Aktualisiert 06.11.2015 06:17

Ex-Fashionbloggerin

«Jüngere Mädchen legen enormen Wert auf Likes»

Mirjam Herms (25) war eine erfolgreiche Fashionbloggerin, bis sie 2013 ihre Seite schloss. Die Scheinwelt habe sie angewidert.

von
Ph.Flück

Die bekannte Modebloggerin Essena O'Neill kehrt der Social-Media-Welt den Rücken zu, weil sie die Szene zu falsch fand. Auch mit Ihrem Blog «chic-und-schlau» erreichten Sie zum Teil mehr als 200'000 Besucher. Warum haben Sie 2013 beschlossen, keine Mode mehr zu präsentieren?

Ausschlaggebend war ein Interview, das ich einer Zeitung gegeben habe. Dabei wurde ich über das Leben als Lifestylebloggerin ausgefragt. Während ich erzählte, wurde mir bewusst, dass mich die ganze Fashion- und Lifestyleblogger-Szene eigentlich anwiderte. Deshalb beschloss ich noch am selben Tag, meinen Blog zu schliessen. Einige Zeit später habe ich dann einen Reise- und Abenteuerblog namens «Little Adventures» erstellt, auf dem ich nicht mehr auf Zustimmung aus bin, sondern nur veröffentliche, was mir Spass macht.

Was störte Sie genau an der Szene?

Mehrere Dinge. Zum Beispiel, dass man an jeder Party als Erstes gefragt wurde, wie viele Follower und Likes man hat. Oder, dass viele Leute in der Szene extrem falsch sind: Vornherum sind alle die besten Freunde und hintenherum lästern sie dann. Für mich persönlich ist diese Szene einfach zu oberflächlich. Meine Interessen haben sich seit der Gründung meines Fashionblogs verschoben.

Trotzdem wollen viele Mädchen ein Teil dieser Szene werden. Können Sie sich das erklären?

Ich glaube, dass viele einfach die Zustimmung anderer Leute geniessen. Ausserdem ist es verlockend, dass man mit dem Präsentieren von Mode schnell Geld verdienen kann, wenn man gut aussieht und es geschickt anstellt. Die erste Frage, die mir junge Mädchen stellen, ist denn auch meist, nach wie langer Zeit man mit einem Blog Geld verdient und Kleider geschenkt bekommt. Viele junge Menschen wollen online aber auch ihre Kreativität ausleben. Ich finde es sehr wichtig, dass wir das beibehalten. Es ist nicht nur eine böse Scheinwelt.

Wie viel verdient man denn tatsächlich?

In der Schweiz kann man nach etwa einem Jahr vom Bloggen leben, wenn man sich Mühe gibt. Bei Kleidern kann man je nachdem zwischen 400 und 500 Franken für ein Foto auf Instagram bekommen – dies ist aber immer abhängig vom Brand. Für andere Produkte, wie etwa Diätpillen, kann man sogar noch etwas mehr verlangen. Ich selbst habe aber nie für solche Produkte geworben habe, da ich nicht hätte dahinterstehen können.

O'Neill kritisierte, dass die Fotos vieler Blogger gestellt seien. Ist in der Szene tatsächlich alles nur Fake?

Es überrascht mich, dass viele Leute nicht merken, dass die meisten Fotos von Fashionbloggern gestellt sind. Die allerwenigsten Bilder sind spontane Schnappschüsse. Hinter jedem Bild stecken mehrere Stunden Arbeit: Zuerst das Fotografieren selbst und dann muss jedes Foto noch bearbeitet werden, was oft bis zu zwei Stunden in Anspruch nimmt. Das Schlimme daran ist, dass es viele Follower gibt, die dann das Gefühl haben, sie selbst müssten so aussehen, wie die bearbeiteten Bilder – man wird zum Idol.

Wer sind diese Follower überhaupt?

Meistens junge Mädchen. Dies auch, weil die meisten Fashionblogger weiblich sind. Aber es gibt durchaus auch männliche Follower. Oft hat jeder Blogger einen harten Sockel an Followern, wie etwa Groupies bei Musikbands.

O'Neill prangerte ja auch an, dass viele Blogger das Gefühl hätten, die Anzahl Follower würde der Anzahl Leute entsprechen, die einen mögen.

Ja, ich kann mir schon vorstellen, dass vor allem jüngere Blogger so denken und enormen Wert auf eine hohe Anzahl Likes und Follower legen. Auch ich freue mich immer, wenn ich mit meinem neuen Blog viele Leute erreichen kann, doch mir geht es mehr darum, dass die Leute meine Botschaft hören.

Die ganze Bloggerszene ist ein Phänomen, das erst durch Social Media ins Rollen gebracht wurde. Glauben Sie, dass die sozialen Netzwerke die heutigen Jugendlichen oberflächlicher gemacht haben?

Nein. Ich bin kein Fan von solcher Social-Media-Hetze: Natürlich haben sie auch Schattenseiten, doch ich glaube, dass soziale Netzwerke den Jugendlichen mehr helfen als schaden. Es gibt zum Beispiel viele Teenager, die sich nie trauen würden, auf einer Bühne zu stehen oder vor Leuten zu sprechen. Dank Social Media haben sie heute aber trotzdem eine Bühne, auf der sie ihre Message verbreiten können.

Oft wird kritisiert, dass sich schon sehr junge Mädchen in Unterwäsche oder knappen Kleidern zeigen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Sobald jemand 18 Jahre alt ist, finde ich es in Ordnung. Aber wenn sich schon 15- oder 16-jährige Mädchen halbnackt auf Fotos zeigen, dann finde ich es wichtig, dass die Eltern oder Geschwistern eingreifen. Man hat ja keine Kontrolle mehr über die Bilder, sobald sie im Internet sind. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ gross, dass man sich eines Tages für solche Fotos schämen wird. Ich bin auch froh, dass ich mit zwölf Jahren noch kein Twitter oder Instagram hatte: In diesem Alter hat man nämlich das Gefühl, man sei der König der Welt, und veröffentlicht Dinge, die man besser für sich behalten würde.

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