützt. Wer braucht schon Politik, wenn er es auch aus eigener Kraft schaffen kann?

Dass zwei der grössten Rockstars Amerikas aus New Jersey stammen, kann nicht völliger Zufall sein. Die Werte, die die beiden verkörpern, werden in ihrer Heimat bis heute hochgehalten. Während man in Manhattan als aufstrebende Band heute nur einen unbezahlten Auftritt bekommt, wenn man zur eigenen Show noch mindestens 25 Gäste mitbringt, konnte man Ende der Siebzigerjahre in Asbury noch 100 Dollar pro Nacht verdienen. Mit eigenen Songs, versteht sich, nicht mit dem Abnudeln von Gassenhauern. Ein gewaltiger Vorteil, um in Ruhe den eigenen Stil zu entwickeln und sich solide Bühnenerfahrung zu holen.

Ausserdem war Bon Jovi realistisch genug, Kompromisse einzugehen für seinen Erfolg. Die wallende Lockenfrisur mag eine Rache am Vater gewesen sein, der die Brötchen der Familie Bongiovi als Friseur verdiente. Sie war neben den Powerballaden aber auch ein Markenzeichen, mit dem der gutaussehende Entertainer seine weiblichen Fans verzückte. Als er sich die Mähne schnitt, war das sogar CNN eine Schlagzeile wert. Den Hass der Hardrock-Jünger zog er sich zu, weil er das ruppige Genre mit Romantik für den Mainstream öffnete. An den Balladen hält er bis heute fest. An seiner Frau und an New Jersey ebenfalls.

Bon Jovi ist noch immer mit seiner Schulliebe verheiratet, was in diesem Geschäft keine Selbstverständlichkeit ist. (Nebenbei: Es liegt nicht daran, dass sie einen schwarzen Gürtel in Karate hat). Und er wohnt weiterhin in seiner geliebten Vorstadt, die dafür sorgt, dass er mit beiden Füssen auf dem Boden bleibt. Den Ferrari, für den er zwischenzeitlich schwärmte, hat er wieder verkauft. Man kann in New Jersey eine bombastische Home-Cinema-Anlage haben wie Bon Jovi, aber nicht Ferrari fahren, ohne zum Gespött der Nachbarschaft zu werden. Zur erweiterten Nachbarschaft gehört auch Bruce Springsteen. Der hat sich in New Jersey eine riesige Farm gekauft. Aber Bruce im Ferrari? Ein schlechter Scherz.

Silvano Cerutti

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