Aktualisiert 05.04.2007 10:50

Judas - Verräter oder Held?

Judas soll Jesus Christus nicht verraten haben, sondern eigentlich sein treuester Jünger gewesen sein. Dies ist die verblüffende Kernaussage des so genannten «Judas Evangeliums».

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr wurde in Washington die englische Übersetzung eines koptischen Manuskripts aus dem 3./4. Jahrhundert nach Christus vorgestellt. Unter Theologen entbrannte sofort ein Streit über die Bedeutung des Dokuments.

Dem Manuskript zufolge bat Jesus seinen Jünger Judas, ihn an die Römer auszuliefern, um Gottes Willen zu erfüllen. Durch diesen Auftrag erscheine der grösste Schurke der Bibel in völlig neuem Licht, schlussfolgerte die National Geographic Society, welche die Restaurierung und Übersetzung des Dokuments unterstützt hatte.

Alle wissenschaftlichen Tests hätten bisher die Echtheit des Manuskripts bestätigt, das zwischen 220 und 340 n. Chr. entstanden sei, hiess es. Der Kodex - ein gebundener, auf koptisch verfasster antiker Text - wurde in den 70er Jahren in Ägypten entdeckt und gelangte über Umwege zur Schweizer Maecenas-Stiftung.

Verrat als Ruhmestat

Laut den Texten des Neuen Testaments starb Jesus am Kreuz, nachdem der Apostel Judas ihn im Garten Gethsemane für 30 Silberlinge an die römische Besatzungsmacht verraten hatte. Im «Judas-Evangelium» wird der Verrat zur Ruhmestat: Judas ist der einzige, der die Botschaft Jesu versteht.

Er wird von Jesus in alle Geheimnisse eingeweiht und von ihm beauftragt, seinem Meister einen letzten Dienst zu erweisen. Die mit der Übersetzung beauftragten Wissenschafter interpretieren diese Aussage so, dass Judas Jesus zwar den Tod brachte, ihm damit aber einen letzten Gefallen erwies.

Eine Interpretationsfrage

Der renommierte deutsche Bibelwissenschafter Thomas Söding hält das «Judas-Evangelium» religionsgeschichtlich für interessant, aber nicht sensationell. Die Vorstellung von der notwendigen Opferung der menschlichen Hülle Jesu entspreche der Lehre der Gnostiker. Möglicherweise sei sie beim Übersetzen des griechischen Texts ins Koptische eingeflossen.

Für die Gnostiker sei Jesus auch auf Erden Gott gewesen, nur in eine menschliche Hülle gekleidet. Sie sprachen daher von einer Schein-Kreuzigung Jesu, bei der der göttliche Jesus sich seiner menschlichen Hülle entledigt habe.

(sda)

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