Aktualisiert 05.05.2015 14:18

ETH-StudieJugendgewalt im Kanton Zürich ist zurückgegangen

Die Jugendgewalt im Kanton Zürich ist zwischen 2007 und 2014 um insgesamt rund 35 Prozent gesunken. Relativ weit verbreitet ist Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen.

Eine Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich zeigt, dass die Jugendgewalt im Kanton Zürich deutlich zurückgegangen ist.

Eine Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich zeigt, dass die Jugendgewalt im Kanton Zürich deutlich zurückgegangen ist.

Das zeigt eine Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich zu Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich. Zum dritten Mal nach 1999 und 2007 hat ein Team um den Kriminologen Denis Ribeaud im vergangenen Jahr rund 2500 Neuntklässler und erstmals 1100 Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse befragt.

Gemäss der Studie - sie wurde am Dienstag in Zürich vorgestellt - haben im Kanton Zürich seit 2007 alle Formen der Gewalt abgenommen. Dieses Ergebnis decke sich mit dem in der Kriminalstatistik der Polizei festzustellenden Trend, sagte Ribeaud.

Weniger Gewalt im öffentlichen Raum

Es gab deutlich weniger Tätlichkeiten und Körperverletzungen. Dies sei vor allem auf einen Rückgang der Gewalttaten zurückzuführen, die sich im öffentlichen Raum abspielen, erklärte Ribeaud. Als mögliche Erklärung dafür nennt er das veränderte Ausgehverhalten.

Jugendliche seien zwar an Wochenenden länger im Ausgang, hielten sich aber sonst weniger auf der Strasse auf und gerieten somit weniger in die Lage, in Gewaltsituationen involviert zu werden. Hinzu komme, dass unter Jugendlichen der regelmässige Konsum von Alkohol und Drogen zurückgegangen sei.

Mit dem Rückgang der Gewalttaten im öffentlichen Raum sei auch die Gewalt zwischen einander unbekannten Personen seltener geworden. Ribeaud erklärt sich das mit der erhöhten Präsenz der Polizei an den Brennpunkten von Gewalt und mit der Präventionsarbeit im Kanton Zürich.

Veränderte Täterprofile bei sexueller Gewalt

Eine «abnehmende Tendenz» verzeichnet die Studie auch bei der sexuellen Gewalt an Minderjährigen. Seit 2007 betrug der Rückgang rund 23 Prozent.

Verändert haben sich seit 1999 jedoch die Täterprofile. Sexuelle Gewalt ereignet sich nicht mehr vorwiegend unter Jugendlichen der gleichen Schule, sondern vermehrt unter mehr oder weniger Gleichaltrigen, die ihre Opfer im Ausgang kennenlernen. Opfer sind dabei meistens die Mädchen.

Dass sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen häufiger vorkommt, dürfte laut Ribeaud auch auf den Konsum von Pornografie und Gewaltspielen zurückzuführen sein. Gemäss der Studie hat bei den Jungen der regelmässige Konsum von Pornofilmen in den vergangenen sieben Jahren von 24 auf 38 Prozent zugenommen.

Häufige Gewalt in Paarbeziehungen

Erstmals untersucht wurde in der neusten Erhebung die Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen. Demnach erleiden rund ein Viertel der Jugendlichen, die in einer Partnerbeziehung sind, physische Gewalt und ein Fünftel aller liierten weiblichen Jugendlichen hat schon sexuelle Gewalt erlebt.

Rund 10 Prozent der Mädchen gaben an, von ihrem Partner zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. Am meisten manifestiere sich gewaltsames Verhalten in Form der Kontrolle und der Einschränkung der Selbstbestimmung des Partners oder der Partnerin, heisst es in der Studie.

Als mit Abstand grössten Risikofaktor für Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen bezeichnete Ribeaud das «eigene Erleiden». Wer Gewalt in der Familie erfahre, neige eher dazu in der eigenen Partnerschaft Gewalt auszuüben. Eine Rolle spiele auch das «Machoverhalten» der Männer.

Mädchen werden häufiger sexuell belästigt

Erstmals untersucht haben die Wissenschaftler auch das Phänomen Cybermobbing. Sie kommen dabei zum Schluss, dass Mobbing allgemein immer noch die im Jugendalter am häufigsten erlebte Form von Gewalt darstellt. Die Tendenz sei aber auch hier rückläufig.

Laut Ribeaud ist Cybermobbing über soziale Medien und andere Plattformen ähnlich verbreitet wie das direkte Mobbing und werde oft auch von denselben Tätern verübt. Dabei gebe es keine Unterschiede bei den Geschlechtern. Junge wie Mädchen seien Opfer und Täter. Hingegen würden Mädchen häufiger sexuell belästigt. Dabei spielten auch Erwachsene eine Rolle.

Prävention gezielt verstärken

Enrico Violi, Beauftragter für Massnahmen gegen Gewalt im schulischen Umfeld, bezeichnete die Ergebnisse der Studie als erfreulich. Sie seien ein Indiz dafür, dass sich die Massnahmen im Bereich Gewaltprävention und -intervention bewährt hätten.

Entwarnung könne aber nicht gegeben werden. Es bestehe keine Garantie, dass sich der rückläufige Trend in Zukunft fortsetzen werde. Die Koordinationsgruppe Jugendgewalt werde deshalb einen Aktionsplan erarbeiten und ihre Präventionsarbeit gezielt verstärken.

Anstrengungen unternehmen will sie etwa im Bereich des Cybermobbings. Aber auch die Gewalt im öffentlichen Raum müsse - trotz des Rückgangs - weiter beachtet werden. «Ein Grossteil der Gewaltdelikte», so Violi, «ereignen in den Zentrumsgemeinden, an den Wochenenden und in den Nachtstunden». (sda)

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