Ohne Perspektiven: Junge aus dem Balkan wollen in die Schweiz
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Ohne PerspektivenJunge aus dem Balkan wollen in die Schweiz

In den Balkanstaaten will mehr als jeder zweite Bewohner unter 29 Jahren auswandern. Die Jungen erhoffen sich unter anderem in der Schweiz bessere Chancen.

von
vro
138 Kosovaren, die illegal einreisen wollten, wurden in den ersten vier Monaten 2015 von der Schweizer Grenzwache aufgegriffen.

138 Kosovaren, die illegal einreisen wollten, wurden in den ersten vier Monaten 2015 von der Schweizer Grenzwache aufgegriffen.

Die beruflichen Aussichten sind schlecht, die politische Entwicklung bedenklich. In den Balkanstaaten ist die Stimmung unter den Jugendlichen gedrückt. Viele wollen deshalb auswandern. Das zeigt eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. In Albanien seien 67 Prozent der Jugendlichen bereit, sich in einem anderen Land niederzulassen. Im Kosovo sind es 55 Prozent, in Mazedonien 53 Prozent und in Bosnien-Herzegowina 49 Prozent. Zu den Ländern, die für einen Neustart in Frage kommen, zählt auch die Schweiz. So würden 33 Prozent der kosovarischen Jugend ein Leben bei uns bevorzugen.

Der Winterthurer SP-Politiker Blerim Bunjaku, der selbst kosovarische Wurzeln besitzt, hat dafür eine simple Erklärung: «Es gibt manche, die eine Stelle haben und gut verdienen. Andere hingegen leiden unter Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Korruption. Sie haben da schlicht keine Zukunft.» Jene, die eine sichere Stelle hätten, würden niemals auf die Idee kommen, auszuwandern.

Kaum Chancen auf Asyl

Doch die schlechten Zukunftsaussichten im Kosovo bewegen viele, ihr Glück anderswo zu suchen. Oftmals in der Schweiz. «Das lässt sich einfach erklären. Viele kennen die Schweiz, weil sie Bekannte haben, die sich hier niedergelassen haben und in den Ferien von ihrem Leben in der Schweiz erzählen», sagt Bunjaku.

Eine reelle Chance, in der Schweiz Asyl zu erhalten, dürften die Jugendlichen allerdings nicht haben. «Der Kosovo ist für die Schweiz ein sicherer Staat. Das bedeutet, dass die Chance auf eine Asylaufnahme relativ gering sind», sagte Léa Wertheimer, Sprecherin des Staatssekretariats für Migration, im Februar zu 20 Minuten.

«Schweiz und EU müssen etwas auf die Beine stellen»

Dennoch ist der Zuwanderungsstrom aus dem Kosovo in die Schweiz spürbar. Es wird angenommen, dass im ersten Quartal des Jahres über 30'000 Kosovaren ihr Land verlassen haben – vorwiegend aus wirtschaftlichen Gründen. Zwar ist die Welle wieder etwas abgeflacht, doch in den ersten vier Monaten des Jahres erwischte die Schweizer Grenzwache 138 Kosovaren, die illegal einreisen wollten.

«Im Kosovo wird die Jugend im Stich gelassen. Die Regierung macht sehr wenig für sie. Es liegt deshalb an der Schweiz und der EU, im Land etwas auf die Beine zu stellen», sagt Bunjaku. Dem pflichtet Bashkim Iseni, Betreiber der Informationsplattform Albinfo.ch, bei: «Die Schweiz und die EU müssen nun Druck auf den Kosovo ausüben, ansonsten verschlimmert sich die bereits prekäre Situation noch weiter», sagte er zu 20 Minuten.

Möglichst viele Illegale aufgreifen

Gegen die Migrationswelle könne die Schweiz kaum etwas machen, erklärt SVP-Migrationsexperte Heinz Brand. «Es gibt im Land viele Anziehungsfaktoren für Kosovaren.» Damit meint er etwa enge Beziehungen zu Schweizern mit kosovarischen Wurzeln. Den persönlichen Ausreisewillen der Jungen könne man nicht brechen. Die einzige Möglichkeit sei, dafür zu sorgen, dass an den Grenzen möglichst viele Illegale aufgegriffen würden.

Für die aktuelle Studie wurden knapp 9000 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 29 Jahren aus den Ländern Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Rumänien und Slowenien befragt. Auch Deutschland, Grossbritannien und die USA können sich viele als neue Heimat vorstellen.

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