Körperideale: «Jugendliche stehen unter riesigem Druck»

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Körperideale«Jugendliche stehen unter riesigem Druck»

Buben wollen mehr Muskeln, Mädchen wollen abnehmen. Eine Expertin erklärt, warum viele Jugendliche mit ihrer Körperwahrnehmung danebenliegen.

von
num
Jugendliche glauben, dass ein schöner Körper automatisch mehr Erfolg bedeutet. (Symbolbild)

Jugendliche glauben, dass ein schöner Körper automatisch mehr Erfolg bedeutet. (Symbolbild)

Eine Studie der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat 371 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 17 Jahren zu ihrem Körper und ihrer Selbstwahrnehmung befragt. Chiara Testera Borrelli, Co-Leiterin Team Ernährung und Bewegung über Idealbilder, Vorbilder und Perfektionisten.

Frau Testera Borrelli, Mädchen wollen abnehmen, Buben mehr Muskeln. Hat Sie das Ergebnis wirklich überrascht?

Chiara Testera Borrelli: Es war mehr eine Bestätigung von ähnlichen Hinweisen aus der Praxis und aus der wissenschaftlichen Literatur, ja. Aber die hohe Anzahl an Buben und Mädchen, die eine negative Wahrnehmung ihres Körpers haben, war dann doch eine Überraschung.

Woher kommt diese negative Einstellung?

Wir sehen vor allem drei Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers: Die Gleichaltrigen, die Eltern und die Medien. In Medien werden vermehrt unrealistische Idealbilder des menschlichen Körpers präsentiert.

Was passiert da in den Köpfen der Jugendlichen?

Es lastet ein riesiger Druck auf den Jugendlichen, diesen Idealbildern hinterherzurennen. Sie sind in dieser Phase auch sehr empfindlich, was ihren Körper betrifft. Man kennt das aus seiner eigenen Pubertät: Der Körper verändert sich, er wird grösser und etwas runder – das ist völlig natürlich, wird aber von vielen Pubertierenden negativ interpretiert.

Buben sind im Allgemeinen etwas zufriedener als Mädchen. Warum?

Sie sehen den Körper auch aus einer funktionellen Perspektive. Zum Beispiel im Sport: Ihr Körper muss etwas leisten, schafft das auch – und daraus ziehen die Buben eine positivere Einschätzung ihres Körpergefühls. Mädchen müssten besser lernen, dass ihr Körper auch eine Funktionsweise hat und nicht das Aussehen als einziges Kriterium im Vordergrund steht.

Ein Fünftel der Jugendlichen kann sich nur sehr schlecht von unrealistischen Körperbildern abgrenzen. Woher kommt das?

Es sind kumulierte Faktoren, die zu einer solchen Störung der Wahrnehmung führen können. Oft spielen Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus eine Rolle. Und es sind Buben und Mädchen, die sich stärker mit Gleichaltrigen vergleichen als andere. Sie haben zudem die falsche Vorstellung, dass ein schöner Körper automatisch Erfolg bedeutet.

Sind dies vor allem Jugendliche, die Übergewicht haben oder sehr dünn sind?

Absolut nicht. Es sind auch solche Jugendliche darunter, die eine so verzerrte Wahrnehmung des Körpers haben, dass sie auch Normalgewicht als zu dick empfinden. Sie machen sich einfach übermässig Sorgen um ihr Aussehen. Man muss die positiven Ressourcen der Jugendlichen stärken. Und ihnen zeigen, dass sie mehr als nur ihr Körper sind.

Wie hilft man den Jugendlichen noch?

Verschiedene gute Präventionsprojekte in den Schulen oder im Kleinkindbereich existieren bereits, zum Beispiel Bodytalk oder Papperla PEP von der Fachstelle PEP. Gesundheitsförderung Schweiz möchte mit ihren Partnern diese Projekte stärker verbreiten. Zudem werden auch Weiterbildungen für Fachpersonen angeboten, um diese für das Thema zu sensibilisieren. Ausserdem wäre es schön, wenn die Medien vermehrt die Vielfalt des menschlichen Körpers zeigen würden.

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