Aktualisiert 19.10.2012 11:00

Jugendanwalt Gürber«Jugendliche wissen nicht, wie schlimm Raub ist»

Hansueli Gürber hat Mitglieder der brutalen Jugendbande verhört, die in Zürich 21 Überfälle verübt hat. Nun spricht der Jugendanwalt über die Täter – und über eine neue Generation von Jugendlichen, die Illegalität nicht mehr «geil» findet.

von
Marco Lüssi

Herr Gürber*, Sie haben Mitglieder der Räuberbande einvernommen, die in der Stadt in drei Monaten 21 Überfälle verübt hat – und mussten sich dabei von Sicherheitspersonal schützen lassen. Warum?

Hansueli Gürber: Dass wir Protectas-Leute hinzuziehen, kommt schätzungsweise nur bei drei Prozent der Befragungen vor – das ist eine Massnahme bei Jugendlichen, bei denen wir nicht sicher sind, wie sie reagieren. Das ist der Fall, wenn sie zum ersten Mal zu uns kommen – und wir ihnen beispielsweise eröffnen müssen, dass sie nach der Befragung ins Gefängnis kommen. Wenn sie wissen, dass sie nach der Einvernahme wieder gehen können, ist es in der Regel ungefährlich.

Mehr als ein Drittel der Opfer dieser Bande wurde verletzt. Ist dies eine normale Quote bei Raubüberfällen?

Nein, das ist untypisch und spricht für ein brutales Vorgehen, bei dem von Anfang an dreingeschlagen wird. In der Regel sind sowohl Täter als auch Opfer bei Raubüberfällen erschreckend routiniert: Die einen umstellen sie und drohen, die anderen denken «Pech gehabt» und rücken heraus, was gefordert wird. Dabei ist weder Tätern noch Opfern bewusst, dass Raub eigentlich eine der schwersten Straftaten ist. Unsere Arbeit ist es dann, ihnen dies klarzumachen.

Ein Teil der Mitglieder dieser Bande stammt aus Kriegsgebieten.

Ob dies der Grund für ihre Delinquenz ist, lässt sich jeweils schwer sagen. Feststellbar ist, dass die Kriminalität bei solchen Gruppen umso mehr zurückgeht, je weiter die Kriegsereignisse in ihrer Heimat zurückliegen. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie sich mit der Zeit besser integrieren. Das haben wir beispielsweise bei Jugendlichen aus dem Balkan festgestellt.

Generell geht die Jugendkriminalität gemäss Statistik im Kanton Zürich zurück. Haben Sie noch genug Arbeit?

Ja, aber endlich können wir wieder normal arbeiten. Das ist etwa seit zweieinhalb Jahren der Fall. Vorher ertrank ich fast in der Arbeit und hatte etwa 150 Pendenzen. Heute sind es vielleicht noch 40 oder 50. Das wirkt sich natürlich auch positiv auf die Qualität unserer Arbeit aus.

Wie erklären Sie sich diesen Rückgang?

Ich glaube, es rückt eine neue Generation nach, die Illegalität einfach nicht mehr «geil» findet. Jedenfalls hoffe ich, dass es so ist, und dass sich nicht wieder ein Anstieg abzeichnet, spricht dafür, dass es so ist.

Bei den Raubstraftaten ist in diesem Jahr aber wieder eine starke Zunahme zu verzeichnen.

Das stimmt. Aber mit meiner 27-jährigen Erfahrung als Jugendanwalt kann ich sagen, dass Raubüberfälle immer sehr wellenartig auftreten. Sobald wieder eine Gruppe wie jene, über die wir gesprochen haben, aus dem Verkehr gezogen wird, wirkt sich dies auch auf die Zahlen aus. Bis dann wieder neue nachrücken.

Was für Fälle beschäftigen Sie derzeit am meisten?

Generell lässt sich sagen: Wir haben es zu tun mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen, die selber schwierig sind. Bei den Delikten gibt es nichts, was besonders heraussticht. Die Schwerpunkte liegen bei Raub, Diebstahl und auch Sachbeschädigungen.

*Hansueli Gürber ist Jugendanwalt für die Stadt Zürich.

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