Frust, Druck und Spannungen im Alltag: Jugendliche lassen Pandemie-Stress an den Eltern aus
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Frust, Druck und Spannungen im AlltagJugendliche lassen Pandemie-Stress an den Eltern aus

Fälle häuslicher Gewalt häufen sich im Corona-Jahr. Täter war nicht nur der Partner oder die Partnerin – sondern oft auch das eigene Kind.

von
Georgia Chatzoudis
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Fälle häuslicher Gewalt, bei denen Eltern Opfer ihrer Kinder werden, haben in den letzten Monaten deutlich zugenommen.

Fälle häuslicher Gewalt, bei denen Eltern Opfer ihrer Kinder werden, haben in den letzten Monaten deutlich zugenommen.

Tamedia
Laut Experten sei es seit Beginn der Pandemie vermehrt zu Übergriffen von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Eltern gekommen. 

Laut Experten sei es seit Beginn der Pandemie vermehrt zu Übergriffen von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Eltern gekommen.

Daniel Karmann/dpa
«Die Pandemie-Lage erweist sich als Verstärker, insbesondere für bestehende Belastungen und Konflikte», sagt etwa Fedor Bottler von der Opferberatung Zürich.

«Die Pandemie-Lage erweist sich als Verstärker, insbesondere für bestehende Belastungen und Konflikte», sagt etwa Fedor Bottler von der Opferberatung Zürich.

20min/Francois Melillo

Darum geht’s

  • Konflikte innerhalb der Familie haben seit Beginn der Corona-Pandemie massiv zugenommen.

  • Laut verschiedenen Fachstellen gibt es einen Anstieg an Fällen, in denen Eltern physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Täter und Täterin ist dabei das eigene Kind.

  • Unter den Restriktionen der andauernden Corona-Massnahmen leiden vor allem junge Menschen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind in der Schweiz die Fälle von häuslicher Gewalt massiv gestiegen. Nicht nur Kinder, Jugendliche und Frauen erfahren vermehrt Gewalt, wie 20 Minuten berichtete. In den letzten Monaten sei es vermehrt zu physischen und psychischen Übergriffen von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Eltern gekommen, wie Beratungsstellen sagen.

Deutlicher Anstieg

So sagt etwa Fedor Bottler von der Opferberatung Zürich: «Wir stellen einen deutlichen Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt fest, in denen Kinder und Jugendliche gegenüber ihren Eltern Gewalt ausüben.» Als Grund für dieses Wachstum an Jugendgewalt gegenüber den eigenen Eltern vermutet er unter anderem die Isolation, die durch den andauernden Shutdown resultiert. «Die Pandemie-Lage erweist sich als Verstärker, insbesondere für bestehende Belastungen und Konflikte», sagt Bottler. «Spannungen können weiter begünstigt werden, da Familienangehörige momentan gezwungenermassen mehr Zeit miteinander verbringen.»

Auch Karin Moos vom Frauennottelefon Winterthur stellt im Zusammenhang mit den Corona-Massnahmen fest, dass Kinder und Jugendliche gegenüber ihren Eltern vermehrt ausfällig und übergriffig werden. «Die Fachstelle registriert einen besonders starken Anstieg der Fälle seit Beginn des Shutdowns Anfang dieses Jahres, weil die Corona-Müdigkeit immer weiter zunimmt und sich die ökonomischen Auswirkungen der Covid-Krise immer mehr abzeichnen.» Die Einschränkungen in Bezug auf Ausbildungsmöglichkeiten und Mobilität, die junge Erwachsene und Jugendliche im Zuge der Pandemie erfahren, führten zu mehr Frust, Druck und Spannungen im Alltag, so Moos. «Das sind alles Faktoren, die zu einem Anstieg der häuslichen Gewalt führen können.»

Shutdown als «Brandbeschleuniger»

Dass Corona «wie ein Brandbeschleuniger» auf konfliktträchtige Situationen innerhalb von Familien wirkt, sagt auch Yvonne Müller vom Elternnotruf Zürich. «Schwierigkeiten, die vorher schon da waren, werden durch die vielen Einschränkungen seit einem Jahr verstärkt», sagt die Co-Leiterin des Elternnotrufs weiter. Finanzielle Ängste, weniger soziale Kontakte der Jugendlichen, eine allgemein unsichere Zukunft und weniger Austauschmöglichkeiten der Eltern – das seien alles Gründe, weshalb Eskalationen im Familienkreis im Corona-Jahr zugenommen haben, sagt die Co-Leiterin des Elternnotrufs weiter.

Für gewaltbetroffene und gewaltausübende Personen gibt es schweizweit verschiedene Anlaufstellen, Beratungsangebote und Sorgentelefone (siehe Box unten).

«Unter den Corona-Massnahmen leiden vor allem Junge»

Dirk Baier ist Leiter Institut Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Dirk Baier ist Leiter Institut Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Herr Baier, wie erklären Sie sich die Zunahme an Fällen von Kindern und Jugendlichen, die Gewalt gegenüber ihren Eltern ausüben?

«Es dürfte noch wenige Eltern geben, die Gewalterlebnisse den Behörden berichten. So könnte die Bereitschaft gestiegen sein, sich in solchen Fällen Hilfe zu suchen und Fachstellen zu kontaktieren. Dies, weil öffentliche Diskussionen der letzten Jahre zu einer kontinuierlichen Enttabuisierung des Themas geführt haben dürften. Das würde also bedeuten, dass mehr Fälle aus dem Dunkelfeld ans Licht kommen. Mangels Studien wissen wir zu diesem Thema in der Schweiz aber deutlich zu wenig.»

Hat diese Entwicklung einen Zusammenhang mit den Corona-Massnahmen?

«Es hat sich gezeigt, dass die Pandemie das Risiko, an depressiven Störungen zu erkranken, erhöht hat. Hinzu kommt der familiäre Stress, der durch die zunehmende Arbeitslosigkeit und den Mangel an Freizeitmöglichkeiten erhöht wird. All das kann Konflikte in der Familie auslösen und dadurch Gewalt in Familien fördern. Es ist also durchaus zu folgern, dass die Corona-Massnahmen ein Grund für den Anstieg häuslicher Gewalt sind.»

Warum greifen gerade Kinder und Jugendliche vermehrt zu Gewalt?

«Unter den Corona-Massnahmen leiden vor allem die jungen Menschen. Es wundert daher nicht, dass gerade bei ihnen die höchste Betroffenheit depressiver Störungen während der Pandemiezeit registriert wird. Jugendliche sind zudem grundsätzlich impulsiver als Erwachsene. Dies bedeutet, dass sie erlebten Stress unmittelbarer durch körperliche und verbale Gewalt ausleben. Der Pandemie-Stress wird daher auch an den eigenen Eltern ausgelebt - unter anderem, weil die Kontakte zu Gleichaltrigen reduziert werden.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Online- und Einzelchatberatung für Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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