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Keine FestanstellungJunge Angestellte werden in befristete Jobs gedrängt

Die Zahl befristeter Jobs nimmt zu. Grund: Firmen möchten ihre finanziellen Risiken auf Angestellte abwälzen. Bei den Angestellten führt das zu grosser Unsicherheit.

von
K. Wolfensberger
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Befristete Verträge nehmen in der Schweiz zu: ein Bauarbeiter während der Arbeit.

Befristete Verträge nehmen in der Schweiz zu: ein Bauarbeiter während der Arbeit.

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Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund fordert daher ein Einschreiten der Politik: «Um das Problem zu lösen, braucht es einerseits gesetzliche Einschränkungen der Temporärarbeit.»

Daniel Lampart vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund fordert daher ein Einschreiten der Politik: «Um das Problem zu lösen, braucht es einerseits gesetzliche Einschränkungen der Temporärarbeit.»

Keystone/Lukas Lehmann
Andererseits müssten griffige Massnahmen gegen die für Schweizer Verhältnisse hohe Arbeitslosigkeit ergriffen werden. Dazu gehöre, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) alles in ihrer Macht Stehende tue, um den Wert des Frankens zu senken.

Andererseits müssten griffige Massnahmen gegen die für Schweizer Verhältnisse hohe Arbeitslosigkeit ergriffen werden. Dazu gehöre, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) alles in ihrer Macht Stehende tue, um den Wert des Frankens zu senken.

Keystone/Anthony Anex

Ob Baustelle oder Büro: Der Einstieg ins Berufsleben wird für junge Erwachsene zunehmend schwerer. Wie Zahlen des Bundesamt für Statistik aufzeigen, haben heute mehr als 20 Prozent der Berufstätigen zwischen 15 und 24 Jahren einen befristeten Arbeitsvertrag. Viele Jugendliche sind somit trotz Berufslehre gezwungen, temporär oder befristet zu arbeiten.

Hatten Sie schon einen befristeten Vertrag? Erzählen Sie es uns im Formular:

Hauptgrund für die Zunahme befristeter Arbeitsverträge und Temporär-Jobs sei die allgemeine Situation auf dem Schweizer Arbeitsmarkt, erklärt Daniel Lampart im Gespräch mit 20 Minuten. «Die Arbeitslosigkeit ist heute deutlich höher als Anfang der 2000er-Jahre», so der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB). Arbeitgeber könnten das ausnützen, indem sie häufiger nur befristete Verträge anböten.

Angestellte zunehmend verzweifelt

Aus diesem Grund seien die Angestellten in gewissen Branchen zunehmend verzweifelt. Lampart erklärt: «Sie möchten zwar unbedingt eine Festanstellung, müssen sich am Schluss aber mit einem befristeten Vertrag zufriedengeben, weil sie sonst keine Stelle finden.»

Lehrabgänger versuchen die Zeit bis zu einer Festanstellung teilweise auch mit einem Praktikum zu überbrücken. Die Zahl derjenigen, die nach der Lehre ein Praktikum absolvieren, hat 2016 laut Michael Kraft von KV Schweiz um einen Prozentpunkt zugenommen.

Problem trifft auch Ältere

Nebst jungen Arbeitnehmern treffe die Problematik der befristeten Verträge auch die 25- bis 49-Jährigen, aber etwas weniger stark. Schlecht sieht es dafür auch bei den über 50-Jährigen aus, die nach einer Entlassung oft keine neue Festanstellung mehr erhalten. Gleichzeitig sind die Firmen bei Frühpensionierungen knausriger geworden – auch wegen der schwierigeren Situation bei den Pensionskassen, so Daniel Lampart.

Der Gewerkschafter fordert daher ein Einschreiten der Politik. «Um das Problem zu lösen, braucht es einerseits gesetzliche Einschränkungen der Temporärarbeit», so Lampart. Andererseits müssten griffige Massnahmen gegen die für Schweizer Verhältnisse hohe Arbeitslosigkeit ergriffen werden. Dazu gehöre, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) alles in ihrer Macht Stehende tue, um den Wert des Frankens zu senken. Das komme Exportfirmen, dem Detailhandel oder dem Tourismus zugute.

Arbeitgeber entgegnen

Mit der Zunahme der befristeten Verträge konfrontiert, betont der Arbeitgeberverband deren Nutzen in gewissen Situationen. «Bietet ein Arbeitgeber einen befristeten Arbeitsvertrag an, wäre für ihn die Alternative dazu oft, von einer Anstellung insgesamt abzusehen», sagt Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht des Verbandes, zu 20 Minuten.

Ausserdem solle man die Entwicklung nicht dramatisieren. «Der weitaus grösste Teil aller Arbeitnehmer befindet sich auch heute in einer dauerhaften Anstellung», so Lützelschwab. Es sei zudem nicht selten der Fall, dass befristete Verträge bei Bedarf des Arbeitgebers und Eignung des Arbeitnehmers in unbefristete Verträge umgewandelt würden.

Der Verband empfiehlt Arbeitnehmern daher, gegebenenfalls mit einem temporären Vertrag zu beginnen und während der befristeten Zeit alles daran zu setzen, Werbung in eigener Sache zu machen. So könne man sich für eine unbefristete Stelle empfehlen.

Herr Winkler*, wie wirken sich befristete Arbeitsverhältnisse auf die Angestellten aus?

Ein befristeter Vertrag bringt Unsicherheit mit sich. Die Frage, was sie nachher machen sollen, treibt die Leute um. Zudem fühlen sich viele nicht richtig wertgeschätzt. Sie fragen sich, warum sie im Gegensatz zu ihren Arbeitskollegen keinen richtigen Arbeitsvertrag erhalten.

Wirkt sich das auf die Arbeit aus?

Es kann sich negativ auf die Arbeit auswirken, wenn sich die Gedanken ständig um die berufliche Zukunft drehen. Auch das Gefühl der Ungerechtigkeit kann sich massiv auf die intrinsische Motivation auswirken und langfristig auch auf die Leistung. Man könnte auch argumentieren, dass sich Angestellte mit befristeten Verträgen in der Hoffnung auf eine fixe Anstellung besonders anstrengen. Das habe ich bisher aber noch nicht beobachtet.

Wird es künftig mehr befristete Arbeitsverträge geben?

Es deutet vieles darauf hin, dass das zunehmen wird. Für die Angestellten ist das problematisch. Es mag Ausnahmen geben, aber in meinen bisherigen Befragungen und Interviews bin ich noch keinen Angestellten begegnet, die den befristeten Vertrag positiv fanden. Auch für die Unternehmen kann es ein Problem sein: Sehr gute Leute entscheiden sich systematisch gegen befristet Verträge.

*Silvan Winkler ist Organisationsentwickler bei GfK Switzerland AG

Was tun gegen befristete Verträge?

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