Aktualisiert 07.05.2015 06:56

Gefährlicher Trend

«Junge fragen mich oft direkt nach Anabolika»

Muskeln, Muskeln, Muskeln – dafür machen junge Schweizer alles. Um schneller ans Ziel zu kommen, greifen sie zu Anabolika und landen mit Gesundheitsschäden beim Arzt.

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Krafttraining reicht vielen jungen Männern nicht mehr: Damit die Muskeln schneller wachsen, nehmen sie Anabolika

Krafttraining reicht vielen jungen Männern nicht mehr: Damit die Muskeln schneller wachsen, nehmen sie Anabolika

Viele Jugendliche trainieren täglich im Fitnesscenter mit nur einem Ziel: Muskeln aufbauen. Doch oft wachsen ihnen die Muskeln mit Krafttraining nicht schnell genug. Deshalb greifen sie zu Anabolika, wie Robert Klingl, Facharzt für Innere Medizin und Sportexperte beim Arzthaus St. Gallen, bestätigt. Der Missbrauch dieser Substanz hat in den letzten Jahren zugenommen. «Ich behandle immer mehr Jugendliche, die aufgrund ihres übermässigen Anabolika-Konsums unter Nebenwirkungen leiden.»

Typischerweise falle die sehr schlechte, mit Akne und Pickeln übersäte Haut auf, so Klingl. Doch dabei bleibt es nicht immer. Die Nebenwirkungen sind vielfältig und allesamt gefährlich (siehe Box). Im schlimmsten Fall stirbt die Person an Herzversagen und Sekundentod. «Der Druck, etwas darstellen zu müssen – und sei es nur Muskelmasse, ist dermassen gestiegen, dass ich oft auch direkte Anfragen für Anabolika erhalte.»

«Sie kaufen bei uns jeweils ihre Spritzen»

In den letzten Jahren hat auch die Zahl der am Zoll beschlagnahmten illegalen Heilmittel, vor allem von Muskelaufbaupräparaten, massiv zugenommen. 482 solche Sendungen fing der Zoll im letzten Jahr ab, 2013 waren es erst 300 gewesen. Anabolika sind gegenwärtig nach den Potenzmitteln die am zweithäufigsten illegal importierten Substanzen in die Schweiz.

Roman Schmid, Geschäftsführer der Bellevue Apotheke in Zürich, hat regelmässig mit jungen Menschen zu tun, die Anabolika nehmen. «Sie kaufen bei uns jeweils ihre Spritzen», sagt er. Er gebe diese raus, weil er so wenigstens sicher wisse, dass die Jugendlichen saubere Utensilien benützten. «Man sieht ihnen von weitem an, wofür sie die Spritzen brauchen. Sie haben meist Pickel im Gesicht und sehen unnatürlich muskulös aus», sagt Schmid. Wenn man sie jedoch auf die Risiken hinweise, seien die jungen Männer absolut beratungsresistent.

Sie wollen ihr körperliches Idealbild erreichen

Wie viele junge Schweizer Anabolika nehmen, ist unklar. Domenic Schnoz, Stellenleiter der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Alkohol- und Medikamenten-Missbrauchs (Züfam), sagt, in der Schweiz fehlten Daten dazu.

Eine Online-Umfrage von Züfam zum Thema hat ergeben: Rund 80 Prozent der Anabolika-Konsumenten sind Freizeit- und nicht Profisportler, mehr als die Hälfte sind zwischen 18 und 29 Jahren alt, 98 Prozent sind Männer. Über 90 Prozent der Umfrageteilnehmer nehmen Anabolika, um ihr körperliches Idealbild zu erreichen, und über 40 Prozent wollen damit ihr Selbstwertgefühl verbessern. Schnoz: «Das Thema beschäftigt uns und wir sind dabei, Massnahmen zu entwickeln, um Jugendliche und junge Erwachsene gezielt über die Risiken zu informieren.»

Haben Sie schon zu Anabolika gegriffen, um das Wachstum Ihrer Muskeln zu beschleunigen? Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen per Mail an feedback@20minuten.ch und geben Sie nach Möglichkeit auch Ihre Telefonnummer an.

Nebenwirkungen von Anabolika

Beim Konsum von Anabolika wird der natürliche Hormonhaushalt gestört und teilweise ausgeschaltet. Bei Frauen kann es zu einer Vermännlichung mit tiefer Stimme, verstärkter Körperbehaarung, Rückbildung der Brüste und Störung der Monatsregel kommen, bei Männern zu einer Verweiblichung mit Brustwachstum, Schrumpfung der Hoden und einer Störung der Spermienproduktion.

Die Einnahme von Anabolika über eine längere Zeit kann zu Leberentzündungen und Leberkrebs führen. Erhöhter Blutdruck belastet den Herzkreislauf, und erhöhte Blutfettwerte steigern das Herzinfarktrisiko. Bei Jugendlichen kann es zu einem Stillstand des Wachstums kommen. Weitere Nebenwirkungen sind das Auftreten von Akne und Haarausfall.

Psychische Folgen wie eine erhöhte Aggressivität sind ebenfalls möglich. Kognitive Prozesse wie Gedächtnisleistung und Konzentrationsfähigkeit können negativ beeinflusst werden.

Es ist unklar, ob der Konsum von Anabolika eine Abhängigkeit erzeugen kann. Es gibt Sportler, die nach dem Absetzen von Anabolika an Depression leiden.

Quelle: Suchtprävention Kanton Zürich

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