Covid-19 Corona Zertifikatspflicht – Jugis müssen Ungeimpfte abweisen – «Wir wissen nicht, was aus ihnen wird»

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«Wissen nicht, was aus ihnen wird»Jugendtreffs müssen Ungeimpfte wegen Zertifikatspflicht abweisen

Auch in Jugendzentren gilt ab 16 Jahren die Zertifikatspflicht. Doch Jugendliche sind im Vergleich zum Rest der Bevölkerung selten geimpft und Tests sind nicht mehr umsonst. Einige bleiben deshalb den Angeboten der Jugendarbeit fern.

von
Steve Last
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Das Jugendzentrum Dreirosen in Basel ist ein «erweitertes Wohnzimmer» für viele Jugendliche.

Das Jugendzentrum Dreirosen in Basel ist ein «erweitertes Wohnzimmer» für viele Jugendliche.

Jugendzentrum Dreirosen
Hier können sie chillen, sich mit Peers ihren Interessen widmen oder die Hilfe der Jugendarbeit in Anspruch nehmen.

Hier können sie chillen, sich mit Peers ihren Interessen widmen oder die Hilfe der Jugendarbeit in Anspruch nehmen.

Jugendzentrum Dreirosen
Doch seit die erweiterte Zertifikatspflicht gilt, bleiben einige den Zentren fern, obwohl sie gerne hingehen würden.

Doch seit die erweiterte Zertifikatspflicht gilt, bleiben einige den Zentren fern, obwohl sie gerne hingehen würden.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Seit dem 13. September gilt in der Schweiz die erweiterte Zertifikatspflicht.

  • Das schliesst auch Jugendzentren ein, in denen man nur noch mit Impfung oder Test reinkommt.

  • Teilweise kommen Jugendliche nicht mehr in die Jugis und verzichten so auch auf Angebote der Jugendarbeit.

«Wir müssen leider ältere Jugendliche, die uns besuchen wollen, abweisen. Das ist für uns sehr schwierig», sagt Claudia Gunzenhauser. Sie ist Co-Leiterin des Jugendzentrums Dreirosen in Basel. Seit am 13. September die erweiterte Zertifikatspflicht eingeführt wurde, dürfen auch Jugendliche ab 16 Jahren nur noch mit Impfung oder Test ins Jugi. Für die Jugendarbeitenden und für das Publikum ist die Lage schwierig.

Das Jugi soll ein offener Treff sein, eine Art «erweitertes Wohnzimmer». Einerseits könnten junge Menschen dort einfach mal sein und chillen, so Gunzenhauser. Auf der anderen Seite stünden ihnen dort für Themen, die sie beschäftigen, Ansprechpersonen zur Verfügung. «Wir begleiten und betreuen sie, bauen Beziehungen auf», sagt sie. Einige kämen täglich, doch wegen der Zertifikatspflicht blieben andere fern: «Wir wissen nicht, was aus ihnen wird», so die Jugendarbeiterin.

Gunzenhauser ist sich sicher, dass die Jugendlichen andere Orte finden, um sich zu treffen. «Doch die Zertifikatspflicht herrscht überall und schliesst sie aus. Wir könnten das abfedern, dürfen aber nicht. Damit fällt der geschützte Rahmen weg», hält sie fest. Das schmerze besonders, wo die Jungen Hilfe bräuchten: «Es gibt Situationen, in denen sich uns Jugendliche anvertrauen und uns Probleme schildern, bei denen wir sie aktiv unterstützen. Durch die niederschwellige Arbeit der offenen Jugendarbeit kann hier einiges aufgefangen werden, was in der Schule oder zu Hause manchmal nicht geschieht», erzählt Gunzenhauser.

Wieso lassen Sie sich nicht impfen?

«Ich bin gesund und soll mich jetzt impfen lassen?», sagt ein Jugi-Besucher zu «SRF News». Ein anderer habe sich nur impfen lassen, um an die Herbstmesse gehen zu können. Laut Gunzenhauser sind die Einstellungen zur Impfung sehr unterschiedlich: «Viele haben sich impfen lassen, andere wollen gar nicht. Bei anderen entscheiden wiederum die Eltern mit», sagt sie zu 20 Minuten.

Es sei klar, wie wichtig Social Media in ihrem Leben sei, das gelte auch für die Informationsbeschaffung. «Doch dort kursiert viel Halbwahres oder ganz Falsches», stellt sie fest. Dem versuche man entgegenzuwirken. Am liebsten wäre ihr aber, wenn die Zertifikatspflicht im Jugi auf 20 Jahre erhöht würde. So könnten Teenager das Angebot weiterhin unbeeinträchtigt wahrnehmen.

Impfung erreicht junge Bevölkerung weniger

Dass die Impfkampagne die junge Bevölkerung nur eingeschränkt erreicht hat, zeigen Zahlen des BAG. Zwar ist der Impfstoff von Pfizer/Biontech seit Dezember 2020 ab 16 Jahren zugelassen, geimpft wurden in den Kantonen aber zunächst vor allem ältere und gesundheitlich angeschlagene Menschen. Erst am 9. Juni 2021 stieg die Zahl der Zehn- bis 19-Jährigen, die zumindest eine Dosis erhalten haben, auf über ein Prozent. Bei den 20- bis 29-Jährigen waren es schon über acht Prozent. Die Gruppe 80+ war zu knapp 80 Prozent zumindest angeimpft. Am 24. Oktober waren die Zehn- bis 19-Jährigen mit 41,72 Prozent die deutlich am wenigsten geimpfte Bevölkerungsgruppe der Schweiz (mit Ausnahme der bis Neunjährigen, für die es noch keine zugelassene Impfung gibt).

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Im Mai 2021 stieg die Anzahl der geimpften Zehn- bis 19-Jährigen in der Schweiz erstmals über ein Prozent. Gemäss Prioritäten wurden zunächst Ältere und gesundheitlich Angeschlagene geimpft.

Im Mai 2021 stieg die Anzahl der geimpften Zehn- bis 19-Jährigen in der Schweiz erstmals über ein Prozent. Gemäss Prioritäten wurden zunächst Ältere und gesundheitlich Angeschlagene geimpft.

BAG
Dann nahm die Impfkampagne Fahrt auf.

Dann nahm die Impfkampagne Fahrt auf.

BAG
Seit der Zulassung der Impfung ab zwölf Jahren am 22. Juni zieht die Impfkurve bei den Zehn- bis 19-Jährigen an. Sie bleiben aber die am wenigsten geimpfte Altersgruppe, für die ein Impfstoff zur Verfügung steht.

Seit der Zulassung der Impfung ab zwölf Jahren am 22. Juni zieht die Impfkurve bei den Zehn- bis 19-Jährigen an. Sie bleiben aber die am wenigsten geimpfte Altersgruppe, für die ein Impfstoff zur Verfügung steht.

BAG

Gesunde junge Menschen mussten lange auf die Impfung warten, bekamen die Auswirkungen der Pandemie aber sofort zu spüren. Nun müssen 16-Jährige den Test für das Zertifikat selber bezahlen. Dass sie das tun, um ins Jugi zu gehen, hält Marcus Casutt für unwahrscheinlich. Er ist Geschäftsleiter des Dachverbandes für Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ). «Wir waren überrascht, dass die Zertifikatspflicht so schnell eingeführt wurde – in Anbetracht des Impffortschritts bei der jungen Bevölkerung zu schnell», sagt er. Darum empfiehlt der Verein, die Jugend besser zu informieren und bis dahin zumindest bei der Offenen Jugendarbeit das Alter für den Zugang ohne Zertifikat auf 25 Jahre anzuheben.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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