Soziale Ungleichheit: Jugendliche sterben oft, weil sie benachteiligt sind
Publiziert

Soziale UngleichheitJugendliche sterben oft, weil sie benachteiligt sind

Soziale Ungleichheiten erklären laut einer neuen Studie zu einem grossen Teil die höhere Sterblichkeit von Jugendlichen im Vergleich zur Restbevölkerung.

von
fee
Die erhöhte Sterblichkeit von Jugendlichen ist kein Schicksal, sondern die Folge sozialer Ungleichheiten.

Die erhöhte Sterblichkeit von Jugendlichen ist kein Schicksal, sondern die Folge sozialer Ungleichheiten.

Seit über einem Jahrhundert ist bekannt, dass Menschen beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter vorübergehend ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko haben. Das Phänomen wurde jedoch bis heute nie hinreichend definiert, gemessen oder erklärt, wie der Nationale Forschungsschwerpunkt NFS Lives in einer Mitteilung schrieb.

Laut Adrien Remund von der Universität Genf gibt es drei mögliche Erklärungen: die psychologische Entwicklung bedingt einen «inneren Unruhezustand», das sozioökonomische Umfeld führt dazu, dass neue Rollen des Erwachsenenalters übernommen werden, oder eine kleine Gruppe von besonders gefährdeten Personen führt zu einer statistischen Verzerrung.

In seiner Doktorarbeit an der Universität Genf konnte Remund nun die erste Hypothese, die sich nur auf die neuropsychologische Entwicklung stützt, verwerfen. Er wies nach, dass eine sehr kleine, gefährdete Bevölkerungsgruppe ausreicht, um die Sterblichkeitsrate anzuheben.

Kein gefährliches Verhalten

Im Gegensatz zur bislang vertretenen Ansicht vieler Demografen und Psychologen seien an der erhöhten Sterblichkeit nicht in erster Linie die in dieser Lebensphase verbreiteten gefährlichen Verhaltensweisen schuld. Schliesst man die am stärksten gefährdeten Personen statistisch aus, verschwindet der Effekt der erhöhten Sterblichkeit.

Für seine Analyse verwendete Remund die Human Mortality Database, eine Sterbestatistik von über 10'000 Bevölkerungsgruppen, die Datensätze aus vier Jahrhunderten und vier Kontinenten enthält. Sie zeigte auf, dass die erhöhte Sterblichkeit junger Erwachsener weder ein universelles Phänomen, noch auf Jugendliche beschränkt ist.

Sie lasse sich auch nicht nur auf Unfälle und Suizide zurückführen. So wurde das Sterblichkeits-Phänomen vor dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich auf die Tuberkulose und die Müttersterblichkeit zurückgeführt.

Starke soziale Unterschiede

Remund untersuchte auch schweizerische Daten, die aus Sterberegistern sowie einer Studie zur Überlebensrate im Alter von 10 bis 34 Jahren von rund 375'000 Bürgern der Jahrgänge 1975 bis 1979 stammten. Er fand «unerwartet starke» Ungleichheiten bezüglich Geschlecht, Bildungsniveau, Haushaltstyp und sozioökonomischem Status.

Im schlimmsten Fall konnte das Risiko zwischen den am meisten gefährdeten und begünstigten Jugendlichen um einen Faktor 100 auseinanderklaffen. Für den Forscher beweist dies: «Die erhöhte Sterblichkeit junger Erwachsener ist kein unabwendbares Schicksal.»

Natürlich stellten Verkehrsunfälle und Suizide gegenwärtig die grösste Herausforderung der Gesundheitspolitik dar. Aber der sozioökonomische Kontext beim Übertritt ins Erwachsenenalter böte Raum für gewaltige Ungleichheiten in Bezug auf das Sterblichkeitsrisiko, schliesst der Experte.

Der Forschungsschwerpunkt «Lives – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens» strebt ein besseres Verständnis des Auftretens und der Entwicklung von Verletzbarkeit an sowie der Fähigkeiten diese zu überwinden. Er läuft seit 2011. (fee/sda)

Deine Meinung