«Keine Angst vor den Bullen»: Wegen Corona feiern Jugendliche jetzt Partys im Zug
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«Keine Angst vor den Bullen»Wegen Corona feiern Jugendliche jetzt Partys im Zug

Junge Erwachsene haben wegen des Lockdowns kaum mehr Möglichkeiten, um sich mit Freunden zu treffen. Einige weichen deshalb in Züge und Trams aus, um Party zu machen.

von
Joel Probst

Solche Videos von Partys in Zügen werden auf Social Media verbreitet.

Instagram/szene_isch_zueri

Darum gehts

  • Mehrere Videos auf Social Media zeigen Partys von jungen Erwachsenen in Zügen und Trams.

  • Personal sowie Verkehrsbetriebe berichten von einzelnen Fällen und warnen vor Konsequenzen.

  • Pro Juventute sagt: «Jugendliche leiden vor allem unter den Einschränkungen im Sozialleben stark.»

Partystimmung mitten im Lockdown: Über ein Dutzend Jugendliche stehen im Eingangsbereich einer S-Bahn, kreischen und feiern mit roten Bechern in der Hand. Mehrere Videos, die solche Treffen von jungen Erwachsenen in Zügen und Trams dokumentieren, kursieren derzeit auf Social Media, etwa auf der Instagram-Seite «Szene_isch_Zueri».

Die Szenen, die sich in den Zug- oder Tramwaggons abspielen, ähneln sich meistens: Es herrscht ausgelassene Stimmung, es sind mehr als die im öffentlichen Raum oder an privaten Veranstaltungen erlaubten fünf Personen zusammen unterwegs, es wird mutmasslich Alkohol konsumiert und viele tragen keine Maske. «Wieso in die Hosen machen wegen einer Grippe» und «Wer hat Angst vor den Bullen? Wir nicht!», steht in den Kommentaren unter einem Video.

SBB warnt vor Konsequenzen

Ein ähnlicher Vorfall ist auch der Gewerkschaft des Verkehrspersonals bekannt: «Wir haben Kenntnis erhalten, dass sich vergangenen Samstag Personen am Bahnhof Zürich trafen, sehr wahrscheinlich um Party zu feiern. Diese haben sich mit dem öffentlichen Verkehr nach Zürich begeben», sagt SEV-Gewerkschaftssekretär Jürg Hurni. Weil die Züge im Regionalverkehr grundsätzlich unbegleitet verkehrten, sei unbekannt, was zuvor in den Waggons vorgefallen sei.

Die SBB will sich auf Anfrage nicht dazu äussern, ob solche Zug-Partys seit Beginn des zweiten Lockdowns häufiger auftreten. SBB-Sprecher Martin Meier macht einzig klar, dass Treffen in Zügen verboten sind, wenn keine Maske getragen werde. Die Maske dürfe laut Meier nur «zum Verzehr eines kleines Picknicks, also für eine kurzzeitige Konsumation» abgenommen werden. Sonst drohen Konsequenzen: «Bei Verstössen gegen die Maskenpflicht kann unser Personal die Sicherheitsdienste beiziehen, was zu entsprechenden Ordnungsbussen und Verzeigungen führen kann.»

«Keine Handhabe gegen Treffen»

Den Verkehrsbetrieben Zürich sind gemäss Vizedirektorin Silvia Behofsits «einzelne Fälle» von Treffen Jugendlicher in Trams und Bussen bekannt, «die sich vor allem an den Wochenenden zugetragen haben». Behofsits appelliert an die Passagiere, sich regelkonform zu verhalten und Rücksicht auf andere Fahrgäste zu nehmen. «Wer sich weigert, eine Maske zu tragen oder Abstand zu halten, kann aufgefordert werden, das Verkehrsmittel bei der nächsten Haltestelle zu verlassen», warnt sie.

Bei Thurbo weiss man zwar vom Phänomen, «Treffen im grossen Stil» seien aber nicht bekannt, wie Sprecher Werner Fritschi sagt. Das Personal schreite dann ein, wenn gesetzliche Vorgaben oder die Hausordnung nicht eingehalten werde. Aber: «Werden die Regeln eingehalten, sieht Thurbo keinen Grund gegen solche Treffen vorzugehen beziehungsweise hat dazu auch keine Handhabe.»

Pro Juventute: «Weniger Freunde treffen, dafür die guten»

Bei Pro Juventute kennt man die Probleme, vor die der Lockdown junge Erwachsene stellt: «In unseren Beratungen stellen wir fest, dass Jugendliche vor allem unter den Einschränkungen im Sozialleben stark leiden», sagt Sprecher Bernhard Bürki. Viele fürchteten, durch die eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten ihre Freunde zu verlieren. Im Vergleich zum Vorjahr hätten die Beratungen zum Thema «Einsamkeit» und «Freunde verlieren» um 37 respektive 93 Prozent zugenommen.

Das digitale Beziehungsnetz könne den physischen Kontakt nicht vollständig kompensieren, so Bürki: «Wenn gemeinschaftliche Erlebnisse fehlen, fehlt auch eine Basis für den digitalen Austausch.» Der Rat der Jugendorganisation: «Wir empfehlen, dass man lieber weniger Freunde trifft, dafür die guten.»

Der Betreiber der Instagram-Seite «Szene_isch_Zueri», wo die Party-Videos publiziert wurden, hat Verständnis für die feiernden Jugendlichen: «Man kann im Moment nicht viel mit seinen Kollegen unternehmen, ausser an die frische Luft zu gehen.» Vielen fehlten deshalb die sozialen Kontakte, sagt der 20-Jährige, der anonym bleiben will. Er selber versucht trotz des Lockdowns den Kontakt mit seinen Freunden Corona-konform zu pflegen: «Wir machen zum Beispiel draussen Sport oder machen Takeaway und essen an einem coolen Aussichtspunkt.»

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