Coronavirus: «Junge absichtlich zu infizieren, wäre unethisch»
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Coronavirus«Junge absichtlich zu infizieren, wäre unethisch»

Ein Ökonom schlägt vor, junge Leute, für die das Coronavirus kaum gefährlich ist, zu «durchseuchen». Für das BAG ist das theoretisch interessant, praktisch aber nicht umsetzbar.

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dgr
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Für Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim BAG, hat der Schutz der Bevölkerung Priorität vor wirtschaftlichen Interessen. Junge mit dem Virus anzustecken, damit diese immun werden und wieder arbeiten können, hält er für nicht durchsetzbar.

Für Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim BAG, hat der Schutz der Bevölkerung Priorität vor wirtschaftlichen Interessen. Junge mit dem Virus anzustecken, damit diese immun werden und wieder arbeiten können, hält er für nicht durchsetzbar.

Wie können wir den Schaden für die Wirtschaft klein halten? Der Ökonom Reiner Eichenberger sagt zu 20 Minuten: «Das Ziel könnte also eine klug gelenkte Durchseuchung sein.» Denn je mehr Leute das Virus gehabt hätten, desto weniger könne es sich ausbreiten und Alte und Schwache gefährden.

Wie können wir den Schaden für die Wirtschaft klein halten? Der Ökonom Reiner Eichenberger sagt zu 20 Minuten: «Das Ziel könnte also eine klug gelenkte Durchseuchung sein.» Denn je mehr Leute das Virus gehabt hätten, desto weniger könne es sich ausbreiten und Alte und Schwache gefährden.

Reto Oeschger
Liestal BL, 8. März 2020: In der Schweiz gibt es den zweiten Todesfall infolge einer Infektion mit dem Coronavirus. Ein Mann verstarb im Spital in Liestal an den Folgen der Infektion.Der Kanton Basel-Landschaft informierte am Sonntagnachmittag über die Hintergründe.

Liestal BL, 8. März 2020: In der Schweiz gibt es den zweiten Todesfall infolge einer Infektion mit dem Coronavirus. Ein Mann verstarb im Spital in Liestal an den Folgen der Infektion.Der Kanton Basel-Landschaft informierte am Sonntagnachmittag über die Hintergründe.

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Der Ökonom und Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger sagte gegenüber 20 Minuten, eine absichtliche Ansteckung junger Schweizer mit dem Coronavirus könnte helfen, die wirtschaftlichen Schäden möglichst gering zu halten: «Das Veranstaltungs- und Reiseverbot verursacht immense Kosten. Wir müssen jetzt überlegen, Junge vorbeugend und gezielt zu durchseuchen.» Diese wären nach zwei Wochen in Quarantäne so gut wie immun gegen das Virus und könnten wieder arbeiten, festen und reisen.

Auch für den Notarzt und Harvard-Dozenten Jeremy Samuel Faust ist der Schutz junger, gesunder Menschen nicht mehr sinnvoll. Er schreibt auf Slate.com: «Wir müssen unsere Ressourcen zum Schutz älterer und besonders gefährdeter Personen einsetzen.» Ausserdem sei die Sterblichkeitsrate beim Coronavirus wohl deutlich tiefer als bisher angenommen (siehe Box).

«Verbreitung bei Gesunden kann nicht verhindert werden»

Für Mark Witschi, Leiter Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim Bundesamt für Gesundheit, ist Eichbergers Idee «theoretisch spannend». Der Beweis, dass eine einmalige Ansteckung mit dem Coronavirus vor weiteren Ansteckungen schützte, sei zwar noch nicht erbracht. Dass es bei so vielen Ansteckungen noch kaum Doppelansteckungen gegeben habe, deute aber darauf hin, dass eine Ansteckung tatsächlich einen hohen Grad an Immunität verspricht, sagt Witschi.

Der Idee, junge Menschen absichtlich zu infizieren, steht Witschi trotzdem kritisch gegenüber: «In der Realität würde sich die Trennung von durchseuchten und Risikopatienten unmöglich sauber vollziehen lassen.» Witschi denkt etwa an Grosseltern, die ihre Enkelkinder betreuen, oder an den Ausgang am Wochenende: «Die Gesellschaft ist kein Labor, wir können unmöglich kontrollieren, wer wen kontaktiert.» Das Risiko sei schlicht zu gross.

«Prognosen für die Wirtschaft sind schwierig»

Dazu kommt: «Bei jungen Menschen verläuft die Erkrankung am Coronavirus zwar meist harmlos, aber nicht immer.» Möglich wäre laut Witschi, dass jemand aufgrund einer unbekannten Vorerkrankung Risikopatient ist, das aber gar nicht weiss: «Im dümmsten Fall könnte jemand sterben, weil man ihn oder sie absichtlich infiziert hat.» Deshalb wäre es für Witschi unethisch, Menschen absichtlich zu infizieren.

Für Witschi hat der Schutz der Bevölkerung Priorität vor wirtschaftlichen Interessen. «Aber selbstverständlich müssen die Massnahmen umsetzbar und verhältnismässig sein.» Verlässliche Prognosen der wirtschaftlichen Schäden seien schwierig: «In Italien wurden grosse Teile des Landes abgeriegelt und fast zum Stillstand gebracht.» Für Witschi stellt sich die Frage, ob der Wirtschaft mit einem Veranstaltungsverbot zu einem früheren Zeitpunkt nicht mehr gedient gewesen wäre. «So hätte die rasante Verbreitung möglicherweise verlangsamt werden können und die Situation wäre jetzt nicht so drastisch – für die Menschen, aber auch für die Unternehmen.»

Wenig Verständnis für Eichenbergers Idee bringen zwei Experten auf. Beda Stadler ist ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern: «Junge Menschen anzustecken, birgt ein zu grosses Risiko», sagt er. Junge Menschen, die «en masse» angesteckt würden, hätten nicht genügend Disziplin: «Deshalb würde das Virus wohl erst recht gehäuft auf die Alten übergreifen.»

«Die Toten kommen nicht zurück ins Leben»

Anstatt die Jungen nun massenhaft anzustecken, empfiehlt Stadler eine bessere Trennung: «Unsere Gesellschaft kennt den Jugendschutz. Jetzt wäre es an der Zeit, ihn temporär in einen Altenschutz umzuwandeln», sagt der Immunologe. Sprich: «Bis die Seuche vorbei ist, sollten Veranstaltungen entweder für die Alten verboten sein oder es werden nur Betagte zugelassen.» So liesse sich die Ansteckung älterer Menschen laut Stadler bestmöglich verhindern. «Veranstalter hätten dann eine einfache Regel, an die sie sich halten können und die jeder Türsteher nachvollziehen kann.»

Von einer «gefährlichen und unverantwortlichen Idee» spricht auch Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel: «Bald haben wir hoffentlich Therapien oder einen Impfstoff. Jetzt das Handtuch zu werfen, setzt Menschenleben aufs Spiel.» Er findet, jetzt müsse nicht weniger gemacht werden, um die Verbreitung zu verlangsamen, sondern mehr. «Denn egal, wie hoch die wirtschaftlichen Schäden sind, das rechtfertigt nicht, Menschen absichtlich zu infizieren. Die Toten kommen nicht zurück ins Leben. Die Wirtschaft schon.»

Sterblichkeitsrate könnte deutlich tiefer sein, als angenommen

dass die Sterblichkeitsrate wohl höchstens halb so hoch ist, wie bisher angenommen.»

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