Tödliches Messerspiel: Jonathans Familie: «Wir brauchen euch»
Aktualisiert

Tödliches MesserspielJonathans Familie: «Wir brauchen euch»

Über den Tod des 16-jährigen Schülers in Rom herrscht weiterhin Unklarheit. Laut Autopsie erhielt er einen Schlag auf den Kopf. Seine Familie hat sich nun erstmals geäussert.

von
vro

Am Dienstagabend ereignete sich auf einer Schulreise einer Klasse eines Lausanner Gymnasiums ein tödlicher Vorfall. Jonathan L.* (16) starb durch einen Messerstich in die Brust. Die Autopsie hat ergeben, dass der Schüler eine fünf Zentimeter tiefe Wunde hat. Ausserdem habe er einen deutlichen Schlag auf den Kopf bekommen, schreibt «Il Mattino». Wie es zum fatalen Unglück kam, wird noch immer untersucht. Mitschüler hätten angegeben, dass Jonathan zu einer Gruppe gehörte, die für ihren regelmässigen Marihuana-Konsum bekannt sei. Dieser Hinweis könnte für die Ermittlungen entscheidend sein. Ein toxikologischer Befund steht derzeit noch aus.

Derweil hat sich die Familie des Opfers laut «24 heures» via Facebook-Seite des Bruders an die Trauergemeinschaft gewendet: «Danke an euch, ich möchte euch alle in den Arm nehmen, wenn wir zurück sind, ich möchte euch an unserer Seite spüren, um nochmals Jons Anwesenheit zu spüren. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, euch zu sehen, wir brauchen euch, die Türe steht weit offen. Von seiner Mutter, seinem Vater und D. (Anm. d. Red.: Bruder des Opfers), danke an euch.»

Fünf von Jonathans Kameraden wurden von der Polizei vernommen. Der Rest der Klasse wird heute gemeinsam mit den drei Aufsichtspersonen wieder zurück in die Schweiz fahren, wie «Le Matin» berichtet. Dafür seien extra zwei weitere Begleiter nach Rom gereist. Vorher mussten die Schüler jedoch noch ihre Fingerabdrücke abgeben, die mit denen auf dem Messer verglichen werden, das Jonathan den tödlichen Stich zugefügt hat.

Die Befragten müssen allerdings noch ein paar Tage länger in Rom bleiben. In den Gesprächen mit den Ermittlern haben sie sich gegenseitig widersprochen. Doch wie starb Jonathan wirklich? Seine Freunde in Lausanne haben eine mögliche Erklärung: «Er war für seine Youtube-Videos bekannt, in denen er verrückte Dinge tat.» Sie glauben deshalb, dass sich Jonathan verletzt hat, als er alleine mit dem Messer spielte. Trotzdem sei niemandem ein Messerspiel bekannt, das derzeit in Mode sei.

«Jetzt Konsequenzen zu ziehen, wäre voreilig»

Offenbar kannte sich Jonathan mit jener Art Waffe aus, die ihm zum Verhängnis wurde. «Jon hat eine WhatsApp-Nachricht geschickt, nachdem er das Messer gekauft hatte», sagt eine nahestehende Bekannte. «Aber er war kein aggressiver Mensch, es war für seine Sammlung.» In der Schule des Verstorbenen herrsche derzeit tiefe Trauer. «Alle sind am Weinen. Heute morgen gab es eine Schweigeminute», sagt eine andere Bekannte.

Währenddessen diskutieren Lehrpersonen und Eltern, wie man mit der Situation umgehen soll. «Die Lehrer fragen sich, wo die Grenzen der möglichen Sicherheitsvorkehrungen liegen», sagt Jacques Daniélou, Präsident der Pädagogischen Gesellschaft des Kantons Waadt, zu «Le Matin». «Das Unglück ist schrecklich, aber zum Glück ein Einzelfall.» Daniélou warnt vor voreiligen Schlüssen. «Im Moment sind alle sehr emotional, es wäre ein Fehler, jetzt definitive Konsequenzen zu ziehen und die Schulreisen zu verbieten.»

Trotzdem steht fest, dass mehrere Schüler ein Messer in ihrem Gepäck mitgeführt haben. Doch Daniélou pocht auf das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und ihren Schützlingen. «Man kann weder die Schüler noch ihr Gepäck ständig durchsuchen.» Auch die Eltern diskutieren intensiv über den Vorfall. Den Begleitpersonen machen sie jedoch keine Vorwürfe: «Wir – die Eltern – sind manchmal selbst mit unseren Kindern überfordert, wie sollen sie sie dann 24 Stunden überwachen können?»

*Name der Redaktion bekannt

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